Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Date
- 1906-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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«A Osi^Äe st: V ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. lieft 18. Dezember 1906. VI. Jahrg. SALOMON MÜNK, Mitglied des Instituts von Frankreich, einer der Begründer der Alliance Israelite Universelle. Ein Gedenkblatt zu seinem 40. Todestage. Von A. Benesra. Nachdruck verboten. Sang- und klanglos ist vor mehr als drei Jahren der hundertste Geburtstag Salomon Münks vorübergegangen. Unsere jubüäumssüchtige Zeit hat nicht einmal in Zeitungsnotizen des grossen bescheidenen Mannes gedacht, der sein stilles, aber taten- und leidenreiches Leben vor bald vierzig Jahren in Paris, fern von der geliebten Heimat, beschlossen hat. So sei ihm denn jetzt, da die Alliance Israelite Universelle, an deren Schöpfung er mit seiner grossen, tiefen Seele, seinem scharfen Blick und seinem eisernen "Willen mitgearbeitet hat, zu neuem Leben erwacht, dieses bescheidene Denkmal, gesetzt. Salomon Münks wissenschaftliche Tätigkeit war für die jüdische Wissenschaft sowohl als für die allgemeine Geschichte der Philosophie von so weittragender ."Bedeutung, sein Wesen und sein Charakter, wie sie uns sein von Prof. Dr. Brann in Breslau veröffentlichter Briefwechsel mit seiner Familie enthüllen, sind so interessant und anziehend, dass es sich höchlich verlohnt, sein Lebensbild, wenigstens in allgemeinen Umrissen, zu zeichnen. Es dürfte einen sehr lehrreichen Beitrag zur geistigen und sozialen Geschichte des modernen Judentums bilden. Er wurde am 14. Mai 1803 zu Glogau in Sehlesien geboren. Die jüdische Gemeinde dieser Stadt war eine der wenigen in Schlesien, die auf eine ununterbrochene Geschichte von einigen — wahrscheinlich sechs — Jahrhunderten zurückblicken können. Sie erfreute sich eines gewissen gesteigerten Wohlstandes, hatte Traditionen, war von altersher der Sitz talmudischer Gelehrsamkeit und erschloss sich an der Wende des 18. Jahrhunderts zuerst dem neuen Zeitgeist, so dass ihre Mitglieder, ohne sich zu „versündigen", auch profanes Wissen pflegen durften. Die Gemeinde besass Schalen und Stiftungen zur Unterstützung von Gelehrten, und ähnliche Institutionen. Glogau war die Vaterstadt einer Reihe berühmter und hochverdienter jüdischer Gelehrten und Forscher, wie Josef Lehman, Begründer des seinerzeit angesehenen und einflussreichen „Magazin für die Literatur des In- und Auslands" (einer der ersten, die die Anregung zur Gründung des Breslauer jüdischtheologischen Seminars gegeben), Josef Zehdner, berühmter Bibliograph, nachmaliger Bibliothekar des British Museum, David und Selig Kassel, Michael Sachs u. m. a. Salomon Münks Vater bekleidete in Glogau die sehr bescheidene Stellung eines besseren Gemeindedieners, und versah auch die Funktionen eines Schreibers und „Beglaubigten" (Neeman) beim Rabbinat. Diese Kategorie der jüdischen Gemeindeangestellten gehörte in alten Zeiten gewissermassen zur Intelligenz, denn ihre Funktionen erforderten grosse Schreibfertigkeit, Kenntnis der Rechtsformen und sogar der Rechtsquellen. Münks Vater scheint jedoch geistig noch viel höher als seine Standesgenossen gestanden zu haben; in seinem Hause herrschte eine edlere geistige Atmosphäre. Er starb i. J. 1811. Seine Gattin Malka war bei aller Schlichtheit ihres Wesens und Bescheidenheit ihrer sozialen Stellung offenbar eine Frau von seltenen Gaben des Geistes und des Herzens. Aus den an sie gerichteten Briefen ihres Sohnes Salomon, die mit hebräischen Lettern geschrieben sind — andere konnte die wackere Frau nicht entziffern —, ersieht man, dass er ihr nicht nur eine ideale und innige kindliche Verehrung entgegenbrachte, sondern auch für ihren Takt,