Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Die jüdische Gemeinde in Melas
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 697 - 698 (sequence 2)
- Language
- German
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697 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die jüdische Gemeinde in Melas. 698 Zwei von ihnen, den besten Familien der Stadt angehörend, erteilen kostenlos Unterricht im Französischen und Spaniolischen, lesen mit ihnen, unterweisen sie im Rechnen, in der Haushaltung. Diese jungen Lehrerinnen werden von dem Lehrer angeleitet, der selbst noch ziemlich jung ist. Ich fragte eine der Schülerinnen, was sie mit dem Französischen anfangen wolle, das sie zu so später Abendstunde zu lernen sich mühe. Sie antwortete mir: „Am Tag bin ich beschäftigt und kann keinen Unterricht nehmen. Ich lerne Französisch, weil ich nur in den in dieser Sprache verfassten Büchern die Unterweisung finden kann, die für mich nötig ist, um würdig meine Aufgabe als Frau in der Gesellschaft usw. zu erfüllen." (Wo hat sie das hergenommen?) Ich lobe natürlich die jungen Damen für ihren Eifer, vermahne sie zum Ausharren, rate ihnen aber, in ihr Programm als wesentlichen Teil das Studium der Hygiene, die Uebung in der Haushaltung, Küche, im Nähen, Weben aufzunehmen, kurz all die Dinge zu betreiben, deren Kenntnis erforderlich ist, damit die künftige Hausfrau ihre Wirtschaft klug zu führen verstehe. Sie sollten ihr Ziel nicht allzu sehr darauf richten, gelehrte Frauen zu werden, die sich nicht um die für das Glück der Familie notwendigen Dinge kümmern. Ich bin nicht sicher, den Beifall meiner ganzen weiblichen Hörerschaft gewonnen zu haben. Es war 9 Uhr vorüber, als ich die jungen Mädchen verliess und zu meinem Gastfreund mich begab, dem Präsidenten der Gemeinde. Man wartete nur auf mich, um sich zu Tisch zu setzen, man wartete aber auch auf die Magd, die in dem Abendkursus für junge Mädchen war. Es scheint, dass sich das wöchentlich viermal wiederholt. Die Magd hat von ihrer Herrin die Erlaubnis erhalten, den Abendkurs mit ihren bevorzugteren Genossinnen mitzunehmen, und deswegen wird die Dinerstunde verschoben. So spät wie an diesem Abend wird es freilich nur selten. Gewöhnlich sind die jungen Mädchen vor 8 Uhr zu Haus. Noch eine Eigenheit von Melas muss ich erwähnen: ich habe bemerkt, dass atich die wohlhabendsten jüdischen Damen keinen Hut tragen. Auf mein Befragen wurde mir der Bescheid: „Die Armen sollen sich nicht verpflichtet halten, es uns gleichzutun und sich Entbehrungen auferlegen, indem sie uns nachahmen. Wir alle haben deshalb beschlossen, Hüte nur noch zu tragen, wenn wir nach Smyrna oder anderwärts hingehen: Die griechischen Damen machen es jetzt ebenso." Wie in allen kleinen Städten im Innern des Landes, die ich bereiste, um die jüdischen Schulen zu besichtigen, besuchte ich auch in Melas die griechische und die moslemische Schule. Wie fast überall ist die israelitische Schule von Melas, obgleich sie noch mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat und jung ist, ganz gewiss die beste. Im grossen undganzen haben die Israeliten von Melas den Eindruck auf mich gemacht, dass sie aus dem ihnen gewährten Unterricht grossen Nutzen ziehen werden, und dass sie jede Beachtung verdienen. Nabon. DIE SEKTE DER SABAEER. Herr Albala, der vortreffliche Allianceschuldirektor in Bagdad, der vor einigen Monaten die Einrichtung einer Schule in Amara in Mesopotamien vorzubereiten wusste, hat einige Bemerkungen über eine interessante religiöse Sekte aufgezeichnet, der er in dieser Stadt begegnet ist:j Bagdad, 4. März 1910. In Amara existiert eine der interessantesten religiösen Sekten, die der Subbas oder Sabäer. Sie leiten sich von Johannes dem Täufer her, den sie „ Yahio" nennen und als den einzigen wahren Propheten betrachten, während sie die Göttlichkeit Jesus nicht anerkennen. Sie zählen also nicht zu den Christen, so wenig wie zu den Juden oder den Moslim. Ihre hauptsächlichen Riten aber sind diesen drei Religionen entlehnt, und auch die alten Religionen Persiens und Babylons haben gewiss Spuren