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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 525 - 526

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Die Bedeutung des Matrikelamtes
Date
1910-08-01
Page
Seite 525 - 526 (sequence 2)
Language
German
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525 Julius Rosenfeld: Die Bedeutung des jüdischen Matrikelamtes. 526 sich diese "Art von Trauungen auf ihr Stammland beschränkten, hatte die Kultusgemeinde Wien gar keinen Anlass, zu ihr Stellung zu nehmen. Als jedoch in den letzten Jahren mit der steigenden Einwanderung aus Galizien nach Wien auch die Zahl der unehelichen Geburten zu steigen begann, als sich sogar Fälle derartiger Trauungen in Wien selbst ereigneten, Fälle, in denen die Eheschliessung von einem rasch herbeigeschafften „Seelsorger" gegen ein Honorar von 2 Kronen unter einem Haustor vorgenommen wurde, da sah sich der Vorstand veranlasst, dieser Tatsache sein Augenmerk zuzuwenden. Mit Hilfe der jüdischen Wohltätigkeitsvereine, zu deren Kenntnis bei ihren Haus-Recherchen die meisten derartigen nur rituellen Ehen gelangen, wurden diese Leute, die sich aus den allerärmsten Schichten zusammensetzen, über die Rechtsfolgen belehrt, die der Bestand ihrer Ehegemeinschaft nur nach jüdischem Gesetz nach sich zieht. Das Matrikelamt klärte alle diese Personen zur Beruhigung ihres Gewissens darüber auf, dass ja die Schliessung einer staatlich gültigen Ehe in Wien genau in denselben Formen stattfinde, wie die Vornahme einer nur rituellen Trauung, nur werde dabei den österreichischen Ehegesetzen Rechnung getragen, indem die gesetzlich vorgeschriebenen Formalitäten des Ehe- Aufgebotes usw. beobachtet werden. Das Matrikelamt besorgt nun die Beschaffung der hierzu notwendigen Dokumente und wird hierbei von den politischen Behörden und den Gerichten als Vormundschaftsämtern der unehelichen Kinder in wirklich dankenswerter Weise auf das tatkräftigste unterstützt. Wenn die in dieser Angelegenheit an die galizischen Matrikelführungen gerichteten Zuschriften nicht jene Erledigung finden, die im Interesse der Sache wünschenswert wäre, zeigt dies nicht viel Verständnis für die Bedeutung dieser Agende. Derzeit stehen im Matrikelamte 57 derartige Kohvalidierungen, wie der Kunstausdruck lautet, in Behandlung. Die Sterblichkeit der Juden in Wien bewegt sich in den letzten 10 Jahren in einem im Verhältnis zur Bevölkerungszunahme konstanten Steigen. Hinsichtlich der Todesursachen sei hervorgehoben, dass in den letzten 20 Jahren der Prozentsatz der an Tuberkulose Verstorbenen von 17 auf ungefähr 12 % gesunken ist, dagegen die Sterblichkeit durch Erkrankungen des Gehirnes von 6—7 auf 10 % gestiegen ist. Während die erstere Ziffer bei uns eine weit günstigere ist als bei den Katholiken, wohl das beste Zeugnis des wachsenden Verständnisses für Hygiene im Judentum, stehen wir mit unseren Ziffern über Geisteserkrankungen leider an erster Stelle. Die Tatsache, dass dem Juden die ruhige Existenz des Mittelstandes nur selten gegönnt ist, ihm daher nur der Handelsstand unter den schwierigsten Verhältnissen und die sogenannten geistigen Berufe offenstehen, begründet diese traurige statistische Tatsache teilweise; dass auch die gerade bei unserem Volke so verbreitete Inzucht hieran schuldtragend ist, hat ja die Wissenschaft schon nachgewiesen. Es ist ja eine bekannte Erscheinung, dass die Sterblichkeitsgrenze dem Alter nach bei den Juden höher ist als bei den anderen Konfessionen. Hier sei nur erwähnt, dass bei den Katholiken die meisten Sterbefälle in den Altersjahren zwischen 55 und 65 vorkommen, bei uns dagegen zwischen 60 und 70; und die erfreuliche Tatsache, dass die Sterblichkeit bei Kindern bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres um 11 % günstiger ist als bei den Katholiken, spricht deutlich für die hohe kulturelle Bedeutung des innigen Familienlebens bei unserem Volk, in dem eine Gewähr für gedeihliche Entwicklung der Kinder liegt. Was das Kapitel der Austritte aus dem Judentume betrifft, ist leider von Wien nicht viel Gutes zu berichten. Ihre Zahl war bis zum Jahr 1907 konstant steigend und erreichte gegen 25 % des Geburtenzuwachses. Seit diesem Jahr ist eine kleine Besserung zu konstatieren (1909 um 70 weniger als 1907). Nicht zum geringsten Teile mag hierzu beigetragen haben, dass in letzterer Zeit alle Austritte mit Anführung der wichtigsten Personaldaten von den Wiener jüdischen Blättern veröffentlicht werden und die im Matrikelamte geführten Austrittsbücher zur öffentlichen Einsicht aufliegen. 40 % der Austretenden sind weiblichen Geschlechts und mit wenigen Ausnahmen Mädchen der ärmeren Klassen. Ein Grund hierfür liegt in dem wenig erfreulichen Umstand, dass für diese unbemittelten, zum grössten Teil dem dienenden Stand angehörenden Mädchen die Heiratsmöglichkeiten im Judentum aus verschiedenen Gründen viel schwieriger zu finden sind als bei den anderen Konfessionen. Für diese auch kulturell tiefer stehenden Mädchen bildet der Glaubenswechsel den Weg zu einer dauernden Versorgung, die das Judentum ihnen nicht bot. Auch bei den aus dem Judentum ausgetretenen Männern, von denen ungefähr 40 % im Alter von 24—40 Jahren stehen, können wir an der Hand der dem Matrikelamt vom Magistrat Wien übermittelten Meldungen über Eheschliessungen (nach österreichischem Gesetz werden dort die Matrikeln über Konfessionslose geführt) leicht konstatieren, dass auch bei den meisten von diesen Hymen stärker war, als die Liebe zum angestammten Volk. Und den Rest von ungefähr 20 % bilden jene wirklich feigen Fahnenflüchtigen, die in der Voraussetzung, sich durch ihren Austritt gesellschaftliche oder soziale Vorteile zu erringen, ihren angestammten Glauben aufgeben, jedoch nicht nur den Hass unserer Gegner, auch deren Verachtung auf sich laden. Es ist ein trauriges Bild, das sich uns als statistisches Resultat darbietet, wenn wir die Summe der Geburten und Eintritte in das Judentum mit der Summe der Sterbefälle und Austritte vergleichen. Das Matrikelamt hatte 1909 bereits ein Passivum von 102 Seelen zu verzeichnen.

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