Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- None (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und radigiert von LEO WINZ. Alle Rechte -vorbehalten. Heft 2. Februar 1910. X. Jahrg. ZWEI JUEDISCHE KONGRESSE. Dr. Simon Bernfeld, In der zweiten Hälfte des Monats Dezember Laben auf deutschem Boden zwei jüdische Kongresse getagt, über die ich hier berichten will: Der hebräische Kulturko n g ress in Berlin (19. bis 21. Dezember) und der IX.. Z i o nistenkongress in Hamburg (26.—30. .Dezember). Diese beiden Versammlungen haben, verschiedene Berührungspunkte und können daher 'im Zusammenhang behandelt werden. Der hebräische . Kulturkongress — seine Einberufer nannten ihn später in lobenswerter Bescheidenheit nur „Kulturkonferenz" — sollte über die Mittel beraten, durch die der herrschenden Notlage in der hebräischen Literatur abgeholfen werden könnte. Im westlichen Europa weiss man wohl kaum, welche Kris:s, ich möchte beinahe sagen: welche Tragödie die letzten Ereignisse in Russland in der hebräischen Literatur herbeigeführt haben. Vor etwa zwanzig Jahren nahm diese Literatur unerwartet grossen Aufschwung. Ausser Tageblättern und Zeitschriften erschienen Jahr für Jahr hebräische Bücher in den verschiedenen Literaturzweigen und fanden guten Absatz. Dieses Aufblühen der hebräischen Sprache hielt ungefähr ein Jahrzehnt an; dann begann ein Rückgang nach der Richtung, dass die periodische Presse wohl zunahm und auch inhaltlich gediegener wurde, Bücher aber seltener erschienen. Man klagte damals darüber, dass die Zeitung das Buch verdränge, zumal sich auch ernste Schriftsteller der hebräischen Journalistik zuwandten. Indessen hoffte man, dass diese Erscheinung nur vorübergehend sein würde. Da kamen die Ereignisse des Jahres 1905, und in der hebräischen Literatur trat ein rapider Verfall ein, ein wahrer Zusammenbruch. Angesehene alte Blätter gingen ein, an den Absatz von Büchern war gar nicht mehr zu denken. Neben der Klage über die Verkümmerung einer Literatur, die für das geistige Leben der osteuropäischen Juden von so grosser Wichtigkeit Nachdruck verboten. ist, regte sich auch das Mitleid über das Schicksal der Männer, die sich berufsmässig diesem Schrifttum gewidmet hatten. Einige von ihnen konnten sich noch rechtzeitig in andere Berufe hinüberretten; andere hingegen litten bittere Not. Was lässt sich in d'esem Fall tun? Man kann vielleicht sagen, die Verdrängung der hebräischen Literatur beweise, dass sie keinem natürlichen Bedürfnis entspreche, weshalb sie ihrem Schicksal überlassen werden solle. In Russland wird vielfach behauptet, dass die starke Verbreitung, die jetzt die Jargonpresse gefunden habe, dor hebräischen Literatur schädlich gewesen sei. Das ist aber nur zum Teil wahr. Die Jargonpresse hat zum Teil die hebräische Presse verdrängt, aber nicht das hebräische Buch. Für den Nirdergang der hebräischen Literatur im allgemeinen s'nd andere Gründe zu suchen; aber es hat keinen Zweck, d:esen Gründen nachzugehen, wenn man nicht gewillt ist, dorn Uebel abzuhelfen. Ich glaube auch, dass sich e'ne Literatur kaum auf die Dauer künstlich halten lassen kann, wenn kein inneres Bedürfnis für sie vorhanden ist. Trotzdem hätte es nicht im mindesten geschadet, wenn man ernste Versuche gemacht hätte, die hebräische Literatur zu fördern und zu stützen. Im Judentum wird auch manches andere nur noch künstlich erhalten, und solange es noch einigermassen geht, sollte man doch das nationale Schrifttum nicht verfallen lassen. Der beste Weg wäre, dass man eine Gesellschaft zur Erhaltung und Fö7*dorung der hebräischen Literatur gründet, ähnlich dem Institut zur Herausgabe von Schriften über das Judentum, das vor nahezu sechzig Jahren in Deutschland gegründet wurde und im Laufe der Zeit sehr erspriesslich wirkte. Ich erinnere nur daran, dass wir diesem Institut das Erscheinen des grossen Geschichtswerks von Grätz verdanken. In neuerer Zeit ist nach diesem Prinzip die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums