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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 169 - 170

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Article
Eine Spinoza-Gesellschaft?
Date
1910-03-01
Page
Seite 169 - 170 (sequence 2)
Language
German
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169 Constantin Brunner: Eine Spinoza-Gesellschaft? 170 gläubischen Denkens, so wie nur Ein Prinzip des wahrhaften Denkens ist: es gibt nur ein einziges Denken, die Wahrheit, und es gibt ausserdem nur noch die Verkehrung dieses Denkens, den Aberglauben. Um Klärung und Festigung der Wahrheit ist es zu tun in den Gemütern derer, die an ihr halten und halten könnten, damit fortan keinem das.Gefühl für sie und die Verpflichtung zu ihr verdunkelt werde und ausgelöscht und er zuletzt in die gänzliche Finsternis des abergläubischen Volksdenkens dahinfaile, — und um die Lebendigkeit der Wahrheit ist es zu tun! Das heisst: dass sie lebendig werde im Leben der sie Denkenden, dass sie in ihnen sich verpersönliche — bis dies nicht geschieht, so lange bleibt die Wahrheit, so lange bleiben alle die vorhandenen Geisteswerke, die Werke der Philosophie und der Kunst, ohne ihr Recht und ohne ihren eigentlichen Sinn. Und auch im Streben nach solcher höchsten Verwirklichung der Wahrheit sollen die Wahrheitdenker im bewussten Gegensatze sich wissen zu der Weise der andern, denen das Denken und das Wissen als blosse Gehirndekoration Sache ihrer Bildung ist, ohne dass sie selber dabei mitwirkend fühlen und tun; einer Bildung, einer scholastischen Bildung, die aber nicht einmal auf der Hirnoberfläche Philosophie heucheln kann, da ihre geringste Schande (von allen ihren Schanden die geringste!) der kunterbunte Widerspruch in sich selbst ist und die vollständige Ergebnislosigkeit; einer Scholastik, die alle, welche sich mit ihr einlassen, von der Wahrheit abgesperrt Aiält und sie, wenn sie ihr bis ans Ende folgen, in den Rachen des Aberglaubens zurücküberliefert oder dem Ekel an sich selber zum Frasse lässt---Was könnte ich hier in der Kürze von diesem allen sagen (worüber ich schon so viel gesagt habe), von ihrer Scholastik, die sich jetzt Kantianismus nennt, von dieser Kauderwelsch fabrizierenden, spitzfindig unfruchtbaren, seelentoten, Seelen tötenden Scholastik ihres Immanuel Kant? Bringt diesen Immanuel Kant hinweg, oder er bringt euch hinweg! Bringt ihn hinweg aus euren Gedanken, ihr, die ihr auf die Freiheit und Wahrheit nicht verzichten wollt noch könnt; es ist eine erstaunliche Tatsache, dass ihr bis auf den heutigen Tag noch nicht klar und sicher geworden seid im Urteil über diesen Mann, auf welche Seite er gehört — aber ihr seid bis heute nicht klar geworden darüber, dass es zwei Seiten gibt, nicht über den Antagonismus der Gedanken und Menschen, daran fehlt noch viel.*) — Ein Mittelpunkt für die im höheren Sinne Klaren, Festen, Freien, wie Hesse er auf bessere Art sich schaffen, die Vereinigung solcher, die in der Wahrheit leben wollen, unter welchem edleren Namen könnte sie zusammengebracht werden, unter welchem andern Namen wäre diese Vereinigung möglich? als unter dem des lebendigsten in der Wahrheit, der sie gelebt wie gelehrt hat, unter dem Namen Spinoza! Von dem noch einmal gesagt sei: er hat das wesentlich völlig Gleiche gelehrt wie Mose, die gleiche eine, einzige, *) Constantin Brunner,Spinoza gegen Kant und die Sache der geistigen Wahrheit"; Constantin Brunner, „Die Lehre von den Geistigen und vom Volke." die Seele mit ihrem heiligen Jubel durchrauschende und sie selber heiligende, in ihren ewigen glückvollen Frieden tragende Wahrheit des Echad — das Seiende ist Eines! In Spinoza ist diese Wahrheit am deutlichsten geoffenbart, er hat ihr, die vorher nur im Traum des Gedankens war, nach all ihrer Reinheit, Tiefe und Fülle ihre wissenschaftlich unumstössliche Gewalt geschaffen; und das ist so Ungeheueres, dass es kommen muss und nicht anders kommen kann: Spinoza wird in unserer Geschichte noch ganz viel anders stehen als er heute steht, mit einer bisher noch ungeahnten Bedeutung wird er stehen in den künftigen Zeiten der Menschheit. Es sind erst zwei Jahrhunderte, seitdem er gesprochen. Der Fluch, womit ihn die Synagoge belegt hatte, erklang über die ganze Erde, länger als hundert Jahre tobte gegen ihn der Sturm der religiösen Verfolgung. Dann, zu Beginn des zweiten Jahrhunderts, waren es Goethe, unsre Romantiker und unsre Identitätsphilosophen, von denen der Versuch gemacht wurde, sein Wort zu erwecken; doch ging es abermals verloren und ist in der Gefahr, völlig erstickt zu werden durch die schrecklichen Philologen, die seiner sich bemächtigt haben und ihn gar, nach ihrer eignen Flachheit und Aberglauben, zum Pantheisten machen, — bis denn nun endlich, nachdem heute seine Sache tief heruntergegangen ist bis zur Wende, eben damit die Bewegung einsetzt, welche ihm und seiner wahrhaften Wahrheit das volle Recht verschafft; mag auch dafür, zum Aergernis vieler, der andere, der Mann des Wahns und der Schatten, von seiner Stelle gestürzt werden. Aergernis hin, Aergernis her, Spinozas Sache wird nicht länger vertagt werden. An der Gemeinschaft derer, die unter seinem Namen sich finden, wird es nicht fehlen, und glücklich würden wir sein, denn es wäre ja ganz herrlich, wenn gerade in unsrem Vater- und Scholastikerlande die Gemeinschaft von solcher Organisation erstünde, um welche her die Wahrheit leuchtet, die Gemeinschaft eines Lebens, worin das Ganze des wahrhaftigen Gedankens zutage käme. Doch ist, wie schon gesagt worden, die Stunde noch nicht gekommen, daher auch noch kein Anlass gewesen wäre, mit Reden davon anzuheben; denn wer A sagt, muss auch B sagen, und wer Gack schreit, soll auch Eier legen können.......Was hier heute durch mich vor dem Anfang angefangen und angedeutet ward, das ist mir abgenötigt worden infolge jener verfrühten Nachricht, die nun nicht mehr ins Nichts zurückgenommen werden kann, so wenig wie sie aus dem Nichts geworden ist; weswegen denn eine Aeusserung über das Etwas am Platze war, welches ihr tatsächlich zum Grunde liegt. Damit denn nun fürs erste genug; und nur noch dies sei gern aus voller Ueberzeugung hervorgehoben: dass jene Mitteilung sicherlich dem reinsten Eifer für die gute Sache entsprang — und vielleicht denn auch an ihrem Teil, da ihr Endziel Spinoza ist, seinen Segen tragen hilft Wie es sei und was komme, wir wollen, ein jeder nach seinen Kräften und keine Gelegenheit vorüberlassend, auch fürderhin tun und diesen schöpferischen Segen tragen helfen in die Herzen von immer mehreren.

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