Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Die Israeliten in Rumänien
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 837 - 838 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583993-2584005-2596011--11274-2596078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
837 838 DIE ISRAELITEN Aus Bukarest ist dem Central-Comite unter dem 21. Juli folgende Mitteilung zugegangen: Das Gesetz über die Sonntagsruhe, das kürzlich vom Parlament genehmigt worden ist, gelangt jetzt zur Anwendung. Ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung in den kleinen Städten der Moldau wird von diesem neuen Missgeschick schwer betroffen, weil der im Monat zweimal stattfindende Markt an einem Sonntag abgehalten wurde. Für viele der kleinen Händler, die die Armut oder selbst das Elend der Entweihung des Sabbat vorziehen, bedeutet dies der Ruin. — Der Kriegsminister General Grainiceanu hat an alle Armeebefehlshaber ein Zirkular geschickt, das sich auf die Auslegung des Artikels 95 des Gesetzes IN RUMÄENfEN. Nachdruckverboten. über die Handwerke bezieht. Wie bekannt, setzt dieser Artikel fest, dass bei allen Ankäufen und Lieferungen für Staat, Distrikt oder Gemeinde, die den Betrag von 30 000 Francs nicht übersteigen, den Rumänen der Vorzug zu geben ist gegenüber den Fremden, selbst wenn die Anerbietungen der letzteren am 5 % vorteilhafter wären. Das ministerielle Zirkular hat den Zweck, zu präzisieren, was unter „Fremden" zu verstehen ist. Es heisst darin: „Es ist zu erwähnen, dass wer der Militärpflicht genügt hat, nicht weniger „Fremder" bleibt, als wer die rumänische Naturalisation nicht erhalten hat." Es ist unnötig hinzuzufügen, dass dieser Passus ausschliesslich auf die Israeliten zielt. Wilhelm Bernhard Bonn-Frankfurt a. M. Auf Landsitz in dem schönen Taunusstädtchen Cronberg. das ihn zu seinem Ehrenbürger ernannt hatte, verschied am 21. Oktober d. J. Herr Wilhelm Bernhard Bonn in seinem 67. Lebensjahr. Aus altangesehener Frankfurter Familie stammend, war der Verblichene in seltenem Masse durch reiche Gaben des Geistes und Gemütes ausgezeichnet; ein reiner Charakter war ihm eigen, und eine seltene Bescheidenheit gereichte ihm zur Zierde. In weiten Geschäftskreisen, namentlich als Teilhaber des Welthauses Speyer, dessen Ansehen während seines viel jährigen erspriesslichen Wirkens in New-York und Frankfurt a. M. er mehren half, erfreute sich Wilhelm Bonn ob seiner Geschäftstüchtigkeit undEhrenhaftigkeit grossen Ansehens und allgemeiner Beliebtheit. Nachdem er sich 1903 von den Geschäften zurückgezogen hatte, übte er sein humanitäres Wirken in Wilhelm Bernhard Bonn. verstärktem Masse aus. — Gemeinnützigen Bestrebungen jeder Art, Vereinen zur Verbreitung von Bildung, Kunst und Wissenschaft brachte er warmes Interesse und wirksame Hilfe entgegen; Institutionen zur Linderung der Not, zur Hilfe für die Kranken fanden bei ihm ein offenes Ohr und eine offene H and. Kein würdiger Bittsteller wurde von ihm abgewiesen. Das jüdische Hilfswerk (Anstalten sowohl als private Wohltätigkeit) verliert an ihm einen jederzeit opferbereiten Geber. Wenn die Namen der dahingeschiedenen grossen Frankfurter Philantrooen Wilhelm von Rothschild, Georg Speyer, Charles L. Hallgarten, Henry Seligman, der Brüder Marcus und Benedict Goldschmidt genannt werden, so darf in Zukunft auch der Name Wilhelm B. Bonn nicht fehlen. Das Andenken dieses edlen Mannes und aufrichtigen Menschenfreundes und in weiten Kreisen wird ein gesegnetes lebendig bleiben. NOTIZEN. Adrianopel. Ueber den jüngsten Besuch des Sultans in Adrianopel berichtet die Schulleiterin der dortigen Allianceschule, Fräulein Aigranti, dem Central- Comite wie folgt: Adrianopel, 2. Novbr. 1910. Wir haben die Ehre gehabt, den Besuch Seiner Kaiserlichen Majestät des Sultans in Adrianopel, der an historischen Erinnerungen so reichen zweiten Hauptstadt des Reiches, zu empfangen. Zur Begrüssung des Sultans vor dem Selamlik sind alle Schulen in dem grossen Hof des Sultans Selim aufgestellt worden. Die kleinen Mädchen in weissen Kleidern mit roten Schärpen, die Knaben in ihrer Gymnasiastenuniform haben sich durch ihre bescheidene Haltung ausgezeichnet. Vor dem von Seiner Majestät bewohnten Palast sangen die Schülerinnen in türkischer Sprache einen Chor, der den lebhaftesten Beifall fand. Ausserdem überreichten sie dem Sultan im Namen der Allianceschulen ein kunstvoll gesticktes Bild, das in einem Blumenkranz die Moschee des Sultans Selim darstellt. Die gute Idee dieses Geschenkes hat ausserordentlich gefallen. Sichtlich gerührt aber war der Sultan von der folgenden in türkischer Sprache ^gehaltenen Ansprache :j „Majestät! In unser aller Namen bitten wir, Mädchen und Knaben, Eure Majestät, unsere bescheidene Gabe ab Beweis