Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Die Israeliten in Persien
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 701 - 702 (sequence 2)
- Language
- German
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701 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Persien. 702 der vorigen Tage bereits erschreckte Gemeinde glaubte, dass der Mord das Signal für eine allgemeine Abschlacktung sein würde. Ich tat mein Bestes, unsre Glaubensgenossen zu beruhigen, die um so erschreckter waren, als seit 50 bis 60 Jahren es noch niemals vorgekommen war, dass einer von den ihrigen auf offener Strasse und am lichten Tag ermordet worden war, obgleich doch der Mehalla oft genug der Schauplatz von Gewalttätigkeiten gewesen ist. Ich erstattete sofort den Behörden Meldung. Bis gestern abend war man noch nicht dahin gelangt oder hatte man sich noch nicht entschieden, Hand an den Mörder zu legen. Ich erfuhr mittlerweile, dass er, der sich als Seyed stark fühlte, in den Strassen umherging und den Zynismus so weit getrieben habe, des Morgens andre Seyeds zu sich zum Frühstück einzuladen. Ich schrieb darauf an den Vizegouverneur, dass, wenn der Mörder nicht sofort verhaftet würde, ich nach Paris und Teheran telegraphieren und die Konsuln Englands und Russlands in Bewegung setzen würde, unter deren unmittelbarem Schutz die Allianceschule stehe, zu deren Personal der Ermordete gehört habe. Jetzt hatte ich die Genugtuung, den Mörder hinter Schloss und Riegel zu sehen. Man hatte freilich tückischerweise gleichzeitig zwei andre junge Seyeds verhaftet, um Zweifel in bezug auf die Person des Mörders zu erwecken, und dadurch den Schuldigen der Anklage zu entziehen. Heute früh berief man die wenigen Juden, die Zeugen des Verbrechens gewesen waren, um sie zu befragen, ob sie unter den falschen Angeschuldigten den erkennten, der das Verbrechen begangen hätte. Während man sie zu dem Polizeichef führte, der angeblich mit der Untersuchung beauftragt war, wandten die Polizeiagenten alle Mittel der Einschüchterung gegen die unglücklichen Juden an, bedrohtensie mit demselben Schicksal, das das Opfer erlitten hatte, wenn sie sich etwa beikommen Hessen, Zeugnis gegen einen Abkömmling des Propheten abzulegen. Selbstverständlich erklärten die solchergestalt erschreckten Zeugen, dass sie sich der Züge des Mörders nicht mehr erinnerten, dass sie vom Schauplatz des Verbrechens zu weit entfernt gewesen seien, um genau zu unterscheiden. Dank diesen perfiden Machenschaften ist Gefahr vorhanden, dass die Affäre im Sand verläuft. Ich will noch heute abend dem interimistischen Gouverneur schreiben, um ihn von der Art in Kenntnis zu setzen, mit der die Untersuchung geführt worden ist und will ihn bitten, wenn esmöglich ist, den Schuldigen in Haft zu halten und das Urteil bis zur Ankunft Mozaffer es Saltanes aufzuschieben. Wir sind aber in einem grausamen Dilemma. Wird der Schuldige bestraft, wie er es verdient, so sind Repressalien und ein ewiger Hass von Seiten der Vereinigung der Seyeds zu fürchten. Wird aber der Anklage keine Folge gegeben, so hegt darin eine sehr gefährliche Ermutigung für alle die, die unsern Glaubensgenossen schaden wollen. Die Beisetzung des Opfers hat gestern nachmittag unter beträchtlichem Zulauf stattgefunden. Der englische Konsul, Herr Smart, und der Abgesandte des russischen Konsuls, Herr Kadbulowsky, und Herr Passek haben Wert darauf gelegt, der Alliance und ihrer Schule ihre Sympathie zu beweisen, indem sie der traurigen Zeremonie beiwohnten. Sie begleiteten mit ihrer Eskorte von Hindureitern und Kosaken den Leichenzug bis zum Friedhof selbst. Heute früh habe ich ihnen Dankschreiben in meinem Namen und im Namen der Alliance und der Gemeinde geschickt. Nataf. H a m a d a n , 17. Juni 1910. „Wie ich Ihnen in meinem Bericht vom 20. Mai mitgeteilt habe, ist der Jude Ibrahim unter Eskorte nach Teheran abgereist. Die Stadt ist ruhig, aber die Lage ist unsicher, und die Wirren können sich jeden Tag erneuern, da man die Anstifter vom 9. Mai bis heute nicht belästigt hat. Infolge der Bemühungen, die man bei den Gesandtschaften in Teheran unternommen hat, hat der englische Bevollmächtigte seinen Vertreter