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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 383 - 384

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Gustav Josephthal
Date
1910-06-01
Page
Seite 383 - 384 (sequence 2)
Language
German
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383 X.: Gustav Josephthal. 384 Die reiche* erfolggekrönte Tätigkeit, welche, die deutsche Judenheit dem Geheimen Hofrat und Justizrat Josephthal anerkennend beizumessen hat, fand ihren Ausgangs- und Stützpunkt in seinem nahezu fünfzigjährigen Wirken als Mitglied der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, die in ihm vier Dezennien hindurch ihren führenden Vorstand verehrte. Mag auch der Werdegang einer einzelnen Gemeinde für die Gesamtheit nur begrenztes Interesse gewähren — der Abglanz reicher blühender Entwicklung eines Teiles wird auch das Ganze umschimmern und erhellen. Die Entfaltung der Gemeinde Nürnberg zur Betätigung höchsten Pflichtgefühls, die Förderung aller Kräfte zu nie ermattender Arbeitsfreudigkeit und zu vollendetem Feinsinn ist ein Verdienst, das mit dem Namen Josephthal unlösbar verbunden ist. Mit edler Leidenschaftlichkeit wachte Josephthal zu allen Zeiten über Wahrung der Würde und des Ansehens der Gemeinde gegenüber der sie umgebenden Mehrheit, und dieses Streben kam mittelbar zugleich dem Judentum zu gute. Beseelt von dem Geist der Versöhnlichkeit, gleich weit entfernt von Schwäche wie von Starrsinn, erfüllt von aufrichtiger Friedensliebe, fand er stets einen vereinigenden Mittelweg, die Möglichkeit kampfloser Glättung der Gegensätze zwischen den verschiedenen Richtungen, ohne dabei die eigene Ueberzeugung zu verbergen. Jedem Partelkularismus feind, fand Josephthal, sobald er der Nürnberger Kultusverwaltung angehörte, kein völliges Genüge darin, dieser allein seine Kräfte zu weihen. Mit Begeisterung wandte er sein bedeutendes Können den hohen Aufgaben des ganzen Judentums zu. Als sich zu Ende der sechziger Jahre des vorigen Säkulums eine neue Periode konzentrierender Belebung in der deutschen Judenheit erschloss, verband sich Josephthal mit einer Reihe kongenialer Männer, wie Nachod, Kohner und anderen, um den deutsch - israelitischen Gemeindebund zu schaffen, dessen Tagungen er wiederholt präsidierte. Wie mit dieser ersten Organisation war Josephthals Name mit jeder später hervortretenden, dem Judentum dienenden Vereinigung (insonderheit sei J.'s mühe- und früchtereiche Tätigkeit im bayerischen Landesverein hervorgehoben) verknüpft. Ueberall wirkte der eifrige Mann fördernd oder schöpferisch. Seine weitblickenden, von hohen Gedanken getragenen Ratschläge begegneten überall freudig anerkennender Aufnahme. Es ist eine häufig erprobte Wahrheit, dass warmer Sinn für das Judentum und „jüdisches Gemüt" — dieses Wort im edelsten Sinne verstanden — einem Boden entkeimen. Die Persönlichkeit Josephthals ist nach beiden Richtungen ausgezeichnet. Als die Verfolgungsmassnahmen der russischen Regierung Hunderttausende von Genossen unseres Glaubens ausser Landes trieb, war der Nimmermüde schon bei anbrechendem Morgen beizutragen, dass jene Gustav Josephthal. an der Arbeit, um dazu Unglücklichen befreienden, erlösenden Zielen entgegenge führt wurden. Und wo tat sich während des letzten halben Jahrhunderts ein Gebiet gemeinsamen, werktätigen Erbarmens auf, für das Inland oder für das Ausland, für Rumänien oder für die Zwecke der Alliance Israelite Universelle (deren Direktorium Josephthal seit vielen Jahren angehört), dem er nicht seinen weithin klingenden Namen und seine Arbeitskraft lieh! Mit einem Wort: ein Mann, zu dem die Judenheit voll freudigen Stol/es emporblicken mag! Unter der beugenden Wucht' des Schmerzes, dem ihm der Tod der Gefährtin bereitete, ist Geheimrat Josephthal mit Beginn dieses Jahres aus dei Kultusverwaltung der Nürnberger Gemeinde geschieden. Dieser Entschluss wurde weit und breit mit um^so aufrichtigerem, berechtigterem Bedauern empfunden, als das Alter — Josephthal ist 1831 geboren ■— die Beweglichkeit seines reichen Geistes keineswegs anzufechten im Stande gewesen ist. Erfüllt es ja alle, die das Glück haben, ihn zu beobachten, mit immer sich erneuernder Bewunderung, diesen vortrefflichen Mann noch heute inmitten lebhaft geführter Verhandlungen Entwürfe wichtiger Schriftstücke niederschreiben und sie unmittelbar zu sprachlicher Schönheit formen zu sehen! Was Josephthal für das Wohl, das Ansehen, und die ideellen Aufgaben der Gemeinde Nürnberg und des Judentums überhaupt gedacht, gearbeitet und erreicht hat, wird unvergessen bleiben. Seine Verdienste sind schon heute der Geschichte der deutschen Judenheit klar eingefügt; sie werden den Namen Gustav Josephthal dauernd umglänzen. Nürnberg, im Mai 1910. X.

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