Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1910)
- Article
- Judenkörperschaft
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 407 - 408 (sequence 2)
- Language
- German
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407 Prof. Dr. Kalischer: Judenkörperschaft. 408 Paris, ihr „Hauptquartier". Ihr Vertretungskörper ist das Central-Comite, das aus Vertretern nahezu aller Staaten der Erde zusammengesetzt ist, deren Zahl statutengemäss mindestens 60 beträgt, aber nach Bedürfnis erhöht werden kann, mit dem notwendigen Bcamtenapparat. Das ist also der von dem New-Yorker Juristen verlangte „permanente Kongress". Zu den Gliedern des Central-Comites gehören zahlreiche Lokal- und Bezirks-Comites, die im Einverständnis mit ersterem wirken. Wenigstens einmal im Jahre beruft das Central- Comite statutengemäss eine Generalversammlung. Und der Zweck dieser grossartigen Gesellschaft? Die ersten drei Paragraphen ihrer Statuten sagen es: 1. Ueberall für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden zu wirken; 2. Denjenigen, welche in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Hilfe angedeihen zu'lassen; 3. Jeder Publikation ihre Unterstützung zu gewähren, welche geeignet ist, diese Resultate herbeizuführen. Aber noch weit mehr im Sinne des Herrn Schomer ist der Zweck der Alliance in dem Aufruf ihrer Begründer dargestellt, und es lohnt sich wohl, in dem Jobeljahr der Alliance Israe*lite Universelle diesen Aufruf vom Jahre 1860 hier wiederzugeben: Israeliten! 1. Wenn Ihr zerstreut über alle Orte der Erde und mit den Völkern vermischt der alten Religion Eurer Väter von Herzen treu bleibt, so schwach auch sonst das Band sein mag, das EJuch verknüpft; 2. Wenn Ihr Euren Glauben nicht verleugnet, wenn Ihr Euren Kultus nicht verbergt, wenn Ihr über eine Bezeichnung nicht errötet, die nur schwache Seelen drückt; 3. Wenn Ihr die Vorurteile verabscheut, unter denen wir noch leiden, die Vorwürfe, die man verallgemeinert, die Lügen, die man wiederholt, die Verleumdungen, die man nährt, die Rechtsverweigerungen, die man duldet, die Verfolgungen, die man rechtfertigt oder entschuldigt; 4. Wenn Ihr glaubt, dass die älteste und einfachste der spiritualistischen Religionen ihren Platz behaupten, ihre Mission erfüllen, ihr Recht geltend machen, ihre Lebenskraft offenbaren muss in der grossen, stets lebhafter werdenden Ideenbewegung, in dem stets heisser werdenden Streit der Theorien der modernen Gesellschaft; 5. Wenn Ihr glaubt, dass der erhabene Gedanke und der strenge Kultus eines einzigen Gottes, dessen alte Träger und zähe Verteidiger wir sind, mehr als jemals bewahrt bleiben müssen vor eigennützigen Berechnungen oder Angriffen des Zweifels und der Gleichgültigkeit; 6. Wenn Ihr glaubt, dass die Gewissensfreiheit, dieses Leben der Seele, allen Menschen nirgends sicherer verbürgt ist, als in den Staaten, wo die Juden sie ganz und gar besitzen; 7 Wenn Ihr glaubt, dass der Glaube seiner Vorfahren für einen Jeden ein heiliges Erbteil ist, dass das Haus, dass das Gewissen unverletzlich sind, dass man nicht wieder erleben darf, was man soeben erst erlebt hat; 8. Wenn Ihr glaubt, dass die Einigkeit ein Gut ist, dass Ihr, wenn auch verschiedenen Nationalitäten angehörend, dennoch, ausserhalb aller Parteiungen, Eure Gefühle, Eure Wünsche und Eure Hoffnungen auf ein Gemeinsames richten könnt; 9. Wenn Ihr glaubt, dass Ihr auf gesetzlichem Wege, durch die unbesiegliche Macht des Rechtes und der Vernunft, ohne irgendwie Unruhe anzustiften, ohne irgendwelche Macht zu erschrecken, ohne irgendeinen andern Zorn zu erregen, als den der Unwissenheit, des bösen Willens und des Fanatismus, viel erreichen könnt, um dafür viel zurückzugeben durch Eure Arbeit und Eure unbestrittene Intelligenz; 10. Wenn Ihr glaubt, dass eine grosse Zahl Eurer Glaubensgenossen, die noch niedergedrückt sind von zwanzig Jahrhunderten des Elends, des Schimpfes und der Verfolgung, ihre Menschenwürde wiederfinden, ihre Bürgerwürde erwerben können; 11. Wenn Ihr glaubt, dass man die Verderbten bessern und nicht verdammen, die Verblendeten erleuchten und nicht verlassen, die Niedergeschlagenen aufrichten und^ sieh nicht begnügen soll, sie zu beklagen; dass. man die Verleumdeten verteidigen [und nicht schweigen soll; dass man überall den Verfolgten helfen und nicht bloss über Verfolgung schreien soll; 12 Wenn Ihr glaubt, dass die heute zerstreuten Hilfsquellen, vereinzeltes Arbeiten, Einflüsse ohne ausreichende Tragweite, ein Wollen ohne Richtung, Streben ohne bestimmtes Ziel durch Vereinigung besser verwertet werden und die Tätigkeit aller jedem Winkel der Erde fühlbar machen können; 13. Wenn Ihr glaubt, dass es für Eure Religion eino Ehre, für die Völker eine Lehre, ein Fortschritt für die Humanität, für die allgemeine Wahrheit und Vernunft ein Triumph sein würde, wenn alle lebendigen Kräfte des Judentums, das klein an Zahl, aber gross ist durch die Liebe und den Willen zum Guten, sich sammeln; 14. Wenn Ihr endlich glaubt, dass der Einfluss der Prinzipien von 1789 allmächtig in der Welt ist, dass das Gesetz, welches ihnen entstammt, ein Gesetz der Gerechtigkeit ist, von dem zu wünschen ist, dass sein Geist überallhin dringe, und dass das Beispiel der Völker, welche absolute Religionsfreiheit besitzen, eine Macht ist; 15. Wenn Ihr alles dies glaubt, Israeliten der ganzen Welt, so kommt, hört auf unsern Ruf, gewährt uns Eure Zustimmung, Eure Mitwirkung; das Werk ist ein grosses und hoffentlich ein gesegnetes: Wir gründen die Allgemeine Israelitische Allianz! *) *) In der Schrift des unvergesslichen Dr. S. Neumann, „Die neueste Lüge über die israelitische Allianz, ein Probestück aus der antisemitischen Moral", 1883, findet sich neben dem französischen Text die deutsche Uebersetzung, von der die unserige nur wenig abweicht.