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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 409 - 410

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Judenkörperschaft
Date
1910-07-01
Page
Seite 409 - 410 (sequence 3)
Language
German
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409 Prof. Dr. Kalischer: Judenkörperschaft. 410 Schöner und eindringlicher kann die von dem amerikanischen Juristen verlangte „Deklaration" nicht sein als dieser von sechs Männern im Jahre 1860 in die Welt gesandte Aufruf. In diesem Geiste wirkt die Alliance ein halbes Jahrhundert. In dem Berichte, den sie aus Anlass ihres fünfundzwanzigjährigen Bestehens herausgab, erinnert sie abermals in kernigen Worten an die Beweggründe dieser Schöpfung, an Zweck und Ziel. „Alle Hauptbekenntnisse'', heisst es da (S. 7), „sind in der Welt durch Nationen und Regierungen, die sie schützen, vertreten. Wenn die Christen im Reiche der Muselmanen leiden, so gerät darüber die ganze Christenheit in Bewegung; die französische Regierung sendet den Christen in Syrien ihre Truppen zu Hilfe; jede protestantische Gemeinde kann auf die Unterstützung einer protestantischen Regierung rechnen; Russland nimmt die griechischen Gemeinden der ganzen Welt in seinen Schutz. Schon allein die Existenz dieser Regierungen sind für die Gemeinden desselben Bekenntnisses Bürgschaft und Schutz. Die verfolgten Juden allein wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Um die öffentliche Meinung, die Presse und die Teilnahme der Regierungen zu ihrer Hilfe aufzurufen — eben deshalb ist die Allianz gegründet worden." Politische und im engeren Sinne religiöse Fragen sind von ihrem Programm ausgeschlossen. Sie hat ihre Stelle einzig und allein „auf dem Gebiet der Nächstenliebe und Menschlichkeit." ,,Wir werden keinen andern Feind haben," sagten die Begründer der Gesellschaft, „als die Unterdrückung, keinen anderen Helfer als die Ueberzeugiing, -kein anderes Banner als die Gerechtigkeit und kein anderes Ziel als die Verbreitung der Bruderliebe unter den Menschen." „Ist doch der grosse Gedanke der allgemeinen Verbrüderung gerade das Ideal der jüdischenPropheten!" Unter diesem Banner kann und will die Alliance Israelite Universelle Alle vereinigen. Wie sie von ihren Begründern gedacht war, wie sie nunmehr fünfzig Jahre wirkt, und wie sie in alle Zukunft sein soll, erfüllt sie also bis ins Kleinste alle Anforderungen, die der New-Yorker Jurist an die von ihm gedachte Judenkörperschaft stellt — und dennoch in einem Punkte nicht ganz. Die Allianz hat als ihre Grundidee, von der sie getragen wird, die Einheit proklamiert, aber in dieser Einheit fehlen noch gar Viele. Wenn sie sich kraft ihrer Idee und ihrer Ziele getrost als Vertretungskörper der gesamten Judenheit fühlen darf, durch die Zahl ihrer Mitglieder muss sie sich, um es wirklich und eigentlich zu sein, erst dazu auswachsen. Wir beschämend ist doch die geringe Zahl ihrer Mitglieder unter den Berliner Juden! Etwa 2000 sind es, 30 000 sollten es sein! Die Gesamtzahl der Mitglieder beträgt etwa 40 000, zwei Millionen sollten es sein! Warum steht Ihr draussen, Israeliten, ausserhalb einer Vereinigung, wie sie das Judentum niemals vorher, ja mit solchen Zielen die Welt noch nicht gesehen hat? Es ist Zeit, dass Ihr Euch auf Euch selbst besinnt, Ihr Alle, die Ihr den winzigen Betrag für dieses grosse Werk übrig habt, dass Ihr herbeikommt, ja in gerechtem Stolze Euch drängt, anzugehören der Allgemeinen Israelitischen Allianz. Berlin, den 2. Juni 1910. LUISENS EHRENPFORTE UND DIE HULDIGUNG DER JUDEN. Zum 100. Todestag der Königin Luise. Von Franz Vallentin. Nachdruck verboten. Die Aufklärungs- und Toleranzhewegung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lockerte den Juden in Deutschland den Boden. Es war jene Zeit, in der Lessing mit seinem. „Nathan der W7eise" gegen die eingewurzelte Missachtung des Juden Einspruch erhob und der christliche Priester Lavater mit Erstaunen entdeckte, dass die geistigen und moralischen Werte eines Juden, wie Moses Mendelssohn, den eigenen gleichzusetzen seien. Mit der aufkeimenden Achtung der gebildeten christlichen Welt vor den im Judenvolk schlummernden Kräften steigerte sich auch in diesem selbst die brennende Sehnsucht, den Ort, in den das Schicksal es gerade gestossen hatte, eine Heimat, ein neues Vaterland nennen und für dessen Wohl mitarbeiten zu dürfen. Die oberste geistige Schicht des damaligen Judentums insbesondere Hess sich keine Gelegenheit entgehen, die dankbare Liebe des Juden zu einem Lande, das ihm sein Los nur einigermassen erleichterte, zu zeigen, und seine Reife für die staatsbürgerlichen Rechte an den Tag zu legen. Alle diese Kundgebungen jedoch trugen einen Anhauch von Wehmut und Sehnsucht. Und der Zartheit und Sinnigkeit, mit der der heimatlose Jude seine Anteilnahme an patriotischen Festlichkeiten ausdrückte, ist nur eine leidende Seele fähig. Heute, wo der Jude in Deutschland bereits ein deutscher Jude geworden, und zum mindesten der Form nach ein vollberechtigter Staatsbürger ist, blickt er mit dem Bewusstsein eben der Leiden, die ihn auch heute in Deutschland noch nicht ganz verlassen haben, auf die Gefühle zurück, mit denen er einst als ein trauriger fremder Gast die geschmückte Tafel der patriotischen Freuden seines Adoptivlandes betrachtete. Wenn nun hier von Beweisen jüdischer Vaterlandsliebe in Preussen zu einer Zeit, in der sich der Jude noch keinen preussischen Staatsbürger nennen konnte, die Rede sein soll, so geschieht dies nicht aus Prahlsucht, sondern aus einem geschichtlichen Interesse an unserem Verhältnis zu dem Lande, dessen Bürger wir mittlerweile geworden, und an den von diesem Lande geliebten und verherrlichten Persönlichkeiten, wie es Königin Luise ist, die gerade vor hundert Jahren (am 19. Juli 1810) als eine Frau von seltener seelischer Sauberkeit, Hoheit, Liebenswürdigkeit, Anmut, Zartheit und Standhaftigkeit,erst34 Jahre alt,starb. Der 20., 21. und 22. Dezember 1793 fand die ganze Bevölkerung von Berlin auf den Beinen. In

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