bei den Sabäern zurückgelassen. Ihre Priester beschäftigen sich mit astrologischen Berechnungen, um das Horoskop der Neugeborenen zu stellen; die Taufnamen hängen von dem Einfluss der Gestirne ab, die bei der Geburt des Kindes gewaltet haben. Die Sabäer zählen etwa 4000 Seelen und wohnen unter den Stämmen in Mesopotamien und in dem Tal von Karun. Als Amara um die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, Hessen sie sich dort nieder. Sie bilden eine kleine Gemeinde von 500 Seelen, die in einem besonderen Stadtviertel wohnt. Die Karmelitermissionare haben sich in Amara ausdrücklich zu dem Zweck niedergelassen, um an der Bekehrung der Sabäer zu arbeiten. Bis zum Augenblick haben sie, wie es scheint, nur sehr geringen Erfolg gehabt. Die Sabäer, die das Leben der Wüstenstämme geführt haben, sind schöne Männer, gross, schlank und kräftig und von ausgesprochenem semitischem Typus. Sie kleiden sich wie die Beduinen, vermeiden aber in ihren Gewanden die weisse und die rote Farbe. Die Frauen gehen unverschleiert. Die Sabäer glauben an einen einzigen Gott, lassen aber im Himmel eine Hierarchie von 360 Persönlichkeiten walten, deren oberste in der Region des Polarsterns „Olam Dinora" weilt. Diesem Polarstern wenden sie ihr Antlitz zu, wenn sie ihre Gebete verrichten, ebenso das Antlitz ihrer Toten im Grab. Sie kennen ein Paradies und die Hölle, lehnen aber das Dogma von der Wiederauferstehung und vom jüngsten Gericht ab. Ihr Gesetzgeber ist Johannes, dessen Geburt und Leben in einem heiügen Buch, „Erhabene Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Worte des Yahio", enthalten sind. Der heilige Johannes wurde geboren, als seine Mutter schon in hohem Alter war, und die Empfängnis fand auf übernatürlichem Weg statt, wie die der Jungfrau Maria. Der heilige Johannes taufte zunächst seine eigenen Verwandten, er bekehrte die Juden, begab sich an die Ufer des Jordan und taufte Jesus Christus. Der heilige Johannes war zunächst Zölibatär, entschloss sich aber auf himmlischen Befehl, sich zu verheiraten. Sein Tod war wundersam, wie seine Geburt. Die Sabäer haben eine kirchliche Hierarchie von drei Graden. Die oberste Stufe ist die des „Ganzivro" oder Bischof. Sie beten dreimal täglich. Ihre Kirche führt den Namen „Moschkeno" (Mischkan). Sie ist aus Schilf, Seilen und Erde errichtet. Sie haben die Einrichtung der Beichte und eine Art Abendmahl. Ausser dem Sonntag, währenddem sie sich streng jeder Arbeit enthalten, haben die Sabäer zehn Feste jährlich. Sie fasten nicht, aber sie haben Tage der Enthaltsamkeit, zu denen' die hauptsächlichen moslemischen Feste gehören; sie kasteien sich, während ihre Herren und Verfolger Freudenfeste begehen. Da sie eine Sekte Johannes des Täufers bilden, so ist ihr Hauptritus und die Grundlage ihres Glaubens die Taufe, die vom Priester in fliessendem Wasser vorgenommen werden muss. Sie lassen sich deshalb immer an den Ufern eines Flusse3 nieder. In Mesopotamien wohnen sie am Tigris und am Euphrat, in Persien am Karun. Man ist Sabäer erst, wenn man die „Masutta" oder die Taufe erhalten hat. Die Taufe allein reinigt von jedem Schmutz. Die Sabäer nehmen sie häufig vor. Bei den grossen Festen, an den Sonntagen, bei allen feierlichen Anlässen des Lebens, auch um sich von einer unreinen Berührung zu säubern, gehen die Sabäer, Männer, Frauen und Kinder zum Bad in den Fluss. Sie baden sich bei Tag und bei Nacht, im Winter bei der strengsten Kälte. Sie müssen sich in dem reinigenden Wasser baden. Das neugeborene Kind wird nach vierzig Tagen gebadet. Die Frau, die niedergekommen ist, bleibt unrein, bevor sie nicht im Fluss die Waschung vorgenommen hat. Vor dieser Zeit darf man sie nicht berühren. Wenn man, um sie zu bedienen, oder sie zu betreuen, die geringste Berührung mit ihr hat, so muss man sofort ein Bad nehmen, um die Unreinigkeit zu entfernen. Während der ersten acht Tage sind die jungen Eheleute im Stand der Unreinheit, aus dem sie nur durch das rituelle Bad heraustreten. Der Sterbende muss vor seinem Ende die letzte Abwaschung erhalten. Sie ist für den Sabäer von der gleichen Bedeutung,