Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Dr. Emanuel Lasker [Illustration]
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 171 - 172 (sequence 1)
- Language
- German
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171 172 DER SCHACHWETTKAMPF UM DIE WELTMEISTERSCHAFT. Dr. Emanuel Lasker (Berlin.) Von Dr. Emanuel Lasker. Ein.« kurze Beschreibung des soeben beendeten Matches um die Weltmeisterschaft wird meine Leser gewiß interessieren, aber ich wage mich an die Aufgabe nur mit einigem Mißtrauen. Die zu schildernden Eindrücke sind noch zu frisch, die Aufregungen des Kampfes wogen noch immer nach, und os ist daher schwer, wenn nicht unmöglich, ganz objektiv zu urteilen. Für diese Schwäche, die dem folgenden Artikel notwendigerweise anhaften wird, bitte ich von vornherein um Nachsicht. Der Leser wird hier und da, ich" kann ' selbst nicht genau sagen wo, Nachdruck verboten. Carl Schlechter (Wien.) von einer weitgehenden und entschiedenen Ansicht einen Bruchteil abziehen müssen, um dem wahren Maß de? Verhältnisse, das erst die Zeit enthüllen wird, näherzukommen. Doch werde ich mich natürlich, soweit als mir jetzt möglich, der Objektivität befleißigen. Es ist das augenscheinliche Schicksal des Schachspieles, schließlich an seiner Vervollkommnung zugrunde zu gehen. Wenn jeder Irrtum ausgeschaltet sein wird, wird die Schachpartie aus einer geringen Anzahl von Remis Varianten bestehen, und der Schachmeister wird zu einem Automaten herabsinken, dessen einzige Aufgabe es sein wird, diese Varianten zu beherrschen. Von jenem Zeitpunkt trennen uns noch fünfhundert oder tausend Jahre. Von Zeit zu Zeit wird man die Regeln des Spieles ein ganz klein wenig ändern; zuerst wird man wohl das Patt aufheben, danach die Anfangsstellung der Figuren verändern, aber der menschliche Intellekt wird trotz aller solcher Maßnahmen das Schach überwinden und schließlich töten. Der Gedanke wäre schmerzlich, dächten wir nicht auch, daß bis dahin das Schachspiel der Menschheit viele Dienste geleistet und sich damit eine unvergängliche Erinnerung gesichert haben wird. Der moderne Schachmeister ist nach meiner Ansicht nicht allzu weit von dem endgültigen Produkt des eben geschilderten Prozesses entfernt. Es gibt wenige Stellungen, in denen er nicht, hätte er genügend Zeit zu seiner Verfügung, den besten Zug, oder doch zum mindesten einen für das Remis genügenden Zug entdecken würde. Vielleicht ist keine Stellung von dieser Regel ausgenommen. Aber die Bedingung, „hätte er genügend Zeit zu seiner Verfügung", ist wesentlich. Nicht bloß das Schachspiel, auch das ganze Leben wird ja mit Zeitbeschränkung getrieben. Es ist eben für den Menschen von Interesse, zu sehen, wieweit sein Verstand den Problemen sich schnell anzupassen vermag. Nicht ein langsam arbeitendes, wenn auch vollkommenes Gehirn ist es, was die Menschheit anstrebt, sondern ein rasches, tatkräftiges, unternehmendes, und das trotzalledem sich nur selten irrt. Zwei der Vollendung ziemlich nahe Meister werden einen großen Prozentsatz ihrer Partien unentschieden machen. Dies ist so klar, als der grundlegende Satz der Steinitzschen Schachtheorie, daß das Ergebnis einer absolut korrekt gespielten Partie weder der Gewinn des Weißen noch des Schwarzen sein kann. Nach diesen Präliminarien möchte ich den Satz aufstellen: Die Partien des eben beendeten Wettkampfes sind die erste Etappe auf dem langen Wege jenes Prozesses, der mit dem Remistod des Schachspieles endigen wird. Um dies darzutun, gehe ich auf die Eröffnung, das Mittelspiel und das Endspiel der gewechselten Partien näher ein. Die stärkste Waffe des Weißen ist das Ruy Lopez. Es nutzt die kleinen Blößen der Stellung des Schwarzen aus, ohne irgend etwas preiszugeben. Für Schwarz ist es schwierig, dagegen ein gleiches Spiel zu erlangen, beinahe unmöglich, Vorteil zu erreichen. In diesem Match ist dargetan, wie Schwarz seine Aufgabe lösen kann. Die Steinitzsche Verteidigung ist zu Ehren gebracht worden, sowohl in der Zugfolge 1) e2—e4, e7—e5; 2) Sgl—f3, Sb8—c6; 3) Lfl—b5, d7—d6; 4) 0—0, Sg8—f6; 5) Sbl—c3, Lf8—e7; 6) d2—d4, Lc8—d7; 7) Tfl—el, e5xd4; 8) Sf3xd4, 0—0; 9) Lb5 x c6, b7 x c6; 10) Lei—g5, Tf&-e8; 11) Ddl—d3, Sf6—g4! wie bei 7) Lei—g5, 0—0; 8) d4xe5, Sc6xe5 und bei 11) Ddl—f3, h7—h6; 12) Lg5—h4, Sf6—h7. Die Entwicklung des Läufers cl mittels b2—b3 und Lb2 hat schon lange keine Schrecken mehr. Schwarz