Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Amara
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 131 - 132 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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131 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Amarä. 132 Glaubensgenossen im Irak unterscheidet, zu gebrauchen. Nicht bloss die Israeliten verlangen nach der Einrichtung einer Schule in Amara, sondern auch die moslemitischen Notabein und selbst die Behörden tun es. Wähend meines Aufenthalts hier besuchte ich den Mutessarif und den Garnisonkommandeur General Jussuf Pascha, denselben, der im vergangenen Frühjahr den Aufstand der Stämme unterdrückt hat. Beide empfingen mich herzlich und baten mioh dringend, für Schaffung der Schule zu sorgen. Sie sagten mir: „Die Kinder der Beamten und der moslemitischen Notabein kommen sofort zu Ihnen, denn jetzt müssen die Kinder zu den Karmeliter-Missionaren geschickt werden." Diese Missionare haben in Amara eine Knaben-, eine Mädchen- und eine Lehrlingsschule. Schon haben mehrere Israeliten, die ihre Kinder nicht ohne Unterricht wollen heranwachsen lassen, sie in die Missionsschule geschickt. Ein Grund mehr für die Alliance, die Gründung einer Schule in Amara zu beschleunigen. DIE ISRAELITEN IN MAROKKO. In unseren früheren Mitteilungen ist über die wiederholten Bedrückungen berichtet worden, denen die Israeliten von Fez von seiten des Kämmerers des Sultans ausgesetzt gewesen sind. Der Kämmerer hatte sie zu unentgeltlichen Frohndiensten herangezogen, ihre religiösen Gefühle verletzt, indem er ihnen gerade an Sabbaten und Feiertagen Arbeiten auferlegte, und sie überdies misshandeln Hess, wenn sie sich nicht gutwillig fügten. Das Central-Cornite der Alliance brachte diese Vorkommmsse zur Kenntnis des Vertreters Frankreichs in Tanger und wurde gleichzeitig zugunsten der Juden bei dem Grossvezier El Glaui vorstellig, der bei verschiedenen Anlässen deutliche Beweise seines-Wohlwollens für die jüdische Bevölkerung gegeben hatte. Ausserdem erstatteten der Direktor der Allianceschule in Fez und die Rabbiner der dortigen Gemeinde an den französischen Konsul nachstehenden Bericht, der an den Minister des Auswärtigen Herrn Pichon in Paris weitergegeben wurde: Fez, den 15. Oktober 1909. Herr Konsul! Die zahlreichen Beweise schützender Teilnahme, die die Kegierung der Republik und die französischen Würdenträger in Marokko aus dem Gefühl der Menschlichkeit jederzeit der jüdischen Bevölkerung dieses Landes gegeben, die wohlwollende Aufnahme und die kräftige Unterstützung, die wir stets bei Ihnen gefunden haben, ermutigen uns, Ihnen zu sagen, dass die Macht eines Teiles der Umgebung Sr. Scherifischen Majestät, namentlich seines Kämmerers, sich der jüdischen Bevölkerung des Mellah von Fez gegenüber in feindseliger Weise sich kundgibt. Wiederholt haben wir unsere Proteste und Beschwerden vor die Minister Sr. Majestät gebracht. Nie ist es uns gelungen, Vergütung des unseren Glaubensgenossen zugefügten Schadens zu erlangen oder die Akte der Willkür und des Missbrauchs aufzuhalten, unter denen eine unglückliche, verteidigungslose, dein Belieben eines hohen Palastbeamten und seiner Bediensteten überlieferte Bevölkerung fortgesetzt zu leiden hat. Sie kennen die bedenkliche Lage des Mellah von Fez, den Stand der Sklaverei, in dem die der diskretionären Befugnis der Regierung überantworteten, inmitten einer ebenso fanatischen wie grausamen arabischen Bevölkerung lebenden Israeliten sich befinden. Wiederholte Interventionen des mitleiderfiillten Europa haben das traurige Geschick dieser Bevölkerung schliesslich etwas gemildert, einen Schein von Gerechtigkeit in die Beziehungen zwischen ihr und den marokkanischen Behörden getragen. " Die Vermittlung Sir Moses Montefiores hatte zum Ergebnis, dass Sultan Mulay Mohamed einen Firman veröffentlichte, der