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Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 33 - 34

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Lina Morgenstern
Date
1910-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 1)
Language
German
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33 34 LINA MORGENSTERN (geb. 25. November 1830, gest. 16. Dezember 1909). Nachdruck verboten. Am 16. Dezember ist in Berlin, 79 Jahre alt, Lina Morgenstern gestorben, seit viel Dezennien eine der meistbekannten und meistgenannten Frauen Berlins. Sie hat das Sprichwort Lügen gestraft, das die beste Frau die nennt, von der man nicht spricht. Von ihr hat man viel, sehr viel gesprochen, und eine vortreffliche Frau ist sie gewesen, in ihrem Hause wie in der Öffentlichkeit, für die sie mit nie aussetzendem Fleiss, mit warmem Herzen, mit klar erfassendem Verstand und mit dem ungemein wertvollen Gefühl für das Mögliche und Erreichbare gewirkt hat. Sie war ihrer Zeit voraus und hat doch darin gestanden; sie hat in ihrer Zeit für kommende Generationen vorschauend gearbeitet. Sie hat dem Tageserfordernis mit klugen Organisationen genügt, und dem späteren Geschlecht verständige Helfer erzogen. Den Armen und den Kindern gehörte ihre fürsorgende Liebe, allen Schwachen ihr Beistand. Ihr eigenes Beispiel, ihre vielseitige und fruchtbare Tätigkeit, die auf das allgemeine gerichtet war und das eigene Heim nicht vergass, machte sie, fast ohne ihr Wissen und zunächst sicher ohne ihren Willen, zu einer Vorkämpferin mehr noch als zu einer Führerin der Frauenbewegung. Für Theorien hatte sie nichts übrig. Dazu fehlten die schulmässigen Voraussetzungen, die sich später nicht nachholen liessen, eben weil der praktischen Erfordernisse des Tages, zu deren Befriedigung sie sich hingezogen und berufen fühlte, zu viele waren und diese alle Zeit in Anspruch nahmen. Ihre schriftstellerische Tätigkeit war namentlich in jüngeren Jahren recht umfangreich und hat nie ganz aufgehört, denn die Eedaktion der „Deutschen Hausfrauenzeitung" hat ihres Beirats sich bis zuletzt erfreut. Auch hier machte der Sinn für das Praktische sich vorzugsweise geltend. Was sie Lina Morgenstern. im lebendigen Leben gesehen, das wollte sie weiteren Kreisen mitteilen und nutzbar machen. Doch die Schriftstellerin Lina Morgenstern wird von der Organisatorin völlig in den Schatten gesteilt. Hier liegen ihre Verdienste, die nicht vergessen werden dürfen, auch wenn die von ihr geschaffenen Einrichtungen einmal überholt sein werden. Denn dass man sie — hoffentlich recht bald — wird überholen können, auch das ist ihr Verdienst. Lina Bauer — so hiess sie als Mädchen — war ein Breslauer Kind. Die Achtzehnjährige schon bewährte praktischen Gemeinsinn, indem sie einen — heute noch bestehenden — Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder ins Leben rief. Nach ihrer Uebersiefrelung nach Berlin richtete sie hier die ersten Kindergärten ein, im Jahr 1866 gründete sie die Berliner Volksküchen, ferner einen Kinderschutzverein, eine Akademie zur Fortbildung junger Damen. Sie war es auch, die zur ersten internationalen Frauenkonferenz (1896) die Anregung gegeben hat. Eine hausindustrielle und landwirtschaftliche Schule als Erziehungsmittel verwahrloster Mädchen war gleichfalls ihr Werk. Wir haben keine vollständige Aufzählung der von Lina Morgenstern ins Leben gerufenen Anstalten und Vereine gegeben. Das ist auch nicht nötig. Ueberau, wo Lina Morgenstern Hand anlegte, durfte man sicher sein, dass es einer guten Sache galt, und dass der Versuch in überlegter Weise, beinahe mit der Gewissheit des Gelingens gemacht war. Sie verschmähte nicht das Kleine zu beginnen; aber immer hatte sie Grosses in Absicht, und das Kleine, das sie organisierte, trug den Keim mächtigen Wachstums in sich. Das ist es, was ihrem Wirken Fortdauer verhieisst, ihrem Wirken und ihrem Andenken. N. 0.

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