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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 699 - 700

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Die Sekte der Sabäer
Date
1910-10-01
Page
Seite 699 - 700 (sequence 2)
Language
German
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699 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Sekte der Sabäer. 700 wie die heilige Oelung für den Katholiken. Die Sabäer haben viele Riten und Bräuche, die dem Judentum entlehnt sind, darunter die Reinheits- und Speisegesetze. Die Frauen müssen allmonatlich und nach jeder Wiederkunft eine Taufe vornehmen, die an die „Tebila" erinnert. Die Männer dürfen sich den Bart nicht rasieren, und ganz fromme Leute schneiden sich nicht einmal die Haare ab, die sie in Flechten um den Kopf legen. Die Sabäer haben auch eine Art Schechita und sie haben Opferer, die die Tiere mit einem geweihten Messer unter einem besonderen Ritus niederschlagen. Sie essen Fleisch nur vom männlichen Hammel, von Hühnern, gewissen Vögeln und Fischen. . Gleich den Moslim müssen sie sich jedes alkoholischen Getränks enthalten. Wein ist nur gestattet bei dem Hochzeitssegen, und selbst dann nehmen sie Rosinenwein statt des Traubenweins. > -i Die Sprache der Sabäer ist der „Targum", ihre Bücher sind in aramäischen Schriftzeichen gesehrieben. Ihre Priester oder Scheiks unterweisen die Kinder in der Lektüre dieser Schriften. Die Sabäer heiraten nur untereinander. Ihre Zahl nimmt von Jahr zu Jahr ab, ihre Ueberlieferungen gehen verloren. Es ist eine Sekte, die dem nahen Untergang geweiht ist. Zum grössten Teil sind sie Goldarbeiter, die unter den Stämmen ein Wanderleben führen. Sie sind arm und elend. In Amara haben sie ein besonderes Handwerk: die Silbergravierung. Sie fabrizieren silbergravierte Schmuckstücke mit einem gewissen künstlerischen Geschmack. Wenn man ihnen die Zeichnung eines Schmuckstücks vorlegt, so reproduzieren sie sie mit grosser Vollkommenheit. Sie machen Serviettenringe, Dosen, Stock- und Regenschirmgriffe, Blumenvasen, Armbänder, Broschen usw., die in Europa sehr gesucht sind. Das Geheimnis der Herstellung aber wahren sie eifersüchtig. Nachdem wir jetzt eine Schule in Amara eingerichtet haben, wird unser Direktor versuchen müssen, einige jüdische Lehrlinge bei den Sabäern unterzubringen. Anfänglich wird das Schwierigkeiten geben, aber man wird diese überwinden. Vor ganz kurzem kamen drei Abgesandte der Sabäergemeinde von Amara, die in Bagdad sich eingefunden hatten, um mit den Behörden über die Frage des Militärdienstes sich zu verständigen, aus Neugierde in unsre Schule. Ich habe sie sehr freundlich aufgenommen, und sie haben unsre Einrichtungen bewundert. Ich fragte sie, ob sie Kenntnis hätten von der Einrichtung der Schule in Amara. Sie antworteten mir, dass sie sehr glücklich darüber seien und sprachen mir den Wunsch aus, dass man ihre Kinder zuliesse. Ich versicherte, dass unsre Anstalten den Kindern aller Konfessionen offen seien, und dass ihre Kinder ganz besonders freundlich von unserem Direktor in Amara aufgenommen werden würden. Das ist für diesen eine gute Gelegenheit, zu den Sabäern in herzliche Beziehungen zu treten und sie dazu zu bestimmen, dass sie vielleicht eines Tags einige Lehrlinge aus unsrer Schule aufnehmen. Die überaus gefahrvolle Lage, die für die Israeliten des Landes aus dem allgemeinen Zustand der Verwirrung und der Anarchie in Persien und aus der Ohnmacht der Zentralregierung entspringt, hat eine Aenderung zum besseren nicht erfahren. Neuere Nachrichten der verschiedenen Allianceschuldirektoren in Persien zeigen, dass in letzter Zeit sogar eine Verschlimmerung eingetreten ist. In Schiras ist ein Angestellter der Allianceschule am lichten Tag ermordet worden, und seine Mörder scheinen vollkommne Straflosigkeit gemessen zu sollen. In Senneh ist ein junger Israelit von einer fanatischen Menge umgebracht worden. In Hamadan hat man auf eine vollständig grundlose Anschuldigung hin einen Israeliten ins Gefängnis geworfen. Die aufgeregte Menge verlangt seinen Kopf und gibt sich allerhand