Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Revue der Revuen
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 45 - 46 (sequence 2)
- Language
- German
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45 Revue der Revuen. 46 wen sie nicht mehr zu rechnen haben, wir wollen ehrliche Klarheit in einer Kampfgemeinschaft, und wenn die Wahrheit Wahrheit wäre, müsste das die Sozialdemokraten freuen, nicht ärgern." Im 92. Lebensjahr verschied am 5. November in Paris der grosse Hellenist Henry Weil. Er wurde 1818 zu Frankfurt a. M. geboren; sein Vater, ein bekannter Pädagoge, ist als Mitkämpfer Riessers im Reiche bekannt geworden. Henry Weil studierte in Bonn, Heidelberg, Berlin und wurde in Leipzig summa cum laude promoviert. „Als er, fünfundzwanzig Jahre alt, sein erstes Werk: Das klassische Altertum für Deutschlands Jugend" erscheinen Hess, beglückwünschte ihn Alexander von. Humboldt. 1876 leistete er dem ehrenvollen Ruf an die „Ecole normale superieure" und „Ecole pratique des Hautes Etudes" in Paris Folge und wurde Frankreichs bedeutendster Lehrer. Auch in französcher Sprache erschienen eine Reihe hervorragender Altertumsstudien. Ludwig Geiger, der in einem interessanten Artikel in der „Allg. Z. d. J." Leben und Wirken Weils behandelt, sagt von ihm noch: „Als Weil, schon bejahrt, aber vor der Altersgrenze aus dem Lehramt geschieden war, antwortete er mit feinem Lächeln den Freunden, die ihm von diesen Schritt hatten zurückhalten wollen: „Ich will mein Amt verlassen, ehe es mich verlässt." V* * » * Der König von England £at Sir Edgar Speyer zumTMitglied des „Privy Council" (Geheimen Rates) ernannt. Sir Edgar Speyer, ein Abkömmling der bekannten Frankfurter Bankiers, nimmt im kommerziellen und politischen Leben Englands eine führende Stelle ein. Sein verdienstvolles Werk war die Verstaatlichung der Londoner Docks. Er geniesst die besondere Gunst König Eduards. In der Zeitschrift „Die |Welt des Kaufmanns" behandelt Paul Bröcker den jüdischen Einschlag im Kaufmanns stände. Es heisst hier: „Die semitische Zutat ist zwar so dünn, dass etwaige Einseitigkeiten besonderen jüdischen Wesens nicht wahrnehmbar sind, doch bildet die semitische Berechnung und Klugheit eine wertvolle Bereicherung des deutschen Unternehmungsgeistes, gerade jetzt, im Zeitalter der mächtig hereinbrechenden Weltwirtschaft..." * „Jewish Chronicle" reproduziert aus dem Jahresbericht der „Board of Deputys" das Memorandum, das diese Körperschaft namens der englischen Juden Sir Edward Grey übergab, als infolge der Balkankrise eine erneute Konferenz der Signatarmächte des Berliner Vertrages -in Aussicht stand. Das Memorandum enthält eine genaue Geschichte des Vertragsbruches seitens Rumäniens, zählt die endlose Reihe schmachvoller Judengesetze in Rumänien auf und schliesst mit der Bitte, Rumänien zu veranlassen, den Vertrag einzuhalten. Das Memorandum trägt die Unterschriften der Herren D. L. Alexander, C. G. Montefiore, Lord Rothschild und Sir Edward Sassoon. — Die gleiche Jßingabe ist s. Z. in Berlin vom Präsidium der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle dem Auswärtigen Amt überreicht worden. Der Ministerpräsident des neuen italienischen Kabinets, Baron Sidney Sonnino, ist Jude. Sonnino ist 1847 zu Alexandria (Ägypten) geboren. Er hat deutsche und englische Bildung genossen und betätigte sich auch literarisch. Seit 1880 gehörte er der Kammer an und geniesst das Vertrauen des Königs, dem er, sich vielfach als ein treuer Berater erwiesen hat. Einer der bedeutendsten Orientalisten und Historiker, Dr. Abraham Elias Harkavy-Petersburg, feierte jüngst seinen siebenzigsten Geburtstag. Dr. Harkavy promovierte an der Petersburger Universität, wo ihm vor mehreren Jahren auch ein Lehrauftrag für Geschichte der Semiten zugedacht war. Später wurde er dem russischen Ministerium für Volksbildung zugeteilt und im Jahr 1877 zum Bibliothekar der Kaiserlichen Bibliothek ernannt. Hervorragend sind seine Leistungen auf dem Gebiet der Geschichte der Juden in Russland. Seine Leistungen Avurden auch von der russischen Regierung anerkannt. Die Juden in Tunis haben, wie wir in früheren Heften bereits mehrfach erwähnt haben, schon wiederholt erklärt, dass sie sich dem französischen Schutz anvertrauen wollen. Wie „Le D6fenseur" meldet, fand jüngst in Tunis ein grosses jüdisches Meeting statt, dem mehr als dreitausend Personen beiwohnten. Zweck des Meetings war, gegen die Zuweisung der Juden an die Eingeborenengerichte zu demonstrieren; eine energische Resolution forderte Unterstellung der Juden unter die französische Gerichtsbarkeit. In einer Zirkularnote beklagt sich das türkische Ministerium über die Taktik einiger im Orient erscheinenden Zeitungen. Der Polizeidirektor von Saloniki lud kürzlich die verantwortlichen Redakteure der dortigen Zeitungen zu sich ein, um ihnen zu sagen, dass Minister Talaat Bey es schädlich finde, wenn gewisse Artikel erscheinen, die geeignet sind, zwischen den verschiedenen Elementen des Landes Uneinigkeit hervorzurufeu und die Einigkeit zu zerstören, die im Lande herrsehen müsse. Mit Rücksieht auf das höhere Interesse des Vaterlandes werden die verantwortlichen Redakteure verhalten, die Rassen- und Konfessionsfrage mit Takt und Zurückhaltung zu behandeln. Der General-Prokurator ist beauftragt worden, wider jedes Journal, das Schmähartikel gegen irgendein Element der im Reiche lebenden Völker oder Konfessionen veröffentlicht, rücksichtslos einzuschreiten.