Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 815 - 816

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Schattenspiele
Date
1906-12-01
Page
Seite 815 - 816 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583953-2594189--06666-2594258
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

815 816 Noch ein Wort Von Dr. H. Das Mai-Juni-Heft dieser Zeitschrift brachte über Arthur Seh nitzler einen Aulsatz, der das Schaffen des Wiener Dichters von den Problemen der Liebe und des Todes aus beleuchtete. Hier sei eine andere Seite dieser eigenartigen Dichtung gezeigt, die mir für die Kultur des Jungwieüertums besonders charakteristisch scheint. Eigenartig und seltsam beherrscht ein Empfinden die ganze Gruppe, und sie sucht ihm immer neue Formen zu finden; das Gefühl des Unwirklichen. Ist vordem alle Poesie bestrebt gewesen, dem traumli.-ift Enteilenden Wirklichkeit zu geben, so versuchen diese Dichter, gerade das geheimisvoll schreckende Empfinden darzustellen, dem die realste Aussenwelt in wankende Schatten zerfliesst. Was hat diese G efühlsweise möglich .gemacht? Zweierlei: Romantik und Judentum. „Schattenküsse, Schattenliebe. Schattenleben wunderbar." — Heine hat den Ton wieder angeschlagen, der schon in der Illusionskomödie Tiecks erklungen war — der heute so oft erklingt. Am wundervollsten in Hoffmannsthals Versen: „Dies ist ein Ding, das keiner voll aussiimt, Und viel zu grauenvoll, als dass man klage: Dass alles gleitet und vorüberrinnt ..." — oder in der dämmerhaft versinkenden „Ballade des äusseren Lebens". Hoffmannsthals Verse, die so verblüffend genial zu Schnitzlers Dramoleten die Ouvertüre spielten, haben ihre Stimmung und Melodie über das Gesamtwerk des älteren Dichters gebreitet: sie haben ihn in Musik gesetzt, und wenn sie in den Zwischenakten erklingen, scheint der feinste Reiz dieser Dramatik in ihnen verdichtet. Jedenfalls enthalten sie die Stimmung, die Schnitzler und dem ganzen Jungwienertum gemeinsam ist: das Zerfliessen des Wirklichkeitsbewusstseins. Diese Dichter haben eine letzte menschliche Naivität verloren: Das Gefühl des Realen. Sie stehen vor der Welt mit Hoffmannsthals tiefem Erstaunen. Das Wirklichste wird zur Illusion: das Sinnfällige unwahrscheinlich. Alles Seiende scheint sich mit rätselvoller Willkür in den Raum zu drängen; dieMenschen regen sich sinnlos wie Automaten; ihre Worte schlagen als leere Schallwellen an die undurchdringliche Einsamkeit des Ich. Und dieses Ich selbst, seiner Einheit beraubt durch die Kritik des Philosophen, betäubt im Chaos unbegriffener Erscheinungen, sieht sich mit fassungslosem Erstaunen reden, handeln und dahingleiten, sich selbst „wie ein Hund unheimlich stumm und fremd". So grübelt Hoffmannsthal über die Seltsamkeit der 1 )inge. So vertauscht Schnitzler in Dramen und Komödien Wahrheit und Illusion. So überfällt in jedem Roman Wassermanns den einen oder anderen dies jähe Gefühl, das den Boden unter dem Schreitenden wanken machti .,Seiu Aublick war unglaubwürdig, dass er sprechen konnte, war erstaunlich . . . ". Plötzlich erscheinen alle äusseren Dinge wie etwas Niegesehenes, similos und zufällig, und doch von der unabweisbaren Tatsächlichkeit der Sinneseindrücke. — Dies Seltsame, das auch Schnitzler immer ■-wieder zu gestalten sucht, ist jüdisches Erbteil. Die modern verfeinerte Eigenart der Rasse, die bei allem praktischen Sinn im kontemplativen, künstlerischen Anschauen der Aussenwelt wie keine andere wirklichkeitsfern