Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Die Mission der Alliance nach dem Yemen
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 129 - 130 (sequence 2)
- Language
- German
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129 ■ Mitteilungen der Alliance Israölite Universelle Die Mission der Alliance nach dem Yemen. 130 erschreckenden Sterblichkeitsziffer, die diese Geissein unter der jüdischen Bevölkerung zur Folge hätten, und von der Gefahr der Vernichtung, unter der die dortigen Juden ständen, wenn die Lage nicht bald gebessert würde. Die Alliance versuchte, die Unglücklichen zu sammeln. Sie betraute im Jahr 1903 ihren vortrefflichen Schuldirektor in Kairo, Herrn Somekh, der sich mit grosser Hingebung den yemenitischen Flüchtlingen gewidmet hatte, mit der Aufgabe, das Innere des Landes aufzusuchen und den verlassenen Glaubensgenossen die Hilfe der europäischen Judenheit zu bringen. Aber schon bei seiner Ausschiffung in Hodeida wurde er festgenommen und mehrere Tage in Haft gehalten. Nach seiner Freilassung musste er unverzüglich nach Aegypten zurückkehren. Die örtliche Spionage hatte von der Herrn Somekh erteilten Aufgabe Kenntnis erhalten und in ihrer groben Unkenntnis sowie in dem Bestrehen, ihre Dienste in helles Licht zu stellen, Herrn Somekh als eine Gefahr für die Sicherheit des Landes denunziert. Die Alliance musste auf ihr Vorhaben verzichten. Nachdem das neue türkische Regime die Ordnung im Lande hergestellt hatte, glaubte die Alliance die Zeit für Wiederaufnahme des 1903 begonnenen Werkes gekommen. Seit Jahren hat das Central-Comite besondere Aufmerksamkeit gewissen Gegenden Mesopotamiens zugewandt, die bisher wegen Mangel an Hilfsmitteln etwas vernachlässigt worden waren. Um die versäumte Zeit einzuholen, eröffnete das Central-Comite nacheinander Schulen in Bassorah, Mossul und Hille. Jetzt ist die Eröffnung einer Schule in Amara beschlossen worden. Nachstehend einige Auszüge aus dem Bericht, den der Direktor der Knabenschule id Bagdad, Herr Albala nach einem vom Central Cornite angeordneten Besuch in Amara erstattet hat: Die Gründung von Amara reicht 45 Jahre zurück. Amara ist eine junge Stadt, ist aber, dank der mit besonderem Glück gewählten Lage, schnell gewachsen und zählt bereits eine ansässige Bevölkerung von ,15 000 Seelen, ungerechnet die Besatzung, die gegenwärtig vier Bataillone stark ist. Hunderttausend Araber lagern in der Umgegend und sind für den Verkauf ihrer Zer ali n und Lebensmittel auf Amara angewiesen. Amara hegt am rechten Ufer des Tiber und wird ausserdem von dem fast ebenso breiten prächtigen Dj hala-Kanal durchschnitten, der seine Gewässer in die Reisfelder der vormals kaiserlichen Domänen, jetzt Nationaldomänen, trägt, um sich dann mit dem Tigris nahe dem Grabe Esras, einem von den Juden aus Trak sehr besuchten Wallfahrtsort, zu vereinigen. Annra ist modern gebaut, die Strassen breit und gerade, die Häuser in einer Flucht. Ein hübscher Kai hat zwei Kilometer Ausdehnung. Die ganze Stadt mit ihren beiden Wasserstrassen, dem Kai, den zahlreichen Gärten, sieht sauber und zierlich aus und macht auf den Fremden, der an die schmutzigen und übelriechenden Quartiere von Bagdad gewöhnt ist, einen anmutigen Eindruck. Ohne Frage ist Amara die schönste Stadt im Irak. Eine einsichtige Obrigkeit würde mit geringen Kosten viele Verschönerungen ausführen können, Man weiss, dass im Yemen eine beträchtliche