Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Das Schuljahr 1909 in Hamadan (Persien)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 333 - 334 (sequence 2)
- Language
- German
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333 Mitteilungen der Alliance Israölifce Universelle: Das Schuljahr 1909 in Hamadan (Persien.) 334 wohnt sogar mitten im jüdischen Quartier, um desto leichter dort Rauh verüben zu können. Die Rechtsprechung unter den Juden liegt in ihren Händen. Sie legen Geldbussen auf, die in ihre Taschen fliessen, werten ins Gefängnis, geben Bastonnaden, und selbstverständlich gewinnt immer die Partei, die dem R;chter die reichsten Geschenke gegeben hat. Sie begnügen sich nicht, in den bürgerlichen Streitigkeiten der Juden Urteile abzugeben, sondern mischen sich auch in die Angelegenheiten, die sich ganz uad gar auf das religiöse Gesetz, auf Eheschliessung und Ehescheidung beziehen. Noch eine andere Persönlichkeit saugt die armen Juden aus, die schon vom Klerus grausam ausgebeutet sind. Das ist der Kargusar, der Vertreter des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, in ganz Per&ien mit der Wahrung der Interessen der Juden betraut. Da die fremden Untertanen es vorziehen, seiner Dienste zu entraten und lieber ihre Klagen direkt in Teheran anbringen, so hält sich jener Würdenträger an unseren verteidteungslosen Glaubensgenossen schadlos, die von ihm abhängen, da sie als Fremde betrachtet werded. Er wohnt im jüdischen Viertel, und da die Regierung ihn nicht bezahlt, zo zieht er seine Einkünfte aus den Rippen der unglücklichen Juden, die sich nicht wehren können. Dieser Würdenträger hat seit einiger Zeit seiner Habgier einen Dämpfer aufgesetzt, und sogar die Priester haben etwas an Terrain eingebüsst. Sollten wir der Morgenröte einer neuen Aera entgegengehen? Sollte die Stunde der Befreiung unserer persischen Brüder bald schlagen? Ich wünsche es, ohne allzu lebhafte Hoffnung. Es wäre eine Selbsttäuschung zu glauben, dass die persische Revolution die Kraft besessen habe, plötzlich die Geister für den Gedanken des Fortschritts und der Freiheit zu öffnen, und dass sie gleich der türkischen Revolution ein Echo im ganzen Lande gefunden hätte. Das persische Volk ist noch so wenig reif für die Idee der Gleichheit, die gewisse Liberale aus Europa gebracht haben. Die Massen, von Jahrhunderte alten Vorurteilen genährt, von einem Klerus fanatisiert, dessen Interesse auf Erhaltung des früheren Standes der Dinge gerichtet ist, sind noch zu unwissend. Das Land ist im Zustand unbeschreiblicher Anarchie, und seit der Herstellung des parlamentarischen Regimes zeigt sich nicht die leisere Spur eines wirklichen Fortschritts. Nach der Begeisterung der ersten Ta*e haben die Dinge ihren gewohnten Lauf wieder angenommen, und die Hoffnung naher Befreiung, die die letzten Ereignisse in den Herzen unserer Glaubensgenossen erweckt hatten, ist getäuscht worden. Die muselman sehen Priester sind die ersten gewesen, Massenübertritte unserer Glaubensgenossen zu bewirken. Vor etwa 15 Jahren wurde nach einer Streitigkeit, die einigen Juden das Leben kostete, das israelitische Viertel geplündert, wurden einige Familien gezwungen, sich zum Islam zu bekehren. Diese Convertiten werden Dschedid-ul-islam genannt. Dem Namen nach sind sie Moslim, seit einigen Jahren sind sie zum Bahismus übergetreten. Danach kam die amerikanisch - protestantische Mission, die eine Schule und ein Hospital einrichtete. Etwa 20 