Gewalttätigkeiten gegenüber der jüdischen Bevölkerung hin. Nirgends zeigt sich eine Hoffnung auf Verbesserung dieses traurigen Zustands. Alle Bemühungen, die die Vertreter der europäischen Mächte bei der persischen Regierung unternommen haben, finden wohlwollendste Aufnahme — aber die Regierung hat nicht die Möglichkeit, sich Gehorsam zu verschaffen, und ihre bestimmtesten Befehle bleiben unausgeführt. Wir lassen hier den Bericht über einige überaus beklagenswerte und für_die letztenJMonate bezeichnende Zwischenfälle folgen: S c h i r a s , 21. Mai 1910. JjEs hat nicht den Anschein, als ob die Reihe der uns heimsuchenden Wechselfälle so bald ein Ende nehmen soll. Kein Monat geht vorüber, ohne dass wir nicht neuen Anlass zur Beunruhigung hätten. Das traurige Ereignis, das sich soeben abgespielt hat, ist das bedeutungsvollste und betrüblichste, das wir bisher zu verzeichnen hatten. In einem frühern Brief habe ich Ihnen geschrieben, dass die Ernennung Mozaffer es Saltanehs zum Generalgouverneur von Fars von den Häuptlingen der Kaschgais, den grossen Herren und den Priestern mit Missvergnügen aufgenommen worden ist. Die Priester ganz besonders steigern mit der Annäherung Mozaffer es Saltanes ihre Anstrengungen, eine ernsthafte feindselige Bewegung gegen den neuen Gouverneur in Gang zu bringen. Das beste und von den schiitischen Mollahs zur Aufreizung der Geister DIE ISRAELITEN IN PERSIEN. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. immer angewendete Mittel besteht in der Neubelebung des Hasses der Moslim gegen die Ungläubigen, die unglücklichen Juden. Seit einigen Tagen waren zahlreiche Klagen von Seiten einiger Israeliten zugegangen, die man in den Bazaren oder in den Strassen belästigt hatte. In der Mehalla (Judenstadt) selbst kamen am jüngsten Mittwoch Gewaltszenen vor, überschwemmten Banden die Häuser, aber schliesslich war das angerichtete Uebel nicht so gross: einige kleine Verletzungen und'einige kleine Diebstähle.- Gleichwohl benachrichtigte ich den interimistischen Gouverneur von diesen Vorfällen und erhielt die Zusage, dass die Missetäter bestraft werden sollen. Leider haben die Behörden keine Mittel, ihren Befehlen Achtung zu verschaffen, selbst wenn sie die Neigung dazu hätten. Am vorigen Donnerstag war ich um 61/2 Uhr abends bei dem russischen Konsul zu Besuch, als man mich benachrichtigte, dass einer der Hilfsschullehrer, Nissani Maschalla, am Eingang des Mehalla von einem Seyed — so nennt man die Personen, die für direkte Nachkommen des Propheten gelten, und deren es in Persien Legion gibt — erdolcht worden sei. Ich^begab mich sofort an den Tatort und Hess in aller Eile den Assistenten des europäischen Arztes von Schiras holen. Wir kamen aber zu spät, der unglückliche junge Mann lebte schon nicht mehr. Zwei Messerstiche hatten ihn getötet. Nach den von mir angestellten Erhebungen hatte sich folgendes zugetragen: Nach Schluss der Schule um 4 Uhr hatte sich Nissani Maschalla in eine öffentliche moslemitische Schule begeben, um dort französischen Unterricht zu erteilen, danach war er nach Haus zurückgekehrt. Er befand sich auf der Schwelle seines Hauses. Wenige Schritte von ihm sassen auf der Strasse zwei alte Juden, als ein junger Seyed, wegen seines wilden Hasses und seiner Gewalttätigkeiten gegenüber unsern Glaubensgenossen bekannt, des Wegs kam und mit einer eisernen Kette, die er in der Hand hielt, auf die beiden armen Israeliten einschlug. Nissani trat hinzu und fragte, aus welchem Grund er die unglücklichen Greise misshandelte. Statt jeder Antwort zog der Seyed einen Dolch aus seinem Gürtel und stach damit auf Nissani, rufend „Hund von einem Juden, was mischest du dich denn ein. Ich habe mir heute früh vorgenommen, einen von euch zu töten. Nun sollst du es sein." Das Opfer konnte kaum einen Schrei ausstossen. Die wenigen israelitischen Zeugen, die der traurigen Szene beiwohnten, liefen erschreckt davon, während auch der Mörder entfloh. Indem man mich benachrichtigte, verbreitete sich die traurige Meldung im Mehalla. Die von den Gewaltszenen

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