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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 385 - 386

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Die jüngsten Wiener Gemeinderatswahlen
Date
1910-06-01
Page
Seite 385 - 386 (sequence 1)
Language
German
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386 DIE JUENGSTEN WIENER GEMEINDERATSWAHLEN. Von Jakob Krausz. Nachdruck verboten. Wien, im Mai 1910. Das Ergebnis der jüngsten hiesigen Gemeinderatswahlen war mehr als eine Eintags-Sensation. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird der 29. April 1910, der Tag, an dem die Wahlen des ersten Wahlkörpers stattfanden, ein historisches Datum werden, einen Wendepunkt in der Entwicklung der politischen Parteien Oesterreichs bilden. Der objektive Beobachter wird in dem Resultat dieser Wahlen eine kleine Revolution der politischen Anschauungen, eine Auflehnung der gut bürgerlichen Mittelklasse gegen eingewurzeltes Kliquenwesen, gegen politisches Götzentum jeder Parteischattierung erblicken müssen. Nicht das war das Bedeutungsvolle an dem Verlauf der Gemeinderatswahlen, dass die Christlichsozialen viele Stimmen an die Freisinnigen verloren haben; auch das fällt nicht allzu schwer in die Wagschale, dass der Geschäfts - antisemit Ernst Vergani unterlegen, dass der Bauernbündler Exzellenz Dr. Gessmann nur mit knapper Majorität durchgedrungen ist: der Wert des Wahlergebnisses liegt in der Tatsache, dass der Umschwung sich gegen den Willen der ans Kommandieren gewöhnten Führer vollziehen konnte. Das. vielverlachtc Wiener „Stimmvieh" ist plötzlich zum Bewusstsein gelangt; es macht Miene, das bisher duldsam getragene Joch abzuschütteln und der politischen Entwicklung in Oesterreich eine neue Richtung zu geben. Von besonderem W^ert ist es, dass die Selbständigkeitsregungen nicht bei einer Parteirichtung, sondern in allen Lagern hervorgetreten, und dass sie vom ersten Wahlkörper, also von jenen Wählerkreisen ausgegangen sind, die durch einen gewissen materiellen Wohlstand und einenhöheren Grad von Intelligenz tonangebend im öffentlichen Leben erscheinen. In diesem Wahlkörper schlummerte auch der letzte Rest des österreichischen Liberalismus, der nur infolge der Behäbigkeit seiner Bekenner, infolge des Doktrinarismus und der Weltfremdheit der aus überwundener Zeit überkommenen Führer zu keiner rechten Betätigung gelangen konnte. In diesem Wahlkörper befindet sich auch das Gros unserer gutsituierten Juden: die wohlhabenderen Kaufleute, die bessergestellten Advokaten, Aerzte, Professoren, Industrielle usw., mit einem Wort: die jüdische Wählerklasse, die alle Mittel besitzt, um ihren Einfluss zur Geltung zu bringen, die aber niemals kampflustig war und daher, trotz ihrer materiellen und intellektuellen Bedeutung, tatenlos zusah, als sie durch eine unternehmungslustige und kampfbereite Geschäftspolitik Stück um Stück den Boden unter den Füssen verlor. Der Doktrinarismus der liberalen Führer tat das Uebrige, um eine an sich kraftige liberale Gesellschaftsschicht zu einer blutleeren, willensunfähigen Masse herabzudrücken. Nun aber geschah ein Unerträgliches, das die Geduldigsten aufpeitschte: In der City von Wien, der inneren Stadt, deren Wähler zu 70 % Juden sind, die sich zum politischen Freisinn bekennen, und noch immer bei politischen W7ahlen widerspruchslos den von den christlichen Freisinnigen vorgeschlagenen Kandidaten ihre Stimmen gaben, wurde von diesen Führern eine Liste aufgestellt, in der sich neben zwei mutwillig aus dem Judentum ausgetretenen Advokaten ein waschechter Antisemit befand, dem ein Unterschlupf bei den Christlich-Sozialen verweigert worden war. Die Präsentation dieser Liste war nicht aus Bosheit erfolgt, sondern aus Weltfremdheit. Die jüdischen W'ähler aber lehnten sich gegen die Zumutung auf, in der Wohnstätte der jüdischen Gemeinde ihren Ueberläufern zu politischen Mandaten zu verhelfen. Zum erstenmal verweigerten sie den Gehorsam jenen Führern, die den Liberalismus ins Verderben geführt hatten. Kaum war das Gerücht von der Kandidatur der beiden Renegaten bekannt, so erliess die „Oesterreichische, Wochenschrift" den ersten Kampfruf an die jüdischen Wähler. Und tausendfaches Echo, nicht nur unter den unabhängigen Juden, auch unter den vorurteilsfreien Christen, antwortete ihm. Die Besten unserer Gemoinde griffen zielbewusst in den Wahlkampf ein. Es bleibt unvergesslich, wie der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, nicht in seiner Eigenschaft als Chef der Gemeinde, aber im Bewusstsein der Pflicht, die ihm seine Führerrolle im Judentum auferlegt, trotz seiner 79 Jahre in einer Wahlversammlung mit jugendlichem Feuereifer es als eine Ehrensache jedes Juden hinstellte, zu verhindern, dass Abfall und Fahnenflucht durch Ehrenstellen und politische Mandate prämiiert werden. Zündend und überzeugend wirkten die Worte des erfahrenen Politiker: „Nicht eine Frage des Konfessionalismus, nichteine Frage des Klerikalismus ist es, um die es sich hier handelt; es handelt sich um eine Frage des Charakters, wenn wir es ablehnen, Männern, die das Judentum in seiner grössten Bedrängnis verlassen und dadurch erklärt haben, dass sie von den Juden nichts wissen wollen, jetzt unser Vertrauen zu schenken und sie zu unseren Vertretern und Verteidigern zu wählen ..." Damit wrar der mit Enthusiasmus einsetzenden Kampagne die Richtung gegeben. Aus dem offiziellen Wahlkomitee traten die angesehensten jüdischen Mitglieder aus und schlössen sich der Gegenbewegung an. Alles, was Rang und Namen in der Gesellschaft hatte, stellte sich auf Seite der für ihre Ehre kämpfenden Juden. Und der Wahltag bewies, dass um eine ehrliche Sache, um eine „Sache des Charakters" gekämpft worden war. Die oppositionelle Kandidatenliste, auf welcher auch mehrere bewährte, verlässliche, freisinnige Christen standen, ist mit erdrückender Majorität durchgedrungen. Jene beiden Advokaten, von denen einer in seiner Familie einen konfessionellen Gemischtwarenhandel etabliert hat, der andere zynisch erklärte, dass er vor Jahren die Wasserprobe bestanden habe und nun die politische Feuerprobe zu bestehen hoffe, wurden in ihren Hoffnungen arg getäuscht. Es war ein Ehrentag für die Wiener Juden, ein Sieg des wahren, modernen Freisinns, der eine neue Richtung erhalten hat. Es war ein Sieg des lebensfrohen Freisinns über den verzopften, weltfremden Liberalismus längst überwundener Zeiten. Der Schreibtischliberalismus ist tot; ob der lebendige Freisinn in Wien erstehen wird, wird davon abhängen, dass die, die es angeht, den Wink verstehen, der ihnen am 29. April gegeben wurde.

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