Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Die Israeliten in Rumänien
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 695 - 696 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583993-2584003-2595576--11046-2595711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
695 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Rumänien. 696 Der oder die Direktoren von industriellen Etablissements, der oder die Verwalter, die von Gesellschaften eingesetzt sind — insofern das industrielle Institut einer Gesellschaft gehört — können Fremde sein und werden hei der Festsetzung der kategorienweisen Anteile nicht mitgerechnet." Das Gesetz kommt jetzt vor die Deputiertenkammer. Naturalisationen. — Vor Schluss der Parlamentssession hat die Kammer die Naturalisation von 20 Israeliten ausgesprochen, darunter 7 Angestellten oder Beamten, 3 Aerzten, 6 Kaufleuten oder Industriellen, je einem Professor, Ingenieur, Bankier, Landwirt. Diese Naturalisationen bedürfen aber noch der Genehmigung' des Senats, und diese Genehmigung ist keineswegs gewiss. DIE JUEDISCHE GEMEINDE IN ME LAS. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Der Direktor der Allianceschule in Smyrna, Herr Nabon, berichtet über die Gemeinde von Melas im Süden von Smyrna wie folgt: Smyrna, 15. Juni 1910. Endlich habe ich die Reise nach Melas gemacht. Man hatte mich schon vor langer Zeit gerufen. Im Dezember vorigen Jahres hat das Central-Comite mich ermächtigt, dorthin zu gehen. Doch angesichts der Reiseschwierigkeiten und der erforderlichen Zeit zögerte ich. Ich bedaure, dass ich so lange gesäumt habe, den Wunsch der Juden von Melas zu erfüllen, denn dadurch ist die Einrichtung •einer Schule verschoben worden, die sehr nützlich zu werden verspricht. Die israelitische Bevölkerung von Melas ist nicht zahlreich. Es sind dort 794 Seelen in 157 Familien. Bei meiner Ankunft waren 136 Kinder in der Schule, Knaben und Mädchen. Sind der Israeliten von Melas nicht gerade viel, so sind sie dafür um so interessanter. Sie unterscheiden sich wesentlich von den Glaubensgenossen in andern Städten des Orients. Melas hat nie eine organisierte jüdische Schule gehabt, und doch nehmen viele Israeliten der Stadt einen schicklichen Platz ein, den sie nur dank ihrer Tatkraft und ihrer Bildung erlangen konnten. Rechtsanwälte, Aerzte, Grosskaufleute, Industrielle sind von dort hervorgegangen. Sie alle haben, nachdem sie auf eine unbekannte Weise die ersten Elemente des Unterrichts genossen haben, ihre Studien erst ganz allein fortgesetzt und dann zum Weiterlernen ihre Stadt verlassen, sind aber nicht mehr dahin zurückgekehrt, weil sie dort kein geeignetes Feld für ihre Tätigkeit finden. Melas ist in der Tat eine kleine Stadt, zu der man nur schwer hinaufsteigen kann, und die deshalb nur einen geringen Ausfuhrhandel hat. Der reiche Teil der israelitischen Bevölkerung verlässt die Stadt, geht nach Smyrna oder Rhodos, um dort die Kinder eine Schule besuchen zu lassen. Doch die Zurückbleibenden sind nicht weniger intelligent, und nicht weniger interessant als die Auswandernden, und an jene muss man denken und in Melas eine Schule schaffen. Ich wurde in der Stadt mit Freudenäusbrüchen empfangen, denn es war, wie man mir sagte, das erstemal, dass die Alliance die Bitte der Gemeinde erhört und ihnen einen Vertreter mit der Aufgabe geschickt hat, die Einrichtung einer Schule ins Auge zu fassen. Diese Schule besteht jetzt seit 10 Monaten. Ein kluger Direktor, mit dem man sehr zufrieden ist, steht an der Spitze. Es handelt sich darum, ihrem Budget einen Zuschuss zu gewähren. Es fehlen etwa 2000 Francs jährlich, denn die Einkünfte der Schule belaufen sich jetzt im ganzen auf 2300 Francs jährlich. Ich verlangte die Berufung des Gemeinderats und des Schulkomitees, um diesen die Notwendigkeit auseinanderzusetzen, dass man neue örtliche Einnahmequellen