Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Marokkanische Israeliten in Peru
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 703 - 704 (sequence 2)
- Language
- German
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703 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Marokkanische Israeliten in Peru. 704 allem Erdenklichen. Sie richten grosse Bazare mit den verschiedensten Produkten ein: englischen Geweben, französischen Neuheiten, deutschen Quincaillerien, amerikanischen Maschinen. In Kanus oder Dampf bar kassen fahren sie die Ufer entlang und tauschen ihre Waren gegen Kautschuk ein. Das ist ein hartes Leben. Oft müssen sie ganze Monate auf den Kanus zubringen, nur von Reis und Bananen leben, gegen die Kaimans kämpfen, und darauf warten, dass der Indianer ans Ufer kommt, um Waren zu kaufen. Viele unter den Händlern studieren während einiger Monate die Schiffahrt auf den Amazonengewässem und erlangen ein Lotsenpatent. Sie sind also Seeleute, Kaufleute, Exporteure und Importeure, alles in einer Person. Wer nicht vom Glück begünstigt ist, macht zehu Meilen von Iquitos, fast an den Amazonenquellen, mit Hilfe des von einem Glaubensgenossen gewährten Kredits einen Laden auf und kommt auf diese Weise langsam zu einer erträglichen Lage. Man hat mir versichert, dass in Remate de Males, in Nazaret, in Caballo-Cocka, in Yurimaguas, Nanta, Contamana, Chachapoyas und Rioja, überall Glaubensgenossen in grosser Zahl wohnen. Von 2 zu 3 Jahren gehen sie nach Europa, ihre Einkäufe zu machen, und kommen dann zurück. Unsre Glaubensgenossen sind fast die einzigen direkten Importeure von Iquitos. Die Peruaner und die hier sehr zahlreichen Chinesen machen bei ihnen ihre Einkäufe. Mit wenigen europäischen Firmen sind sie auch die einzigen Kautschukexporteure. Sie dienen als Vermittler zwischen Europa und diesem Land und bilden einen Faktor des Fortschritts und der Zivilisation, den die zu-würdigen wissen, die die durch ihre Tätigkeit entstandene Entwicklung dieses ganzen Gebiets kennen. Sie führen ein arbeits- und entsagungsvolles Leben, das keine Erholung und keine Ruhe kennt. Von unseren Festen feiern sie nur den Jomkippur. An diesem Tag sind die Häfen voller Kähne, ist der Fluss verlassen. Die meisten gesellen sich zu eingeborenen Frauen und haben prächtige Kinder, die sie im jüdischen Glauben erziehen. Das einzige Band, das sie umschlingt, ist eine von ihnen geschaffene Wohltätigkeitsgesellschaft zur Unterstützung der neu Angekommenen in Fällen von Krankheit, die Erinnerung an die ferne Heimat und ihre Toten. Iquitos hat einen grossen jüdischen Friedhof, auf dem sich bereits an 30 Gräber befinden — alles junge Leute, die das Fieber getötet hat. Diese Toten, man kann es ohne Uebertreibung sagen, sind in ihrer Art Märtyrer der Zivilisation. Unsre Glaubensgenossen sind bei den Indianern sehr behebt, von den Peruanern werden sie natürlich mit Eifersucht betrachtet. „Ich ziehe den Juden dem Europäer und dem Chinesen vor", sagt der Indianer. Haben unsre Glaubensgenossen ein kleines Vermögen erworben, so kehren sie in ihr Geburtsland zurück. Nur wenige haben sich dauernd im Land niedergelassen. In Marokko verheiraten sie sich, gründen eine neue Familie, ohne die in Iquitos zu vergessen und führen das friedliche Leben kleiner Kaufleute oder Rentner. Einige lassen sich in den grossen Städten Spaniens, Frankreichs oder Englands nieder. In Lissabon gibt es eine stattliche Gemeinde ehemaliger Emigranten von Peru und Brasilien. Ich muss noch einmal betonen, dass alle Glaubensgenossen, denen ich in Iquitos begegnet bin, ehemalige Allianceschüler sind. Sie alle schreiben ihren Erfolg der Erziehung zu, die sie in den Allianceschulen erhalten haben. „Wir besitzen," sagte mir einer von ihnen, „gerade das Mass von Kenntnissen, das wir zum Fortkommen in diesem Land nötig haben. Zu viel Wissen hätte uns das Leben hier unmöglich gemacht. Wir wissen, dass wir arbeiten müssen, so lange wir jung sind. Wir kennen Europa, wir verstehen die Bedürfnisse dieses Landes zu beurteilen. Das macht unsern Erfolg aus, und den schulden wir der Alliance." Der nämliche Mann, einer meiner früheren Schüler in Tanger, den ich an der Spitze einer der besten Firmen von Iquitos zu finden das Vergnügen hatte, hat mir versprochen, für die Alliance Propaganda zu machen und den Tribut ihrem dankbaren Schützling einzuschicken. 3; n -y, Aus diesen flüchtigen ^Andeutungen darf man wohl eine praktische Schiüssfölgerung zunutzen unsrer Glaubensgenossen machen. Ganz Südamerika ist von einem Reichtum, von dem man sich keine Vorstellung machen kann, wenn man nicht seine Riesenflüsse, den Ueberfluss und die Mannigfaltigkeit seiner Fauna und Flora gesehen hat. Diese Reichtümer sind noch keineswegs ausgebeutet. Bis jetzt ist im Amazonengebiet der Kautschuk das einzige gesuchte Produkt, aber die Baumwolle wächst hier in unerhörtem Ueberfluss. Diese Länder sind entvölkert. Sie sind freie Republiken, die den Fremden wohlwollend aufnehmen. Eines Tages werden die Augen der .ganzen Welt sich auf diese weiten und unbekannten Gebiete richten. Sollte es nicht ein Mittel geben, aus der Türkei und Persien einen Strom jüdischer Auswanderung nach diesen Landen zu lenken. Die Chinesen kommen zu Hunderten dahin, nicht über den pazifischen Ozean, sondern über Liverpool. Die Erziehung, die unsre jungen Leute erhalten, ist ausgezeichnet. Man braucht nur die Kenntnis des Spanischen hinzuzufügen. Ein Bureau in Para könnte sich mit der Unterbringung der Auswanderer befassen, genau so, wie es weiter südlich die Jewish Colonisation Association bezüglich der russischen Kolonisten tut. Das ist augenblicklich nur ein Traum. Aber die Alliance, die ihr jetziges Werk^auch erst geträumt hat, bevor sie es ausführte, kann sich mit der Verwirklichung beschäftigen. Spenden: Für den JubiläumsFonds: Frau Julie TTerz, Berlin, M. 30. Für Unterstützungszwecke: „27. Mai 1840/1910" M. 20.;A^M ALElKu^ ~» CIOARETTE DES FEINSCHMECKERS mm. f |s m \2 3/2,4.5.6.8/K). ZU:3/2^5 6 8lO^ Verantwortlich für die Redaktion: Chefredakteur Leo Winz, Berlin W. 15, Knesebeckstr. 48/49; für den Inseratenteil: E. Jacoby, Berlin. — Verlag „Ost und "West", Leo Winz, Berlin S.42. Druck von Beyer & Boehme Gr. m. b. H., Berlin S.42, Wassertorstr. 50.