in Hamadan beauftragt, eine Untersuchung über die Vorkommnisse anzustellen. Ich habe dem englischen Konsularagenten das über diese Angelegenheit angelegte Aktenstück übersandt und ihm mündlich alle Nachrichten gegeben, die ich habe sammeln können. Ich habe ihn auch gebeten, die Bestrafung der Anstifter der Unruhen zu verlangen. Wie ich erfahre, haben auf strenge Befehle, die aus Teheran gekommen sind, die Lokalbehörden damit angefangen, die Schuldigen zu suchen. Der französische Resident, Herr Raymond Lecomte, hat auf den Bericht, den ich ihm zugestellt habe, mir folgendes Schreiben geschickt: „Ich habe den Brief erhalten, den Sie mir am 20. d. M. geschickt haben und mit innigster Teilnahme von dem Elend Kenntnis genommen, von dem Sie mir berichten. Alsbald nach Empfang Ihres Telegramms habe ich, wie Sie wissen, die erforderlichen Schritte bei dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten getan. Ich bin glücklich über die vergleichsweise gute Lösung, von der Sie mir Kenntnis gegeben haben. Sie dürfen versichert sein, dass ich nicht verfehlen werde, der Entwicklung der Affäre Ibrahim mit aller Sorgfalt zu folgen, die Sie verlangt." MAROKKANISCHE ISRAELITEN IN PERU. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. r^ Wiederholt^"schon ist von^ der T Einwanderung ehemaliger Allianceschüler ans Marokko nach den südamerikanischen Republiken die Rede gewesen. Der frühere Allianceschullehrer, Herr Pisa, hat jüngst nachstehenden kleinen Bericht über diö jungen Marokkaner erstattet, die sich in Iquitos niedergelassen haben: Iquitos, den 15. Mai 1910. Die Laune des Geschicks hat mich bis Iquitos in Peru verschlagen, an die Grenze der letzten jungfräulichen Wälder Amerikas. Hier sah ich mich mit einiger. Ueberraschung inmitten einer bedeutenden israelitischen Kolonie, die fast ausschliesslich aus ehemaligen Allianceschülern besteht. Unter diesem doppelten Gesichtspunkt dürften die folgenden Bemerkungen für Sie Interesse haben. Um von Para nach Iquitos zu gelangen, braucht man 14 Tage, wenn die Amazonengewässer voll sind und die Schiffahrt gestatten. Im Sommer braucht man zuweilen 2—3 Monate. Auf diesem Weg findet man ausser der grossen Stadt Manaos Hunderte von indianischen Dörfern mit kleinen Gruppen von Israeliten, die fast alle aus Marokko gekommen sind. Para und Manaos haben bedeutende jüdische Kolonien. Eine der grössten Kautschukfirmen in Manaos ist jüdisch; die Inhaber stammen aus Tetuan. Das ist nicht weiter erstaunlich, — hat doch Brasilien seit über dreissig Jahren die Tätigkeit der marokkanischen Israeliten angezogen. Dass aber tausend Meilen südlich von Manaos, fast im Herzen der Anden, Israeliten in grosser Zahl sind, das hat mich wunder genommen. In Iquitos leben mit bewundernswerter Zähigkeit über 200 unsrer ehemaligen Zöglinge aus Marokko. Bei der Ankunft glaubt man in einer jüdischen Stadt zu sein. Auf den Ladenschildern in der grossen Strasse Prospero liest man die Namen: Cohen, Toledano, Benmergui, Delmar, Serfaty, Benasayag, Elaluf, Pinto usw. Ganz wie in Marokko. In Iquitos gibt es über 300 Israeliten, eingerechnet die aus dem Elsass stammenden Aschkenasim, die hier bedeutende Handelshäuser haben. Doch ich will nur von den marokkanischen Israeliten sprechen. Aus Tanger sind etwa hundert, vielleicht fünfzig aus Tetuan, die übrigen von der Küste, aus Babat und Casablanka. In Tanger spricht man von Iquitos wie von einer Eabelstadt, in deren Strassen das Gold rollt. Das Beispiel einiger Bewohner von Tanger, die in Iquitos Vermögen gewonnen haben, erfüllt die jungen Leute mit Traumvorstellungen. Doch man weiss, dass der Weg weit, das Klima rauh ist, und man zögert. Die Mutigsten, die auf Verwandte oder Bekannte rechnen, schiffen sich in Lissabon ein. Gleich nach der Ankunft suchen sie eine Stelle im Haus eines Glaubensgenossen. Die ersten Jahre sind für den Einwandrer schrecklich: man muss sich an Klima, Sitten und Handel des Landes gewöhnen. Doch sie haben Ehrgeiz und Mut, und das macht sie stark. Nach einiger Zeit wird der Angestellte zum Mitinhaber der Firma, der Chef muss aus Gesundheitsrücksichten abreisen, und nun ist der Angestellte Chef geworden. Sie treiben Handel mit