für die Schule schaffe. Man berief die gesamte israelitische Bevölkerung auf 7 Uhr abends in die Synagoge, nachdem die Tagesgeschäfte erledigt waren. Ich fand etwa 300 Personen, denen ich das Ergebnis meiner Schulbesichtigung darlegte. Ich sprach vom Budget und von der Notwendigkeit, Einnahmen ausser dem Schulgeld zu schaffen. Sofort nach meiner Rede erboten sich drei der angesehensten Bürger der Stadt, zum mindesten 1000 Francs jährlich aufzubringen, in monatlichen Raten an die Schule zahlbar. Die Mittel, um diese Summe aufzubringen, wurden von der ganzen Versammlung gebilligt, und jeder einzelne versprach, sein Teil beizusteuern. Danach bat man mich, bei dem Central-Comite zu befürworten, dass es den Rest des Defizits decke. Hierauf nahm der Präsident der Gemeinde, ein sehr sympathischer und kluger Greis — einer seiner Söhne ist ein hervorragender Rechtsanwalt in Smyrna, ein andrer ist Dragoman im österreichischen Konsulat, gleichfalls in Smyrna — das Wort, um mich in wohlgesetzten Worten zu ersuchen, ich möchte den Mitgliedern des Central-Comites den wärmsten Dank der Israeliten von Melas übermitteln. Er habe aus den Zeitungen erfahren, dass der verehrte Präsident der Alliance krank gewesen sei. Mit bewegter Stimme gab er den besten Wünschen für die völlige Genesung des Präsidenten Ausdruck, damit er sein der Judenheit so nützliches Werk fortsetzen könne. Die ganze Versammlung antwortete: „Amen". Der Vorsteher gab weiter einen historischen Rückblick bezüglich der Gemeinde von Melas, erinnerte an einen Brand, der vor etwa 10 Jahren die kleine Schule und viele israelitische Häuser der Stadt vernichtet hatte, so dass die Kinder auf den Strassen lagen und so manche Familie in tiefstes Elend geraten war. Er erwähnte die Anstrengungen, die man am Ort gemacht, ohne an fremde Mildtätigkeit zu appellieren, wie man den Unglücklichen beigestanden und die Schule neu errichtet habe. Er schloss mit den Worten: „Halten wir im Gedächtnis, dass jetzt zum erstenmal ein Vertreter der Alliance in unsre Stadt gekommen ist und uns als Mitglieder dieser grossen Gemeinschaft aufgenommen hat." An dreissig Personen schrieben sich ein, und zwei Notable übernahmen es, die Beiträge einzusammeln. Nach dieser sehr rührenden und spontanen Kundgebung musste ich wohl abermals sprechen. Ich unterhielt meine Hörer von dem Schulwerk der Alliance. Alle hörten mit sichtlichem Interesse zu. Als ich schloss, wiederholten sich die lebhaften Rufe: „Hoch die Alliance! Lang lebe der Präsident der Alliance!" Als um Sy2 Uhr die Versammlung beendet war, erwartete man mich beim Ausgang aus der Synagoge und lud mich ein, dem Abendkursus für junge Mädchen beizuwohnen. Von diesem Abendkursus muss ich etwas ausführlicher sprechen. Schon während der dreieinhalbstündigen Wagenfahrt vom Hafen nach Melas erzählten mir meine Begleiter nur von der Frauenerziehung, von der Aufgabe der Frau in der Gesellschaft, von dem Unterricht, den man den Frauen geben müsse, damit sie ihre Aufgabe wirklich erfüllen könnten. Ich achtete nicht sonderlich auf die Rede meiner Reisegefährten. Bei meiner Ankunft in Melas aber musste ich bemerken, dass bei Israeliten wie bei Moslim eine starke Bewegung zugunsten des Frauenunterrichts vorhanden ist. Die Moslim haben eine schmutzige Knabenschule, bauen aber eine sehr schöne Schule für die Mädchen. Auch die Israeliten, die sich freilich kein besonderes Gebäude herstellen können, weil ihnen die Mittel dazu fehlen, haben sich ans Werk gemacht. In dieser kleinen Gemeinde ist mit der wirksamen Hilfe der Männer ein Verein junger Mädchen gebildet worden, der sich die moralische und soziale Hebung der Frau zum Ziel gesetzt hat. Abendliche Unterrichtskurse sind zu dem Zweck eingerichtet worden, und zum Besuch einer dieser Kurse hatte man mich eingeladen. Zu meinem grossen Erstaunen fand ich 28 Mädchen von 15—20 Jahren..