Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1910)
- Article
- Kaiser Franz Josef in der jüdischen Volkssage
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 491 - 492 (sequence 1)
- Language
- German
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491 492 KAISER FRANZ JOSEF IN DER JUEDISCHEN VOLKSSAGE. Von B Bei den Juden des Königreiches Galizien, das Kaiser Franz Josef oftmals besucht, ist er beinahe zu einer legendären Gestalt geworden, umgeben von einer ganzen Anzahl sehr poetischer Sagen, die bezeichnend sind für die Art, wie die Persönlichkeit des Kaisers und mancher seiner hochherzigen Züge sich in der Phantasie des jüdischen Volkes spiegelt. Zwei solcher Sagen in der Form, wie sie mir im Herbst 1894 während der Anwesenheit des Kaisers zum Besuch der Landesausstellung in Lemberg auf einer Reise von Halicz nach Lemberg von einem alten Juden, einem gedienten Soldaten, erzählt worden sind, mögen hier mitgeteilt werden: „Was unser Kaiser für ein Mensch ist und was er für ein Herz hat, das lässt sich gar nicht erzählen. Schon als Jüngling war er so. Als ich Soldat war und einmal am Jom-Kippur mit anderen jüdischen Soldaten frei bekam, erzählte uns ein Alter, der viel in der Welt herumgekommen war, folgende Geschichte, die dem Kaiser in seiner Jugend passiert ist. Damals wusste unser Kaiser noch nicht, dass er einmal Kaiser sein würde, denn er war ja nur ein Prinz, nicht der Sohn des frühern Kaisers, sondern sein Onkel war Kaiser. Einmal also im Winter, draussen war gerade starker Frost, da liess der Prinz einspannen und fuhr mit seinem Kutscher im Schlitten hinaus, weit in die Berge, um Jagd zu halten, wie die grossen Herren das ja öfters zu tun pflegen. Es war, wie gesagt, starker Frost, aber plötzlich erhob sich ein Sturmwind, und es wurde ein furchtbares Schneegestöber. Im Winter ist der Tag kurz, und so wurde es gleich dunkel, so dass unsere Reisenden den Weg verloren und im Walde herumirrten, und wussten nicht ein noch aus. Der Kutscher trieb die Pferde an, um nur schnell irgendwo herauszukommen. Auf einmal schaut sich der Prinz um und sieht ein kleines zusammengekrümmtes Männchen stehen, das hatte einen Stock in der Hand, auf den Schultern ein Bündel und trug einen fadenscheinigen Mantel und zitterte vor Kälte am ganzen Leib, dass es mit den Zähnen klapperte. Der Kaiser ruft „halt!", fragt nicht viel, sondern springt aus dem Schlitten, zieht seinen Pelz aus und wirft ihn dem alten kleinen Männchen um und schreit: „Steig ein zu mir, sonst erfrierst du!" Und wie er so spricht, sieht er plötzlich vor sich einen hohen alten Mann mit langem weissen Bart, ganz weiss gekleidet, und in der Hand hält er einen Stock mit Silberknopf. WTas ist das? denkt sich der Kaiser, denn er war sehr erstaunt. Jener abre sagte: „Weisst du, ich bin* Elia der Prophet, ich bin gekommen, dich zu versuchen. Denn es wurde im Himmel beschlossen, dass du dereinst Kaiser werden sollst. Da kam ich herunter, um mich zu überzeugen, was für ein Herz du hast, denn du wirst über viele, viele Menschen zu befehlen haben. Weil ich gesehen habe, dass du so barmherzig bist, verspreche ich dir, dich vor allen zu beschützen, die dir nach dem Leben trachten werden." Dann setzte er sich zu ihm in ar-Ami. Nachdruck verboten. den Schlitten, wies ihm den richtigen Weg und verschwand. Und Elia der Prophet hielt Wort. Es kam vor, dass ein Feind des Kaisers — und jeder Kaiser hat ja viele Feinde — sich von hinten an ihn heranschlich, um ihm das Leben zu nehmen, aber Elia der Prophet war dabei und verhütete unsichtbar das Unglück." Die zweite Sage, die mir der Alte erzählte, lautete wie folgt: „Einmal in früheren Zeiten, da war noch alles anders; da hatten die jüdischen Soldaten noch keine Erlaubnis, am Jom-Kippur in die Synagoge zu gehen, sondern mussten den Dienst verrichten. Da stand einmal ein jüdischer Soldat auf der'Wache, und es war gerade abends zu Kol Nidre, an dem feierlicher Gottesdienst gehalten wird, und gerade gegenüber war eine Synagoge. Da sah der Soldat durch die Fenster, wie alle Lichter brannten und die Juden versammelt waren, und hörte, wie sie beteten in Talith und Kittel gehüllt, und er musste nun dastehen vor seiner Bude mit dem Gewehr auf der Schulter und durfte sich nicht rühren. Und wie die Juden so immerzu beteten, fing dem Soldaten an, sein Herz hinzuziehen, und er konnte es nicht mehr aushalten; er wusste selber nicht, wie es ihm war und was mit ihm geschah: er liess das Gewehr hinabsinken und ging so ein wenig hin, Schritt um Schritt, bis er ganz bei der Synagoge neben dem Fenster stand und mitbetete und ganz vergass, dass er Soldat war und auf der Wache zu stehen hatte. Unser Kaiser aber ist ein guter Wirt, verlässt sich nicht auf seine Untergebenen, sondern liebt es, selber nach dem Rechten zu schauen. So ging er denn auch diesmal, als gewöhnlicher Offizier verkleidet, umher, um nachzusehen, ob die Soldaten auch gehörig die Stadt vor dem Feinde bewachten. Wie er nun zu unserm Wachtposten kommt und alles sieht, was tut unser Kaiser? Er fasst das Gewehr an, stellt sich auf den Posten und wartet, bis der arme Soldat fertig ist. Ihr könnt Euch denken, wie unser Soldat zu Tode erschrak, als er zurückkam und sah, wer da an seiner Stelle Wache hielt. Nun gibt es ein Gesetz, dass, wer die Wache verlässt, mit dem Tode bestraft wird. Am zweiten Tage sollte der Soldat erschossen werden. Beim Militär gibts keinen Spass: wenn einer was verbrochen hat, so hat er seinen Kopf verwirkt. Als er zur Richtstätte geführt wurde und man ihm schon die Augen verband, da dachte er bei sich: Mit mir ist es aus, es bleibt mir nur übrig, das Sündenbekenntnis zu sagen und „Schema Israel" auszurufen. Aber da erschien plötzlich der Kaiser, auf einem Pferd herbeisprengend, legte die Hand auf den Kopf des Soldaten, und wen der Kaiser einmal berührt hat, den darf man nicht hinrichten. Dem Soldaten wurde also das Leben geschenkt, aber seit damals befahl der Kaiser, dass allen jüdischen Soldaten der Jom-Kippur freigegeben werde, und so hält man es bis auf den heutigen Tag."