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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 139

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Article
Die Parlamentswahlen in England
Date
1910-03-01
Page
Seite 139 (sequence 2)
Language
German
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139 Die Parlamentswahlen in England. 140 wieder ein Gentleman wird, und dass man die rednerischen Leistungen des einzelnen nicht zu streng beurteilen darf. Etwas anderes aber ist es, wenn System darin zu liegen scheint, wenn diese Aeusserungen von vielen Eednern getan werden und unter bestimmten Verhältnissen immer wiederkehren. Da fällt es auf, dass fast ebenso häufig wie die deutsche Gefahr auch die jüdische betont worden ist. Bei der konservativen Partei, die ja in allen Ländern das reaktionäre Element darstelllt, ist das weniger verwunderlich, obwohl sich bisher gerade auch die englischen Konservativen von ihren kontinentalen Gesinnungsgenossen in der Betrachtung der Judenfrage vorteilhaft zu unterscheiden pflegten. Weit bedenklicher aber erscheint es, dass auch durch die Agitation der Liberalen mitunter ein antisemitischer Ton hindurchklang. Wenn es galt, einen Wahlkreis wider einen jüdischen Gegner zu verteidigen, scheute man sich ebensowenig, wie es gelegentlich ein Konservativer tat, die Frage zu stellen, ob man England von Engländern oder von Juden regieren lassen wollte. Selbst der Führer der Liberalen, Lloyd George, glaubte zu antisemitischen Spässen greifen zu müssen, um den konservativen Lord Rothschild zu bekämpfen. Er beschuldigte die Juden der Undankbarkeit, weil viele von ihnen Gegner ber Liberalen seien, obwohl sie diesen doch ihre Emanzipation verdankten. Mit Recht fragt der bekannte Publizist Lucien Wolf, ob die Juden denn dauernd verpflichtet sein sollten, ihre politische Ueberzeugung der Dankbarkeit zu opfern, und weist darauf hin, dass auch die Katholiken den Liberalen ihre bürgerlichen und politischen Rechte verdankten, ohne dass es Herrn Lloyd George eingefallen wäre, sie der Undankbarkeit zu zeihen, wenn sie nicht liberal wählten. Die antisemitischen Angriffe hüben und drüben sind höchst merkwürdig und für einen Aussenstehenden vielleicht unverständlich. Denn in England gibt es keine „wirtschaftliche Vereinigung", auch keine konservative Partei mit antisemitischem Programm. Dort sehen auch die Juden keineswegs in den radikalen Fraktionen ihre natürlichen Vertreter, sie stehen in keinem Gegensatz zu irgend einer Partei, sondern sie gehören fast zu gleichen Teilen den Konservativen und den Liberalen an. Das Judentum gibt demnach auch weder nach der einen noch nach der anderen Richtung hin einen Ausschlag. Es waren wie auf Verabredung 16 jüdische Konservative und ebensoviele jüdische Liberale als Kandidaten aufgestellt worden. Von diesen wurden 8 Liberale und 7 Konservative ins Parlament gewählt. Die Herren aus beiden Lagern, die sich der Angriffe gegen das Judentum nicht enthalten konnten, haben ihre Beschimpfungen also auch gegen einen Teil ihrer eigenen Parteigenossen gerichtet. Das sollten sich die jüdischen Abgeordneten immerhin merken. Ihr politischer Standpunkt wird und kann durch die Hetzreden einiger Kollegen natürlich nicht verändert werden; aber sie mögen daran denken, dass die Zahl derer, die den Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen, auch im britischen Parlament sich mindern kann. Um so eifriger sollten sich die jüdischen Abgeordneten der Rechte ihrer Stammesgenossen annehmen und mindestens nicht durch vornehm scheinende Zurückhaltung den Glauben erwecken, als seien die Interessen der jüdischen Bevölkerung Englands ihrer Fürsorge nicht würdig oder nicht bedürftig. Bisher war und ist man in Grossbritannien trotz aller Wahlhetzereien allerdings immer noch von einer gewissen Höflichkeit gegen die Juden, und man begegnet ihnen zweifellos rücksichtsvoller als in den meisten anderen Kulturländern. So kann man mit Genugtuung feststellen, dass an manchen Orten, an denen die Wahl ursprünglich am Sabbat stattfinden sollte, der Juden wegen ein anderer Tag bestimmt wurde. Wo aber am Sabbat gewählt worden ist, hatte der Vorsitzende die Pflicht, den ihm vom jüdischen Wähler angegebenen Namen selbst auf den Wahlzettel zu schreiben. Das sind zwar kleine, aber anerkennenswerte Symptome der englischen Toleranz gegen das Judentum. Möchten doch die jüdischen Vertreter im Parlament einen Teil ihrer Aufgaben so verstehen, dass sie dazu beitragen, die bürgerlichen Rechte und die Glaubensfreiheit der Juden in England zu erhalten und auszubauen.

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