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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Date
1910-03-01
Page
None (sequence 7)
Language
German
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«A & Ost=«€st: V ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 3. März 1910. X. Jahrg. DIE PARLAMENTSWAHLEN IN ENGLAND. Die Wahlen zum „Hause der Gemeinen" sind vollendet, und damit ist das Interesse an diesem politischen Ereignis im Ausland wohl erschöpft. Aber auch 'in England selbst beginnt man sich mit den Dingen abzufinden und das parlamentarische Leben nach der „Stimme des Volkes" einzurichten. Die politische Erregung der letzten Monate hat sich besänftigt, die Euhe kehrt allmählich wieder. Der stille Beobachter kann nun in Müsse seine Erfahrungen sichten, und manchem dürften die kleinen psychologischen Momente des Wahlkampfes von grösserem Interesse gewesen sein als die Prinzipien, um die die Wahlschlacht geschlagen wurde. Das englische Volk ist während der „General Election" nicht wiederzuerkennen. Die steife Ehrlichkeit und kaufmännische Korrektheit werden da für eine Weile ausgeschaltet, an ihre Stelle tritt eine Bedenkenfreiheit, die bei den Parlamentswahlen des übrigen Europa kaum ihresgleichen hat. Die Kandidaten und ihre Frauen und Freunde besuchen die Wähler persönlich, helfen, wo es not tut, mit kleinen Geldgeschenken aus, lassen Ausländer auf ihre Kosten naturalisieren, und nicht selten sind für den Ausgang einer Wahl die Mittel entscheidend, die der Kandidat aufwenden konnte. Wie bei einer Auktion suchen die Konkurrenten einander zu überbieten und treiben auf diese Weise die Ausgaben für ein Mandat zu schier unermesslicher Höhe. Diese gemeingefährlichen Erscheinungen hatten bereits so grossen Umfang angenommen, dass vor einigen Jahren durch Nachdruck verboten. Gesetz festgelegt werden musste, bis zu welcher Höchstsumme Geldmittel für die Agitation eines Kandidaten aufgewendet werden dürfen. Die Agitation bewegt sich freilich oft auf einem wenig hervorragenden Niveau. Es ist unglaublich, was man da im Vaterland des Parlamentarismus den naiven Zuhörern zu bieten wagt; dabei fehlt es nicht, dass zuweilen auch der unfreiwillige Humor zu seinem Becht kommt. In einer jüdischen Wählerversammlung wurde im Ernst die Frage erörtert, ob nicht durch die geplante Tarifreform infolge der Verteuerung des Getreides auch die Mazzot teurer würden. Als ob die Juden sich jahrein, jahraus nur von ungesäuerten Broten ernährten! Ein Kandidat malte die drohende Verteuerung der Lebensmittel mit noch schwärzeren Farben, er prophezeite unerschwingliche Preise für Schlachtvieh und dessen Ersatz durch Pferde- und Katzenbraten und rief aus: Bedenken Sie, Ross¬ und Katzenfleisch sind trefe! Auf einer ebenso tiefen Stufe steht auch der persönliche Kampf der Bewerber. Kein Hieb erscheint zu scharf, um den Gegner zu vernichten, und wissentliche Unwahrheiten sind nicht selten beliebte Hilfstruppen. Der vornehme Engländer, der Urtyp des Gentleman, gefällt sich da in der Rolle des brutalen Demagogen; er verspricht die Erfüllung aller Wünsche, schmiert den Leuten Honig um den Mund und zitiert, wo es angebracht erscheint, die deutsche oder die jüdische Gefahr. Man weiss allerdings, dass der Demagoge nach Vollendung des Wahlgeschäfts

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