Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 401 - 402 (sequence 1)
- Language
- German
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401 402 DIE ISRAELITEr* Trotz des Schutzes, den die scherifische Regierung ihnen angedeihen lässt, trotz der von den Vertretern der Mächte wiederholt beim Sultan in Tanger iür die Sicherheit der israelitischen Bevölkerung getanen Schritte, sind die marokkanischen Israeliten immer noch barbarischer Behandlung seitens der örtlichen Behörden ausgesetzt. In jüngster Zeit sind wiederum jüdische Männer mit der Bastonnade bestraft worden, nicht bloss in dem Bezirk von Alcazar, das durch seine Entlegenheit und weite Entfernung der unmittelbaren Einwirkung der Zentralregierung entrückt ist, sondern auch in Tanger selbst, einer der Hauptstädte des scherifischen Reichs, dem Sitz der Gesandtschaften, wo man doch .auf eine gewisse Zurückhaltung seitens derer sollte rechnen dürfen, die einen Teil der öffentlichen Macht in Händen haben. Der Direktor der Alliance-Schule in Larache schickt hierüber nachstehenden Bericht: Larache, 24. Februar 1910. Der Cai'd Eliasfi Sefiani, Gouverneur eines kleinen Platzes bei Alcazar, wo allwöchentlich Märkte abgehalten werden, hatte den Diener eines israelitischen Händlers eingekerkert, weil er sich mit einem anderen Diener gezankt hatte. Der Herr, Mose Isaac Abergel, ging zum Gouverneur, um den Grund für die Bestrafung seines Dieners zu erfragen. Auf Befehl des Gouverneurs wurde er zu Boden geworfen und geschlagen. Mehr tot als lebendig wurde er nach Alcazar gebracht, von wo er hierher in die Alliance-Schule flüchtete, den einzigen Ort, an dem die jüdischen Untertanen Marokkos aus hiesiger Gegend auf Schutz rechnen können. Der Unglückliche bot einen kläglichen Anblick Sein Leib, seine Beine waren mit offenen Wunden bedeckt. Er berichtete, was ihm widerfahren war, und fügte hinzu: dass alle auf dem Markt befindlichen Israeliten auf die Nachricht, dass einer der Ihren die IN MAROKKO. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Bastonnade erhalten habe, von panischem Schrecken ergriffen, so schnell wie möglich ihre Waren an sich genommen hätten und nach Alcazar geflohen wären. Der Gouverneur Eliasfi, von dem Vorfall untenichtet, schickte sechs berittene Soldaten, die bis zu den Zähnen bewaffnet waren, um die Entflohenen zum Markt zurückzubringen. Auf halbem Wege holten die Soldaten die Händ er ein, die durch Bitten und Geschenke ihre Freigabe erkauften. Die Soldaten sagten dem Gouverneur, dass sie die Juden nicht hätten einholen können. Meine alsbaldigen Bemühungen bei dem französischen Konsulat wie bei dem Gouverneur von Larache waren vergeblich, da Eliasfi der Regierung von Tanger untersteht. Um dieselbe Zeit hatten zwei junge Israeliten von Tanger ihren Streit vor den Vertreter des Paschas dieser Stadt gebracht. Sie erhielten die Bastonnade. Sobald der Pascha hiervon Kenntnis erhalten hatte, schickte er zwei seiner Offiziere zur Repräsentanz der jüdischen Gemeinde, um dieser sein Bedauern auszusprechen über den den klaren Befehlen des Sultans widerstreitenden G-ewaltakt seines Vertreters, der scharfen Tadel erhalten habe, und um zu versichern, dass ähnliche Missgriffe sich nicht wiederholen würden. Auf die Intervention des Central-Comites der Alliance bei dem französischen Residenten in Tanger erwiderte dieser; „Ich habe den französischen Konsul in Fez, Herrn Gaillard, gebeten, dem Sultan Mulay Hafid den Firman Moulay Hassans in Erinnerung zu briügen, der die Anwendung der Bastonnade verbietet, und hinzuzufügen, dass die bestimmten Versprechungen des Sultans anlässlich meines jüngsten Aufenthalts in Fez mir die Gewissheit geben, dass er alsbald den Maghzen-Beamten den Befehl schicken werde, die Israeliten mit Gerechtigkeit und Billigkeit zu behandeln." Vom Jubiläum der Alliance. Die Jubiläumsfeier der Alliance hat in Paris eine Verzögerung erfahren müssen, da der Präsident der Alliance Israelite Universelle, Herr Leven, bedauerlicherweise erkrankte. Man wird in Paris eine Nachfeier im November veranstalten. Für die Pariser Feier war eine Teilnahme aus allen Ländern in Aussicht genommen. Auch an Herrn Oscar S. Strauss, den Botschafter der Vereinigten Staaten in Constantinopel, war eine Einladung ergangen, auf die Herr Strauss mit folgendem Schreiben antwortete : Amerikanische Gesandtschaft. Constantinopel, 20. April 1910. An den Präsidenten der Alliance Israelite Universelle Herrn N. Leven Paris. Sehr geehrter Herr! Ich habe Ihre Einladung zu den Feierlichkeiten und Versammlungen erhalten, die im kommenden Mai zur Erinnerung an die vor 50 Jahren erfolgte Begründung der Alliance Israelite Universelle stattfinden sollen. Hätten meine amtlichen Pflichten meine Abwesenheit von hier zu jener Zeit gestattet, so wäre es mir eine grosse Freude, der bedeutsamen Jubiläumsfeier beizuwohnen. Wer mit der Lage unserer Glaubensgenossen in diesem Teil der Welt vertraut ist, muss Bewunderung fühlen für die Grösse des Werkes, da* die Alliance geschaffen bat, indem sie unseren Glaubensgenossen Erziehung und moralische Hebung zuteil werden Hess und ihre wirtschaftliche Lebenshaltung erhöhte, ich habe die Schulen und anderen Institute besucht, die die Alliance hier, in Salonik, in Smyrna und vielen Orten eingerichtet hat, und kann aus eigener Anschauung Zeugnis ablegen für das grosse und edle Werk, das di^e Alliance geschaffen hat und zu schaffen fortfährt. D e Alliance ist für die Juden des Orients Schirm und Schutz. Der Schutz, den die Regierungen der verschiedenen Staaten ihren christlichen Landesgenossen angedeihen lassen, den gewährt die Alliance den Juden. Ich habe eine Anzahl junger Leute gesehen, die in den Schulen der Alliance erzogen worden sind und sich zu nützlichen Führern ihrer Glaubensgenossen entwickelt haben. Ohne die Vorteile, die die Schulen der Alliance bieten, würden sie in derselben unglücklichen Lage veiblieben sein, in der sich die Mehrzahl ihrer Brüder befindet. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mich in Salonik aufzuhalten. Ich besuchte dort Ihre Schulen und traf die Vorsteher der Gemeinde bei einer Beratung an. Ich war bestrebt, sie von der dringenden Notwendigkeit zu überzeugen, ihren spanischen Jargon abzulegen, dessen Ersetzung durch die Landessprache ich empfahl. Auch die Pflege der französischen Sprache legte ich ihnen ans Herz, damit sie aus ihrer Absonderung herauskämen und die Aufklärung der Gegenwart sich zunutze machten. Ich bemühte mich, ihnen auseinanderzusetzen, welche Ironie der Geschichte darin liege, dass sie die Sprache ihrer spanischen Bedrücker bewahrten in einem Lande, das ihren