Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- None (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Osr^fee sr ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 12. Dezember 1910. X. Jahrg. An unsere Abonnenten! A^fit vorliegendem Hefte schliesst der zehnte Jahrgang unserer Zeitschrift. Soweit uns nichts Gegenteiliges mitgeteilt wird, werden wir das Abonnement als verlängert betrachten. Wir bitten unsere Freunde, uns ihre Sympathien auch zveiterhin zu bewahren und unserer Zeitschrift nach Kräften zu weiterer Verbreitung zu verhelfen. Verlag und Redaktion von „OST und WEST". DAS WESEN DES JUDENTUMS, Von Ach ad Haam. IT.1 (Schluss.) Nachdruck verboten. Herbert Spencer träumt sich als Zukunftsideal, als Gipfel der ethischen Entwicklung der Menschheit einen Zustand, da der Altruismus sich in einen Instinkt verwandelt haben wird, so dass jeder Mensch seine höchste Wonne in der Arbeit für andere finden wird. Aehnlich erhofft das Judentum, nach der ihm eigenen Auffassung, dass am Ende der Zeiten das Gerechtigkeitsgefühl in den Seelen der Besten unter den Menschen zu einem natürlichen Trieb, zu einem Instinkt werden wird, so dass sie keiner langen Erwägung bedürfen werden, um die Handlungen nach dem Prinzip der absoluten Gerechtigkeit zu werten, sondern mit dem ersten Blick, mit instinktiver Treffsicherheit die leiseste Eechtsverletzung empfinden, ohne von den egoistischen Neigungen der Individuen und der Klassen beirrt zu werden. In ihrem Innern wird der unbestechliche Bichter sitzen, der über jede Handlung urteilen wird, ohne Bücksicht auf die aktive oder passive Partei, ohne Rücksicht auf das i) Siehe „Ost und West" Heft XI. Ich oder den Nächsten, auf Vornehm oder Gering. Und da das Judentum alle seine ethischen Zukunftshoffnungen an das Kommen des Messias knüpfte, so schrieb es seiner Person auch diese höchste ethische "Vollkommenheit zu und erwartete von ihm, dass er „nach dem Duft Becht sprechen werde unter den Menschen" (Synhedrin 93 b), in Anlehnung an den Vers (Jesajas 10,3): „Riechend kraft der Furcht Gottes und nicht nach dem Augenschein wird er richten".1) „Da der Geruch ein zarter Sinn ist, *) Harnack übersetzt bekanntlich diesen Vers, der sich in der Schilderung, welche Jesajas vom Messias entwirft, findet mit „er atmet in der Pureht Gottes", und diese Uebersetzung fand sogar den Beifall jüdischer Gelehrten. Im Grunde ist sie jedoch nur eine glatte, gefällige Predigerphrase. Aus dem Zusammenhang geht hervor, dass der Prophet sagen will: Kraft der dem Messias innewohnenden Gottesfurcht und Heiligkeit wird er, um gerecht zu urteilen, sich nicht erst des Gesichtssinnes, des ' offenkundigen Augenscheins bedienen, auch nicht auf Zeugenaussagen hören müssen, sondern wird sich auf seinen Geruchssinn verlassen können, der den Alten als der subtilste und feinste der Sinne galt. Der Talmud und Kimchi haben den Vers besser verstanden als Harnack. - . A. d. IL