israelitische Bevölkerung lebt. Doch bei dem jetzigen Stand der Kenntnis von dem Lande ist es völlig unmöglich, die Zahl auch nur annähernd zu bestimmen. Von dem Leben der dortigen Israeliten, ihren Sitten, ihrer Geistesbildung weiss man nur, was die nach Aegypten und von da nach Palästina gelangten Flüchtlinge erzählen. Die Berichte dieser überaus einfachen Leute sind ungenau und unzureichend. Um die einschlägigen Fragen und einige historische und archäologische Probleme, die sich an die Niederlassung der Juden im Yemen knüpfen, zu studieren, hat das Central-Comite den Direktor der Allianceschule in Beirut, Herrn Yomtob Semach, beauftragt, eine Reise in das Yemengebiet zu unternehmen. Dieser erfahrene und kluge Schulleiter wird zugleich die Mittel untersuchen, im Yemen ein Erziehungs- und H and werks - Institut einzurichten. Herr Semach hat sich zunächst nach Konstantinopel begeben, wo er mit Hilfe der Herren Grossrabbi Nahum und Isaac Femandez die Unterstützung der ottomanischen Behörden zur Erleichterung seiner nicht gefahrlosen Reise und zur Sicherung des Erfolges seiner schwierigen Mission gewinnen konnte. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. T 7 Wirtschaftlich wird Amara dereinst eine Rolle erste» Ranges spielen. Schon jetzt wird aus dem umliegenden Ackerbaugebiet jährlich für 4% Millionen Francs Reis, für V/4 Millionen Francs Gerste, für 225000 Francs weisser Dari, für 350000 Francs Butter, ausserdem Felle, Wolle, Sesam, Mais usw. ausgeführt. Die Gesamtausfuhr hat einen Wert von 11 Millionen Francs, die Einfuhr wird auf 2y2 Millionen bewertet. Unsere Glaubensgenossen haben an dem Umsatz nur sehr geringen Anteil. Ein einziger Israelit betreibt einen Grosshandel in Zereali -n ein anderer ist Armeelieferant. Das sind die beiden Notabein, die einiges Vermögen besitzen. Die übrigen Gemeindemitglieder sind. Kaufleute, Wechsler, kleine Ladeninhaber, Hausierer, von denen ein Teil zu einer gewissen Behaglichkeit gelangt ist, ein anderer Teil notdürftig das Leben fristet. Alle aber arbeiten fleissig. Unverschämten Bettlern, wie man sie in Bagdad trifft, bin ich hier nie begegnet. Die Handwerke sind nicht sehr stark vertreten. Man zählt unter unseren .Glaubensgenossen 8 Goldschmiede, 2 Schuster, 3 eingeborene Schneider, lMiitzenmacher, 1 Schmied, 2 Buchbinder und 4 Bäcker. Sie wissen, dass sich seit einem Jahre eine von Herrn Wilcoks geleitete Expedition englischer Ingenieure in Me opotamien aufhält, um die Möglichkeit von Bewässerungsanlagen in diesen Gegenden zu studieren. Das türkische Parlament hat einen Teil der von Herrn Wilcoks verlangten Kredite bewilligt, und eben hat sich dieser Ingenieur nach Konstantinopel begeben, um die Geneln igune für seine Projekte zu erlangen. Hat Herr Wilcoks in einigen Jahren seine PI ine ausgeführt, hat ferner die Regierung neue Wege angelegt, Sicherheit im Land geschaffen, so werden Ackerbau und Handel grossen Aufschwung nehmen. Hille und Amara sind als landwirtschaftliche Zentren vortrefflich gelegen, um sich gedeihlich zu entwickeln. Amara wird unfraglich die glänzendste Zukunft haben. Wir müssen unsere Glaubensgenossen vorbereiten, an der wirtschaftlichen Wiedergeburt der Provinz tätigen Anteil zu nehmen. Dank der Schule wird das kommende Geschlecht imstande sein, zu sMnem Vorteil und zum Vorteil des Landes seinen Verstand, seinen Fleiss, sein Anpassungsvermögen, das es von unseren AMARA.