Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Article
- Der Turm der Hoffnung
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 1)
- Language
- German
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125 Der Turm der Hoffnung. 126 Ein alter jüdischer Volksglaube kündet folgendes: wenn zwei Bekenner des einig-einzigenGottes genau in dem Augenblick, da der Morgenstern aufgeht, das »SchemaIsrael" ausrufen, so würde dieses Bekenntnis in der himmlischen Welt einen so mächtigen Eindruck machen, daß Messias erscheinen müßte. Dieser poetischeund ergreifende Volksglaube hat einen naiven und rührenden Ausdruck darin gefunden, daß in Jerusalem eine Gruppe frommgläubiger Juden einen Aussichtsturm erbaut haben, an dessen höchster Spitze auf einem Balkon Nacht fürNachtzwei Personen Wache halten und ausschauen, um ganz genau den Moment abzupassen, da der Morgenstern über dem Horizont erscheint. Wenn ihnen das einmal gelingt und sie: wHöre, DER TURM DER HOFFNUNG. Der Turm der Hoffnung. Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" ausgerufen haben, dann wird alsogleich dasmessianische Zeitalter anbrechen, und die Erlösung für Israel und die Welt' ist gekommen. Leider ist das bis zur Stunde noch nicht gelungen*~. . . Aber, gibt es ein Volk, das so zäh und unerschütterlich hoffen und warten kann, wie die Juden? Das nebenstehende Bild zeigt den .von Beiträgen aus aller Welt unterhaltenen hübschen Turm, indessen Erdgeschoß eine Synagoge : eingerichtet ist, und an der Spitze die zwei Juden, die - am Himmel Ausschau halten und hoffen und harren . . .' Gleich einem. Bild aus biblischer Zeit ragt das schmucke Bauwerk in die Höhe, ein Wahrzeichen jüdischer Glaubenskraft und jüdischer Hoffnungsfreude. DIE JÜDISCHE GEMEINDE VON TRIEST. Von Prof. A. Freud, Triest. Das alljährlich steigende Interesse an Palästina, veranlasst zahlreiche wohlhabende Juden, die historischen Stätten unseres Stammes aufzusuchen. Durch diese immer intimeren Beziehungen zwischen Europa und Palästina gewinnt auch Triest, der Einschiffungshafen Westeuropas gegen Palästina, an jüdischem Interesse, und so wird es auch erklärlich sein, dass wir in diesen Blättern Einiges zur Kenntnis dieser „Grenzgemeinde" Palästinas berichten. Die jüdische Gemeinde von Triest*) kann auf ein Die Geschichte der Triestcr jüd. Gemeinde harrt noch zum grossen Teile der Erforschung und zusammenfassenden Darstellung; 1821 verbrannten leider zahlreiche wichtige Dokumente. Manche Einzelheiten hat in jüngster Zeit mit liehevollem Eifer Dr. J. Zoller aufgeleckt "oder in rechte Beleuchtung gerückt. hohes Alter zurückblicken. "Wenngleich wir die von verschiedenen Autoren aufgestellte Behauptung, dass schon zur Römerzeit hier Juden gelebt hätten, als unbewiesene Annahme erklären müssen, so ist es sicher, dass schon im Mittelalter in Triest Juden zu finden waren: die erste sichere Kunde bilden die Grabsteine eines Rabbiners und eines jüdischen Arztes aus dem Jahre 1325. Auch in den kommunalen Statuten jener Zeit sind sie erwähnt, und ihre Lage scheint nicht schlecht gewesen zu sein, denn es finden sich dort keine besonderen Beschränkungen gegen die Juden, und während eine munizipale Verordnung von 1350 den Florentiner Geldleihern ihre Schuldforderungen auf 50% herabsetzt, werden die der Juden in vollem Betrage anerkannt. Auch der städtische Bankier war ein Jude; er wohnte auf dem Stadtplatz