Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Lueger
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 223 - 224 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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^223 Max Schacherl: Lutger. 224 Muster drohte; dem Zeitgenossen unverwischbar die Erinnerung an Demagogie, die ihresgleichen sucht. Im aristokratischen Wien regierte der Vorstadtton; die Reinheit der Kunst und die Freiheit der Wissenschaft wurden dem Mann Untertan, der, ein glänzender Psychologe, die Massen für sich gewann. Mit Schlagworten, mit billigen, schwerwiegenden. Da war das Lied vom „kleinen Mann". Die Figur und wirtschaftliche Bedeutung des „kleinen Mann" ist heute nur mehr in Oesterreich denkbar. Er ist der lebendigste Ausdruck lebensstarker Reaktion. Und glaubt an sich mit derselben rührenden Treue wie an die Schädlichkeit des Inden. Seiner hat sich Lueger versichert. In stickiger Wirtshausatmosphäre hat er ihm ein paar Juden zum Frass vorgeworfen, und allmählich erfuhr man, wer an Oesterreichs verschiedenen Fehlern und Rückständigkeiten schuld sei. Die Juden natürlich. An allem, an jedem. Auch daran, dass Dr. Karl Lueger noch immer nicht Bürgermeister sei. Das „Hoch Lueger!" war bald begleitet von den wilden Rufen: „Nieder mit die Juden!" . . . Das war kein Programm mehr, es war ein Schlachtgeschrei, eine wilde, immer erneuerte Drohung. Mit diesem „Nieder mit die Juden!" ist Karl Lueger hochgekommen. Wurde Bürgermeister von Wien, Geheimer Rat, Exzellenz. Eine Macht, mit der Parlament und Krone paktieren mussten. Diese Macht — er hat sie zu nützen verstanden. Nicht für sich, aber zum Unheil für die jüdischen Bürger der Monarchie. Sie werden es ihm nicht vergessen. Er liebte es, seinen geliebten Namen in jede Rinde eines kommunalen Baumes einzuschneiden, auf jedem Bauwerk sich zu verewigen. Damit man später wisse, dass er einmal war. Man wird es wissen. Seine Freunde und die Genossen einer Gesinnung, die keine ist, werden, vom eigenen Ehrgeiz getrieben, seiner nicht oft gedenken. In das Leben der österreichischen Juden aber hat er sich unverwischbar eingezeichnet. In Oesterreich, dem Lände eines klassischen Stillstands, Hess er Gesetze entstehen, die das ökonomische Leben jüdischer Bürger auf Generationen hinaus schädigen, staatliche und städtische Aemter davor schützen, jüdische Bewerber annehmen zu müssen. Die Juden der im Reichsrat unzureichend vertretenen Königreiche und Länder werden den Namen Karl Lueger nicht vergessen. Dessen können^Tdie Hinterbliebenen sicher sein. Obwohl der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde der Luegergarde sein schmerzliches Bedauern über den Tod ihres Führers [ausgesprochen hat .... Lueger, der Psychologe: er kannte seine Leute. War freundlich und immer hilfsbereit gegen den einzelnen Juden, wie brutal und unbezähmbar gegen die Masse. So gab es immer welche, die sich sträubten, ihn als Antisemiten gelten zu lassen. Das sei nur seine Politik, das Mittel zum Emporkommen. ... So wurde er entschuldigt. Wie die Politik den Charakter, so kann ein Charakter die Politik ruinieren. Lueger hat die österreichische Judenpolitik kommender Jahrzehnte festgelegt, durch Gesetze und Klauseln jahrzehntelanges, schweres Unrecht besiegelt. Und hat eine Avantgarde hinterlassen, von der weit Schlimmeres zu befürchten ist. Er wird unvergessen bleiben. . . . Mit Menschen, mit Guten oder Schlechten, mag der Tod versöhnen können. Systeme aber sind, oder sie sind nicht. Systematisch hat Karl Lueger den Weg zur Macht gefunden, systematisch die Judenschädlichkeit propagiert. Kein Versöhnungskompromiss kann diese Erkenntnis mildern. Er besass die glänzenden Gaben und enormen Energien einer Vollnatur. Vielleicht aber leitet den künftigen Chronisten die Frage, wie dieser Mann seines Geistes reiche Gaben verwendet hat? . . HERMANN i Durch ein Versehen blieb bei dem in der letzten Nummer unseres Blattes erschienenen Aufsatz von Prof. Dr. Bacher (Budapest) „Die Juden voii Jemen" die Bemerkung weg, dass die dem Artikel beigegebenen Aufnahmen jemenitischer Juden von dem* verewigten Fors«hungsreisenden Hermann Burchardt; stammen. Der berühmte Forscher, der selbst in den fernsten Äonen £und in der Fülle neuer Eindrücke das I»e¥en seiner Stammesgenossen nicht vergass, hat Nachdruck verboten. uns die erwähnten Bilder noch vor Antritt seiner Reise, die leider seine letzte sein sollte, als Frucht eines früheren Aufenthaltes in Jemen gütigst zur Verfügung gestellt. Durch die Liebenswürdigkeit seines Verwandten und Nachlassverwalters, Herrn Dr. Max Grinsberg, Berlin, werden wir in der Lage sein, im Sinne des Verewigten einige weitere bisher unbekannte Arbeiten Burchardts zu veröffentlichen.., Die Redaktion.