Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 41 - 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Von Ghetto zu Ghetto [Rezension]
Date
1910-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583993-2583995-2594319--10002-2594390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

41 42 LITERARISCHE RUNDSCHAU. Ton Ghetto zu Ghetto. Eeisen und Beobachtungen von E. N. Adler. Verlag von Strecker & Schröder in Stuttgart. Der Verfasser des vorliegenden Buches, Sohn des weiland Chiefrabbi von G-rossbritannien, Bruder des gegenwärtigen Chiefrabbi, ist Anwalt von Beruf. Was er uns in der vorliegenden Schrift bietet, ist nicht das Ergebnis seiner Tagestätigkeit, sondern die Frucht einer wohlangewandten Müsse, der Müsse des Mannes von Bildung und von Herz. Es ist erstaunlich, wie weite Reisen man in kurzer Zeit machen, wie gründlich man selbst in der Eile sein kann, sobald man sich auf das Geheimnis versteht, keinen Augenblick zu verlieren! Der Verfasser beweist es. Seine Reisen haben nie mehr als die übliche Ferienzeit in Anspruch genommen, und in einer Frist von 20 Jahren haben sie ihn in jeden Weltteil — mit Ausnahme von Australien — ein halbes Dutzend Mal geführt, nicht bios in die Küstenstädte, sondern tief hinein in das Innere des Landes. — Ueberall hat der kluge Mann kluge Beobachtungen angestellt, auf Grund seiner Beobachtungen fruchtbare und gedeihliche Anregungen gegeben und nebenbei noch seinem Sammlertrieb — Herr Adler ist Handschriftensammler — mit ungewöhnlichem Gelingen gefröhnt. In dem lebendig geschriebenen Buch, das mit zahlreichen nach Originalaufnahmen angefertigten Illustrationen ausgestattet ist, führt uns der Verfasser nach Egypten und Kleinasien, nach Persien und Innerasien, nach Russland und Indien, nach Südamerika, und vor allem nach dem verheissenen Land, das ihm wie uns allen in verklärendem Schimmer erscheint, trotz der Verwahrlosung, die darüber gekommen und noch jetzt nicht völlig getilgt ist. Es ist selbstverständlich, dass der Verfasser auf seinen zahlreichen Wanderungen der Alliance Israelite Universelle überall begegnet, wo er Veranstaltungen trifft, die zur Hebung der Judenheit geschaffen worden sind. Er hat das Werk der Alliance in Afrika, in Asien, in Südamerika gesehen; er betrachtet es mit den Augen eines unbefangenen Kritikers, der keinen Vorbehalt verschweigt, keine Mängel beschönigt, und dessen Anerkennung dadurch um so wertvoller ist. Das Adler'sche Buch ist ein neues Zeugnis dafür, dass die Geschichte der Alliance Israelite Universelle untrennbar verbunden ist mit der neueren Geschichte der Judenheit, dass im ganzen Orient der Fortschritt der Kultur erkennbar wird fast ausschliesslich durch die fortschreitenden Werke der Alliance Israelite Universelle. Doch das erkennbar zu machen, ist nicht der Zweck des Buches, ist nur eine Begleitwirkung. Der Verfasser erzählt lediglich, was er gesehen hat; er erzählt es in anziehendem Ton, ohne alle Prätentionen, und eben deshalb so unterhaltend und belehrend. Wir wünschen dem Buch zahlreiche Leser. So viele Leser es finden wird, so viele Freunde wird der Verfasser gewonnen haben. * Akabjah. Von Paul Lehmann. Verlag von Otto Hendel in Halle a. S. Ein nachdenkliches Buch. Die Frucht ernsten Nachdenkens und zu ernstem Nachdenken anregend. Akabjah ist „der Mensch", der des Lebens Rätseln nachsinnt. In die tiefsten Fragen will er eindringen, nicht um ein „System" aufzustellen, sondern um das Leben zu verstehen und zweckvoll zu gestalten, um die Zeit zu einem dienenden Teil der Ewigkeit zu machen. Der Verfasser hat seinen Stil nach einem grossen Muster gebildet: nach dem Friedrich Nietzsches. Die schwungvoll-getragene Redeweise gibt den Lehren des Buches besondere Eindringlichkeit, verleiht ihnen etwas feiertägliches, auch dem Teil, der mit alltäglichem sich beschäftigt. Das geschieht mit guter Absicht, denn der Alltag soll hier Weihe empfangen, und es geschieht mit gutem Gelingen. Mag der Verfasser für sich selbst sprechen: „Jegliche Tat hat ihren Keim, dass sie geschehen könnte, und jegliche Tat ist Keim eines neuen Geschehens." „Kein Wesen lebet sein Leben umsonst, und für nichts bestehet kein Ding." „Jegliche Gegenwart gibt ihr er Zukunft, gibt ihr von eigener Kraft und von der empfangenen Kraft der Vergangenheit; und Gegenwart und Vergangenheit allen Seins werden ihr Leben noch feiern in ihrer tiefsten Zukunft." „Der Mensch aber bleibet Herrscher immerdar, und nicht formet die Zeit den Menschen, sondern der Mensch formet die Zeit." „Der Erfolg ist ein schillerndes Geschmeide; aber der Mensch bleibt Mensch, wenn er auch dieses Geschmeides verlustig geworden." „Packet die Tage an ihrer Morgenröte und gebt ihnen bis zur Abendglut das Geleit." „Ihr Menschen alle, Ihr mächtigsten Armen der Erde! Unzählbar steht ihr beisammen, Unzählbar wie die fernen Sterne, Stehet beisammen und lebet beisammen Und bleibet doch einsam, Einsam und dürftig arm Jeder für sich! — - Ihr tausendfältigen, einsamen Armen! Herrscher seid ihr, Seit es gewesen von je, Herrscher und Diener zugleich! Denn all eure Herrschaft ist Dienst. Steht ihr auch gross und gewaltig Mit euerm Bewusstsein Ueber jeglichem Wesen, Zeigt das Bewusstsein euch grade All eure Armut!" „Liebe, du bist ein Flammenmeer!' Für deine Gluten gibt es keine Wasser, und für deine Wogen gibt es keinen Damm..... Du bist die Reinheit selbst, bist selber dämonische Finsternis..... Hasset nicht der Mensch aus Liebe zu sich selber, und ist er nicht neidvoll, weil ihm gelüstet für sich nach dem Besitz seines Bruders?" „Ewigkeitsweisheit habe ich dir gegeben, die über dem Tage steht und über den Menschen." „Ihr könnet keine Wesen sein über den Menschen. Wollet ihr denn noch mehr Reichtum? Und ihr dürfet keine Wesen sein unter den Menschen. Wollet ihr euch denn entkleiden eures Purpurs? Menschen, Menschen, Menschen sollt ihr sein, Zweckträger, Ewigkeitsmenschen.'' Diese Stilproben mögen den Hinweis auf Nietzsche rechtfertigen. Der Hinweis erzwingt sich auch aus der Gegensätzlichkeit der Anschauungen. Zu einer Inhaltsprobe gebricht es hier an Raum. Wir würden sie auch nicht geben wollen — denn wir wünschen, dass das ganze Buch gelesen werde, das ein Buch ist für Kinder und namentlich für Eltern. * * *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.