Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Der Tag der Emanzipation
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 343 - 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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343 M. A. Klausner: Der Tag der Emanzipation. 344 3Üge uns verloren gegangen wären. Aber uns selbst war öod) nicrjt verborgen, was der Wahr* ner)tnung öer Rnöeren sid) vielleicht ent3ieben konnte: dass wir einen Sd)at5 unö einen Scbutj in uns trugen — bie Crbscbaft vom Sinai, ben Gerecbtigkeitsunö Brüberlicbkeitsgebanken als Cebensprin3ip unb Cebens3iel, bie Sittlicbkeitslebre, bie von Geschlecht 3U Geschlecht in blutigen Verfolgungen uns ins Fleisch geschnitten worben, ben Wissensdurst nnb ben forsdjersinn, ber uns 3um Volk bes Buches, 3um Volk ber Schrift in einer 3eit machte, in ber bie übrige Welt fast völlig in Barbarei versunken war. Das fyat uns wunbervolle Spannkraft gegeben unb uns 3U bem Verbienst gebracht, bass wir ber fernblieben Weit unsere Ibeale schenken konnten. Wir haben uns lange 3eit eingekapselt, nur ein Innenleben geführt. flicht weil wir es wollten, sonbern weil wir mussten. Von unserem Reichtum an Gebankenschä^en haben wir gern mitgeteilt, sobalb wir nur burften; unb gern haben wir von ben Früchten ber Kultur gekostet, von benen wir bis bahin abgeschlossen unb ferngehalten waren. Das war ein Austausch von Geschenken — unb wir hQt>en ntd)t gemäkelt unb gefeilscht, sonbern mit vollen ßänben gegeben. Wir konnten es auch, wir hatten es ba3u. Fast unmittelbar aus bem Ghetto kamen bie Förberer mobernsten Wissens, mobernster ftunst unb bie merkwürbigen Genies, bie kaum bie neuhod)beutsche Sprache erlernt hatten unb schon 3U (Deistern unb Bilbnern bieser Sprache würben. £s ist heute Brauch, über Börne unb ßeine 3U schelten, unb wir selbst benken ber Abtrünnigen mit gemischten Gefühlen. Doch ber glühenbe Patriotismus bieser beutschen Verbannten ragt weit hinaus über bie beutsche Gesinnung ihrer Schmäher, bie niebrig genug waren, bei jenen bas natürliche unb selbstverstänbliehe vaterlänbische Cmpfinben 3U einer Tlugenb 3U machen. Ohne Börne unb ßeine wäre bie heutige beutsche Sprache nicht bas, was sie ist, läge sie noch xn °en fesseln, über bie Goethe beweglich geklagt hQt. Ohne Börne unb ßeine wäre ber deutsche Reicbsgebanke nicht so schnell 3U Reife unb Blüte unö allbe3wingenber Kraft gekommen. £s ist besser geworben — in anberen Cänbern. Bei uns selbst ist ber Abstanb vom russischen unb rumänischen Tliveau nicht gar so gross. Wir haben noch etwas Rulturscbminke, bas ist alles. Cs fehlte nicht viel, so würbe auch biese abgestreift, gan3 wie in Oesterreich unb, währenb ber „Af faire" Drevfus, in Frankreich. Die antisemitische Cbauvinistenvsrscbwörung umfasste die Dekabenten bes Faubourg Saint Germain genau so wie bie verlumpte Demokratie berer um Cueger in Wien, bie Stöcker unb ßammerstein=Wossu in Deutschland Während bei uns um ben jübischen Reserveleutnant, um ben jübischen Regierungsreferenöar noch heiss gerungen wirb — an ben aktiven Ceutnant unb ben wirklichen Canbrat wagt bie verwegenste Phantasie nicht 3U benken — haben in gesitteten Cänbern bie aktiven jübischen (Dinister unb Generale längst aufgehört, eine auffallenbe ober auch seltene Erscheinung 3U sein. Amerika hat 3iemlich regelmässig irgendwo einen jübischen Botschafter. AUerbings nicht an einem ßof bes europäischen Kontinents. Die Hiederlande haben wiederholt jüdische (Dinister gehabt. Ebenso Frankreich, in dem seit der ersten Revolution nach jedem freiheitlichen Aufschwung der bösartige Rückschlag folgte. Wie unter dem ersten Hapoleon auf die vollständige €man3ipation das „infame Ebikt" folgte, das für 3el)n Jahre die €man3ipation aufhob, so erlebte das Geschlecht, das das (Dinisterium Cremieux gesehen hatte, die Schande der „Affaire", an der die deutschen Antisemiten nobelster Extraktion ihren Anteil 311 beanspruchen sich beeiferten. In Dänemark ist 3ahle, ein jüdischer (Dann, Premierminister geworden. Das englische (Dinisterium hat brei jüdische ODitglieder: Sir Jsaac Rufus ist Sollicitor= General, d. i. sweiter Kionanwalt mit Anwartschaft auf die höchsten Richterstellen; Sir Samuel (T)ontague ist Kan3ler des ßer3ogtums Cancaster und hat SU3 im föabinet, dem noch ein 3weiter (Dontague angehört. Ausserdem bekleidet von 3wei Brüdern Hathan der eine eine sehr hohe Verwaltungsstelle in Indien, während der andere Gouverneur von Datal ist. Allem Anschein nach hQt das Britische Reich nicht unter diesem Judenregiment gelitten, wenigstens nicht empfindlich. — In Italien endlich ist auf den getauften Jubensprössling Sonnino der gän3lich ungetaufte (Dinisterpräsident Cu33atti gefolgt, nicht 3U reden von dem Juden Ottolenghi, der Italiens Generalissimus und föriegsminister gewesen ist, und von dem Juden Hatban, der als Bürgermeister Roms den 3aren Dikolaus II. von Russland in patriotischer Selbstüberwindung um* wedelt bat- Wie gesagt: es ist besser geworden — in anderen Cändern. Aber gut ists auch da noch lange nicht. Wenn ein Jude 3U hervorragender Stellung gelangt, so muss er 3Uvor ßervorragendes