Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- None (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft U. November 1910. X. Jahrg. DAS WESEN DES JUDENTUMS, Von Ach ad Haam. Nachdruck verboten. Vor nicht langer Zeit erschien in London ein' Buch, welches einiges Aufsehen und manche Diskussionen hervorgerufen hat. Es ist dies ein Kommentar zu den drei synoptischen Evangelien. Der Verfasser, Mr. Claude G. Montefiore, bekennt, das Werk für jüdische Leser geschrieben zu haben, um sie zu der Ueberzeugung zu bringen, dass das Neue Testament innerhalb des Judentums in der Gegenwart einen hervorragenden Platz einnehmen müsse, „allerdings vom jüdischen Standpunkte aus betrachtet." Diesen jüdischen Standpunkt vermeint der Verfasser zu wahren, indem er sich hier und da bemüht nachzuweisen, dass die „Lehre der Rabbinen" im Grunde nicht so schlimm sei, wie sie die Verfasser der Evangelien und ihre christlichen Kommentatoren schildern, dass das antike Judentum in mancher Beziehung sich zur Höhe des Neuen Testamentes emporgeschwungen habe, in einzelnen Punkten die jüdische Anschauung sogar die richtigere sei. Im allgemeinen jedoch weht aus dem Buch ein Geist, der dem innersten Wesen des Judentums so fremd, dass jeder, in dem dieses lebendig ist, sich klar werden muss, dass die „Einverleibung des Evangeliums" nur in ein Judentum möglich ist, aus dem die Seele bereits entflohen und nur eine leblose Hülle hinterlassen hat.*) Ohne Zweifel hat der Verfasser recht, wenn er behauptet, dass ein jüdischer Kommentar zum Neuen Testament in unserer Zeit eine Notwendigkeit ist. Stärker als je werden wir gegenwärtig -von der allgemeinen Kultur beeinflusst und es ist daher mehr als je für uns wichtig, die in ihr enthaltenen christlichen Elemente herauszuerkennen und zu ihnen Stellung zu nehmen. Doch müsste ein solcher jüdischer Kommentar frei sein yon jeder *) Herr Claude G. Montefiore war der Vertreter des Judentums auf dem letzten internationalen Kongress für ReligionsWissenschaft!! . . . (A.d. R.) polemischen und propagandistischen Tendenz, für oder gegen, sondern er müsste lediglich darauf hinzielen, die evangelische Lehre gründlich zu begreifen, mit wissenschaftlicher Klarheit ihr Wesen und ihre Grundsätze im Gegensatz zum Judentum aufzuhellen. Nicht wie die christliche Exegese, die von der Voraussetzung ausgeht, die Lehre des Evangeliums stehe viel höher als das Judentum, und deren ganze Wissenschaftlichkeit nur darauf hinarbeitet, diesen Grundsatz im einzelnen nachzuweisen. Spricht man jedoch im Namen der Wissenschaft, so muss man bedenken, dass es uumöglich ist, im Gebiet der Religion und der Ethik ein allgemeingültiges wissenschaftliches Kriterium festzusetzen, nach welchem die verschiedenen Lehren mit einander verglichen und auf ihre Höhe objektiv abgeschätzt werden könnten. Alles ist hier relativ und jeder bringt seinen subjektiven Massstab mit, der seinen Neigungen, seiner Erziehung und seinem Milieu entspringt. Wir Juden, die wir als Minorität überall unter dem Einfluss von Tendenzen stehen, die miteinander streiten und sich gegenseitig abschwächen, sind vielleicht eher als andere geeignet, fremden Anschauungen ein objektives Verständnis entgegenzubringen. Daher wäre ein jüdischer Kommentar — nicht ein jüdischer Panegyrikus — über das Neue Testament wohl sehr erwünscht. Vielleicht würden Juden von der Geistesrichtung des Mr. Montefiore daraus ersehen, dass man mit gerechter Würdigung und mit Ehrerbietung einer fremden Religion gegenübertreten kann, ohne darum die Augen vor der Kluft zu verschliessen, die sie von der unserigen trennt. Auf diese Kluft möchte ich hier in aller Kürze hinweisen, obgleich ich mir bewusst bin, dass die Frage ein umfangreiches Buch erfordern würde. * * *