Uebertritte waren das Ergebnis. unerhörter Anstrengungen und beträchtlicher Geldopfer. Die meisten getauften Israeliten sind ehemalige Zöglinge der Mission, die bei dem Direktor des amerikanischen Hospitals Medizin studiert haben. Jetzt sind sie die besten Aerzte der Stadt und haben eine zahlreiche Klientel. Sie unterhalten dauernde Beziehungen mit der Mission, wohnen der Predigt in dem reformierten Tempel bei und feiern den Sonntag. Mit den Israeliten ihrer Verwandtschaft unterhalten sie enge Beziehungen. Im übrigen Orient sind die Convertiten sehr selten. Man zeigt mit dem Finger auf sie, und die Israeliten halten sie von sich fern. Hier dagegen fahren sie fort, die Achtung unserer Glaubensgenossen zu gemessen, und die jüdischen Familien zögern nicht, ihnen ihre Töchter zur Fhe zu geben. Seit der Begründung unserer Schule ist die protestantische Gefahr beseitigt. Die Schule der amerikanischen Mission, die vordem von so vielen Kiudern besucht wurde, zählt gegenwärtig nicht mehr als ein bis zwei jüdische Zöglinge. Neue Uebertritte kommen nicht vor. Aber das schlimmste Uebel, das an der Jüdischen Gemeinde von Hamadan zehrt, ist die rübiige Propaganda der Bahis. Der Bahismus ist die aus dem Babismus hervorgegangene Religion, die zunächst in Persien, ihrem Heimatland, grosse Fortschritte gemacht hat, und jetzt im Begriff ist, Anhänger in Europa und sogar in Amerika zu gewinnen. Was verführt nun unsere Glaubensgenossen in der Lehre des Beha? Was finden sie in dieser Religion, das nicht unseren heiligen Bücern, der Bibel, den Propheten, dem Talmud entlehnt wäre? Ich habe keine Erklärung dafür. Sicher ist, dass diese Lehre unter den Israeliten von Hamadan etwa 200 Anhänger gefunden bat, und dass diese Zahl von Tag zu Tag sich mehrt. Die Mehrzahl der No ablen. Aerzte, Grosskaufleute sind Bahis. Sie halten heimliche Zusammenkünfte in versteckten Häusern ab, wobei sie „Täfelchen" lesen, die von Zeit zu Zeit Abbas Effendi, der Nachfolger des Beha, schickt, der in Sa nt Jean d'Acre residiert. Sie sind sehr einig, solidarisch mit einander verbunden, widmen dem Babismus eine sehr lebhafte Propadatida und legen die Hand auf alle Geschäfte der Jüdischen Gemeinde. Als die.-e neue Religion in Persien verboten wurde, fuhren die Bahis fort, die Lebensweise der Juden zu führen: sie gehen in das gemeinsame Bad, kaufen Koscherfleisch, besuchen von Zeit zu Zeit die Synaeoge, schliessen Ehen mit jungen jüdischen Mädchen nach dem von Beha bestimmten Ritus. Diese Mischung, die an die weiland der Juden- Christen erinnert, begünstigt die Auflösung der religiösen Üeberzeusrungund die Ausbreitun er der neuen Lehre. Die jüdischen Bahis haben eine Schule aufgetan und haben schwere Opfer auf sich genommen, um ein Schulhaus zu erwerben und Bahilehrer aus Teheran kommen zu lasssen. Das ist das erste Mal, das sie wagen, öffentlich ihren Glauben zu bekennen. Sollten sie von hoher Stelle aus begünstigt sein? Man sagt in der Tat, dass mehrere Minister insgeheim sich zu Bahi bekennen und die Entwickelung der neuen Lehre begünstigen. Wir bemühen uns, nach Massgabe unserer Mittel diese Propaganda zu bekämpfen, indem wir, bald in der Schule, bald im Tempel belehrende Erörterungen veranstalten. Ich suche unsere Glaubensgenossen aufzuklären, sie fest mit dem Judentum zu verknüpfen, sie mit unse. er ruhmreichen Vergangenheit bekannt zu machen, ihnen die unvergleichlichen Schönheiten unserer Religion darzutun und sie vor den neuen Lehren zu hüten.