ist. über Schnitzler. Friedemann. Nachdruck verboten. Jahrhundertelange Jnnenschau. hat der Phantasiewelt des jüdischen Dichters das . seltsam Körperlose gegeben, ein Gebilde aus haarscharfen Abstraktionen, Lichten, Farben und Tönen, flimmernd wie in heisser Luft . . . Seinem Auge, das in naturalistischer Zeit nach gestaltbarer Wirklichkeit verlangte, zeigte die Aussenwelt ein fremdes und unheimliches Antlitz. Der Fuss scheint ins Leere zu treten, die suchende Hand nach Schatten zu greifen. Der Gestalter verlangt nach Dingen und sieht Erscheinungen.. Die Brücke, die der naive Sinn vom Ich zum Mitmenschen schlug, ist zerbrochen; auch der Mensch wird zam Bilde unter Bildern, zu einem fremdartigen Stück Aussenwelt. Seine Worte und Geberden, zum ersten Mal in einfacher, physischer Tatsächlichkeit empfunden, wirken als sinnliche Erscheinungen wie alle anderen, inkommensurabel und unverständlich in ihrem Iunenweseu wie Windesrauschen und Lichtreflexe. Das Innenleben, das den Automaten bewegt, wird zur ungreifbaren Hypothese; denn kein Weg führt zur fremden Seele hinüber. Ein Orchester ohne Melodie, ein Farbenspiel ohne Körper3 erscheint die Aussenwelt wie absurde Laune, das Wirkliche nicht sinnvoller noch wahrscheinlicher als das Unwirkliche. Diese Dichter sehen die Welt gleichsam zweidimensional, in Bilderreihen; das nimmt den Vorgängen ihrer Dichtung die Wucht des Wirklichen; erlaubt ihnen, das Leben als Schattenspiel zu behandeln. Aus solcher Stimmung gestaltet Schnitzler. Von hier aus erklären sich auch seine schwachen Schöpfungen: der „Ruf des Lebens" und die „Marionetten". Schnitzler fiel im Kreise der Jungwiener die Aufgabe zu, die etwa Tieck bei den Romantikern hatte. Die Stimmungen und Ahnungen der Dichtergruppe zu gestalten; Aufschlüsse zu geben; als dramatisch begabter Konferencier zum Publikum zu sprechen. Er ist unter den wesensverwandten Poeten der bewussteste; am meisten Artist. Sein Verhängnis in den letzten beiden Dramen war der Wunsch, zu verdeutlichen; der Trieb, an einem Paradigma die selbsterkannte Wesensart zu demonstrieren; und, zumal in den „Marionetten", die Zuschauer hinter die Kulissen dichterischen Schaffens blicken zu lassen; psychologische Aufschlüsse zu geben. Schnitzler ist, nach Novalis feinem Wort, zu sehr sein eigener Leser gewesen, so dass er die „literarische Unschuld" darüber verloren hat. Das künstlerische Bild, das ihm die Lektüre seiner Werke spiegelte, musste etwa dies sein: Dichter der Grenzfälle. Heimisch im Zwischenreich, um das Illusion und Wirklichkeit schaukelu. Der Künder verschwiegener Wahrheiten und sekundenlanger Erkenntnisse. Der verhüllte Gebieter über Schatten und Masken. Das ist es, was in populärer Vergröberung vor den Kulissen der „Ruf des Lebens'4, hinter den Kulissen die „Marionetten" zeigen sollten. Stärker hat andere, aus Judentum und Romantik gemischt, das Gefühl unlebendiger Erstarrung der Aussenwelt bezwungen. Schnitzler ist es auferlegt, dies Gefühl zu gestalten. Und er tut es mit der überwachen Bewusstheit, die immer in romantischen Zeiten gerade der feinsten poetischen Erkenntnis die Quellen unmittelbaren dichterischen Schaffens verschüttet hat. Dennoch: wenn er seine Puppen tanzen lässt und seine Masken vorbindet, schreiten auch über seine bunte Bühne die seltsamen Schatten des Unwirklichen, die einer sensiblen Dichtergeneration das grosse Rätsel des Seienden bedeuten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.