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Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 15 - 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Alfred Graetzer
Date
1910-01-01
Page
Seite 15 - 16 (sequence 4)
Language
German
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Erich Cohn: Schachkoryphäen. 16 15 ALFRED GRAETZER. BRESLAU. Frühling. Dr. Tarrasch behauptet hat und ihn jetzt erfolgreich gegen Janowski verteidigt, ist zweifellos der grösste lebende Schachspieler. Er beherrscht jeden Stil und jede Phase der Partie. Unter seiner Hand behält die Struktur der Stellung eine wunderbare Leichtigkeit und Elastizität; er drückt dem Gang des Spiels stets seinen höchst persönlichen Stempel auf, so dass die Spielstärke bedeutender Meister ihm gegenüber zu schmelzen scheint, wie Wachs vor der Sonne. Er verfügt über geheimnisvolle Ressourcen; wer jemals mit Lasker analysiert hat, wird von seiner tiefen Durchdringung der jeweiligen Position einen unvergesslichen Eindruck behalten. Während Lasker so der Gleichmässigkeit und Grösse seiner Erfolge wie der Qualität seiner Leistungen nach „eine Klasse für sich" Lüdet, steht eine grosse Anzahl hervorragender Meister an Bedeutung einander ziemlich nahe. Da ist Dr. Tar rasch, der Sieger in vielen Turnieren und Wettkämpfen, der grosse Schachgelehrte und fleissige Analytiker, der Dogmatikor des „korrekten" Spiels. Er hat eine grosse Zahl vortrefflicher Prinzipien für Eröffnung und Mittelspiel aufgestellt und viel für die Erziehung des Nachwuchses getan; sein Buch „Dreihundert Schachpartien" ist vielleicht das beste Lehrbuch für Vorgeschrittene. Einen reizvollen Gegensatz zu Tarrasch, dem Schacharbeiter, der seine Siege im Schweisse seines Angesichts erringt und schwer und langsam produciert, bildet die echt wienerische Grazie Carl Sohle cht er s. Aus seinen Partien spricht die Leichtigkeit und Behendheit, aber auch die Sorglosigkeit und Unbekümmertheit des Oesterreichers. Er hat sicherlich einen gross zügigen, genialen Stil, aber zur höchsten Vollendung fehlt ihm der bohrende Tiefsinn, der energische Wille zum Siege, wie er Lasker beseelt. Gleichwohl darf man dem bevorstehenden Wettkampf Schlechter-Lasker um die Weltmeisterschaft mit grossem Interesse entgegensehen; vielleicht erwacht im Ringen mit einem solchen Gegner die schlummernde Riesenkraft. Ein zweiter höchst ernsthafter „Weltmcisterschaftsaspirant" ist der Ungar G. M a r 6 c z y. Zäh, energisch baut er seine Partien auf, schmiedet er die Zugreihen aneinander wie Teile eines Metallgeflechts. An Kraft und Wucht dem feinsinnigen Schlechter überlegen, erreicht er ihn nicht ganz an Grösse der Konzeption und Geradlinigkeit der Ausführung. Bisweilen rollt er sich förmlich zusammen, wie eine Schlange und wartet, bis sich der Gegner eine Blosse gibt, um dann rasch und mit tödlicher Sicherheit zuzupacken. Den genannten Meistern noch nicht ganz ebenbürtig ist Rubinstein aus Lodz, Laskers Mitsieger im letzten Turnier zu St. Petersburg. Seine unübertreffliche Fertigkeit im Endspiel und die behutsame Anlage seiner Partien erinnert von ferne an Laskers Anfänge: diesen Eigenschaften, denen sich Ausdauer und fast völlige Fehlerlosigkeit des Spiels gesellen, verdankt er seine grossen Turniererfolge. In den Verwicklungen eines kombinationsreichen Mittelspiels ist er weit weniger heimisch; ein Gegner von grosser taktischer Gewandtheit kann ihm daher leicht gefährlich werden. Auch unter den Schachmeistern, deren Erfolge nicht ganz die der besprochenen erreichen, findet sich noch manche reizvolle Individualität. Die junge Schule, der z. B. Duras, Bernstein, Spielmann, Vidmar, Capablanca angehören, ist wie die ältere der Blackburne, Burn, Teichmann, Mieses, Marshall, Janowski reich an interessanten Schachköpfen, deren Porträtierimg ich mir für ein anderes Mal vorbehalte. IM ALTEN HAUS. Von Vicki Baum. Nachdruckverboten. Am Fluss entlang, wo früher das Ghetto war, stehen wenigen alten Ghettohäuser herabschauend, wie eben grosse neue Häuser; rechte Parvenüs; in wenigen Parvenüs es tun. Aber wenn man aus der eleganten schnellen Jahren emporgeschossen, und jetzt mit breiten, Grossstadt jenseits des Flusses über die Brücke kommt, geschmacklosen Fronten so frischgestrichen, nüchtern dann merkt man, dass hier, in diesen neuen Häusern und überaus selbstbewusst in die Welt und auf die andere Menschen wohnen, und dass diese Menschen ein

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