Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Siegfried Wagner
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 221 - 222 (sequence 3)
- Language
- German
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221 Karl - Schwarz Siegfried Wägne r. \ in der Bearbeitimg des Holzes kennen zu lernen. Ein Vergleich mit früheren Werken desselben Genres (vgl. Jahrg. 1908, S. 298) zeigt eine freiere Formenbehandlung, das Aufgeben aller kleinlichen Nebenümstähde und das stete Hineinwachsen in den monumentalen Stil. Die wenigen Stunden, die dem Künstler bei seinem grossen Staätsauftrag zu privaten Arbeiten übrig bleiben, verwendet er in letzter Zeit hauptsächlich auf die Ausführung von Grabmonumenten, was um so freudiger zu begrüssen ist, da gerade auf diesem Gebiet eine künstlerische Neubelebung recht not tut. Wenn man die Geschmacklosigkeiten auf den modernen Friedhöfen sieht, die Verunzierung der Stätten, die uns die geweihtesten sein sollen, dann kehrt man gern zu den halbverfallenen alten anspruchslosen Steinen zurück, die schmucklos verkünden, wer unter ihnen ruht. Hier findet der Künstler ein reiches Feld der Betätigung, und Siegfried Wagner gibt einen Weg hierfür an. An das 3)ereits im 8. Jahrgang, S. 298 abgebildete Familiengrab schliesst sich als neuere Arbeit das hier wiedergegebenean; einfach Er war schon geraume Zeit ein Toter. Der Beherrscher von Wien, der machtvollste Politiker der Donaumonarchie war bereits als Sterbender abgetan. Das ist die Tragik im Leben Karl Luegers: Tausenden hat eremporgeholfen, Unzählige haben sich an seinem populären Namen emporgerankt, er gab ihnen Aemter und Würden — ihnen, die es gar nicht verstehen konnten, dass der sonst so flinke Bürgermeister mit dem Sterben solange Umstände machte. Es gab eine Zeit in Oesterreich — und das ist noch nicht lange her — da hätte Luegers Ableben einen tiefgreifenden Wandel im politischen Leben, eine Wendung zum Besseren erhoffen lassen. Jetzt hätte er sich eine Garde gut dressierter Antisemiten grossgezogen, eingeübt auf alle Künste politischer Demagogie und gestützt durch Intelligenzen, durch gebildete Männer, denen auch eine rüde Antisemitenpartei etwas bedeuten kann, wenn sie mächtig ist, wie die „Christlich-soziale Vereinigung" in Oesterreich. Sie war und ist weder christlich nocli sozial; Lueger aber hat die Massenwirkung dieser zwei Worte erkannt, und, ohne sie je zum lebenden Parteibegriff zu gestalten, auf seine buntfaroige Fahne geschrieben. Karl Lueger. Der Sohn eines Portiers, ein armes Proletarierkind. Ihn liat der Wille zur Macht emporgetragen und an ein Ziel geführt, das ihm die österreichischen Minister des letzten Dezenniums stets geneidet haben. Man muss eine Spazierfahrt des Wiener Bürgermeisters gesehen haben, um das Spontane seiner beispiellosen Popularität erfassen zu können. Wenn seine elegante Equipage ,die Ringstrasse passierte, stockte der Verkehr, die Wiener Gemütlichkeit brachte Strassenbahnwagen zum Stehen, und anspruchslos: eine Tafel, die den Namen verzeichnet, umgeben von immergrünen Bäumchen, darüber in Bronze ein siebenarmiger Leuchter; kein schmückendes Beiwerk und doch ernst und gross und feierlich. Mit diesen Worten ist gleichzeitig die ganze" Kunst Wagners gekennzeichnet: ein grosser Künstler, der sein Schaffen ernst nimmt und unentwegt seinem Ziel zustrebt. Unterstützt wird er darin durch seine Gattin, Olga Wagner, die als Malerin an der Kopenhagener Akademie studierte und später zur Bildhauerei überging. Beide schaffen gemeinsam an einem Werk, lösen sich bei der Arbeit ab und beraten zusammen ihre künstlerischen Pläne; ein seltenes Zusammenleben zweier Menschen. Die oben besprochene Bronzebüste des jungen Mannes z. B. ist ein gemeinsames Werk beider Gatten. Zum Schluss führen wir noch eine selbständige Plastik von Olga Wagner vor, die Bronzestatuette eines kleinen Mädchens, um zu zeigen, wie auch die Gattin, clie eine ebenso gute Mutter und Hausfrau ' ist, eine feine Künstlerin mit eigenen Ausdrucksmöglichkeiten ist. Nachdruck verboten. und alles schrie sich heiser vor Begeisterung nach dem Mann, der vom Bürgermeisterstuhl aus die Geschicke eines ganzen Reiches gelenkt und in nimmermüder Machtbegierde den Antisemitismus zur drohenden Tageserscheinung gemacht hat. Jetzt, da sich clie Erde über ihm geschlossen, werden versöhnlichere Stimmen laut. Die Judenschaft Oesterreichs — von ihm zu mancher Zeit zur Verzweiflung getrieben — soll um der interessanten Persönlichkeit des Bürgermeisters willen vergessen, was er im Lauf eines Menschenalters an ihr getan. Mit nichten! Zu tief sind die Wunden, die er langsam aber beharrlich geschlagen, zu tief die Spuren seines Wirkens in der Leidensgeschichte des österreichischen Judentums sichtbar, als dass der Tod hier larmoyante Gefühle und rührselige Versöhnungsstimmimg hervorrufen könnte. Der Liberalismus kapituliert zwar schon. Wieder einmal. . . . Der Tod, der grosse, unsichtbare Helfer, hat eine uneinnehmbare Festung geschleift, und neben vielen klagt auch der österreichische Liberalismus, der Karl Lueger nicht viel, immerhin aber seine bis auf einige Mandate totale Vernichtung in den Ländern der österreichischen Krone zu danken hatj. Der Tod stimmt versöhnlich. Gewiss. Sterben ist ja kein Kinderspiel, das sich wiederholen läöst. Und Lueger, so hören und lesen wirs jetzt immer wieder, war nur scheinbar Antisemit; innerlich dachte er ganz anders, war er ein Freund der Juden. Ammenmärchen, einem Toten nacherzählt. Lueger, der den Ehrgeiz» . Jbesäss; nicht nur unter Lebenden der Grösste, unter T|ten auch der Anständigste zu sein. . . . / Augenblicke gab es in diesem Menschenleben, die ahnen lassen, wessen er fähig war. Unvergessen der Tag, an dem er mit Pogroms nach russischem LUEGER. Von Max Schacherl.