Bastonade und Frohnden abschaffte und eine Art verfassungsmässigen Rechts für die jüdischen Gemeinden schuf, in dessen Schutz die Juden einige Jahre in Frieden leben konnten. Mulay Hassan bestätigte den Firman seines Vorgängers. So oft seitdem die Israeliten von Fez die Opfer von Unterdrückungsmassr regeln wurden, hat Europa regelmässig die scherifische Regierung zu grösserer Müde vermahnt. Am häufigsten Nachdruck mit Quellenangabe gestattet, hat die französische Regierung ihre Stimme zugunsten unserer Glaubensgenossen erhoben. Wir erinnern gern daran, dass der bevollmächtigte Gesandte Frankreichs bei Marokko gelegentlich seiner jüngsten Mission am scherifischen Hof Sr. Majestät dem Sultan von der Lage der marokkanischen Juden gesprochen und das Versprechen erhalten hat.^es solle in Zukunft Gerechtigkeit walten. Wir bedauern Ihnen sagen zu müssen, dass entgegen allen Firmans und Versprechungen die gegenwärtige Regierung durch ungewöhnlich harte Bedrückung unseres M Hak die traurigsten Tage der Vergangenheit wieder in Erinnerung ruft. Bastonaden und Frohnden werden zu jeder Tages- und Nachtstunde verfügt, zuweilen ganzen Arbeitergruppen gegenüber, und Misshandlungen jeder Art sind wie ehedem zur Gewohnheit geworden. Die Lage unserer Gemeinde wird von Tag zu Tag unerträglicher. Kein Mensch in unserem Mellah darf sich gegen unausgesetzte Rechtsverletzungen sicher fühlen, sicher in seiner persönlichen Freiheit gegenüber der Laune des scherifischen Kämmerers und seiner Umgebung. Wer das Unglück hat, in die allmächtigen Hände dieser Beamten zu fallen, muss körperlicher Misshandlungen gewärtig sein. Folgende Tatsachen werden Ihnen, Herr Konsul, beweisen, wie begründet unsere Beschwerden sind: Seit Ankunft des jetzigen Sultans in Fez sind Abteilungen armer jüdischer Arbeiter oft zu Arbeiten in den Pulvermagazinen des Staates sowie in den Stallungen des Dar-el-Maghzen gezwungen worden, ohne dass sie je Entlohnung erhalten hätten. Ihre Arbeit besteht in dem Transport der Pulverkästen aus den Depots der Waffenfabriken, im Abwiegen und Oeffnen der Kästen und im Trocknen des Pulvers. Unter der früheren Regierung wurden sie für'solche Arbeiten immer bezahlt. In den Stallungen werden sie angehalten, die verendeten Tiere weit hinaus aufs Feld zu bringen und zu verscharren. Das ist die Rückkehr zum Frohndienst. Diese unentgeltlich arbeitenden Israeliten leben von den Spenden ihrer Glaubensgenossen. Vergeblich suchen sie sich irgendwie dem Frohndienst zu entziehen. Die zu ihrer Verfolgung ausgeschickten Moghazni führen sie unter Peitschenhieben zurück, und die Bastonade bildet oft die ungesetzliche Strafe für Gehorsamsverweigerung. — Ein anderes Mal sind Matratzenarbeiter die Opfer der Kämmererwillkür. Am Vorabend des höchsten jüdischen Feiertags, gegen 6 Uhr, Hess der Kämmerer neun Matratzenarbeiter aus dem M llah zur Arbeit holen. Die Einrede, dass der religiöse Feiertag begonnen habe und ihnen jede Arbeit verbiete, wurde mit Schlägen und mit Fesselung beantwortet. Selbstverständlich erhielten die Arbeiter keinen Lohn. — Am vergangenen 25. September liess der Kämmerer alle Schlächter des Mellah in Eisen legen, um sie zu zwingen, dass sie ihm unentgeltlich die Lunge aller von ihnen geschlachteten Tiere abliefern. Aus Furcht vor Misshandlung mussten sie sich bereit erklären, diese willkürliche Steuer zu entrichten. Alle diese Tatsachen und andere, die wir nicht anführen, sowie tägliche kleine Quälereien beweisen zur Genüge die Gehässigkeit des Kämmerers gegen die Israeliten. Unsere zahlreichen Proteste bei den marokkanischen Behörden blieben meist wirkungslos. Die gegenwärtige Neigung der Landesbehörden, zu den ungerechten und grausamen Bräuchen der Vergangenheit zurückzukehren, erschreckt und beunruhigt uns. Darum nehmen wir uns die Freiheit, an Sie, Herr Konsul, mit der Bitte heranzutreten, Sie möchten,.