Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Jjob
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 733 - 734 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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733 734- 3 j o b. Nachdruck uzrboten. Du Gott, wann ist Dein Marterwerk vollbracht? Wann hebst du deinen Arm zum letzten Schlage? Am Morgen ruf ich aus: o wäre Nacht! Und kommt die Nacht, so schrei ich nach dem Tage. Du hast mich auf die Lagerstatt gestreckt, Und Eiterbeulen sind mein Ruhekissen, — Mit roten Wunden ist mein Leib bedeckt, Und meine Seele hast du mir zerrissen. Und lechzt mein Auge nach der Zärtlichkeit Des Lichts und will am Sonnenstrahl gesunden, Ach —, die den Rosen Duft verleiht, Mich blendet sie und brennt mir auf den Wunden. Und flieh ich stöhnend vor der Sonnenglut Und berge mich in einen finstern Schatten, Dann macht die glotzende Gespensterbrut In bösen Träumen meinen Geist ermatten. Du Gott! und wenn dein Hass mich zehnfach quält, Ich dulde still, dein starker Wille werde! Doch sprich, warum du mich hast auserwählt! Es gibt ja so viel Lumpe auf der Erde. Max Dungmann. VON EINEM PLATZE AN DER MISRACH -WAND. Eine traurige Geschichte, die in Kabzansk passiert ist. Nachdruck' Von Mendele Mocher Sephorim — Dem Jüdisch-Deutschen nachgebildet von Theodor Zlocisti. Kabzansk — zu deutsch Bettelheim geheissen — einer jener Orte, wo Juden ihr Gezelt aufgeschlagen, war immer in der Welt als ruhiger, heimlicher Winkel gerechnet. Ehrliche, zerbrochene Juden wohnten dort wie alte Patriarchen — fern von der Welt. Still ging ein jeder seinen Weg und lebte nach altem Brauch: man heiratete, bekam Kinder, zankte auch mal, kurz — man lebte das Golus in all seinem freudigen und traurigen Reichtum. Ausser Gott und den Zizzith, wie man zu sagen pflegt, ging sie die ganze moderne Welt nichts an. Was waren ihnen die neuen Parlamente mit all ihren Reden, ihrer Politik und ihrem Geschwätz gegenüber ihrer lieben Klaus, ihrem Plätzchen hinterm Ofen und gar ihrem Gemeindebad! Ein Jude im Golus — war einer ihrer Lieblingssätze — soll sich nicht um Ehren reissen und die Nase gar zu hoch rragen. Er mag sich lebendig begraben lassen, er muss alles geduldig tragen, alles mitanhören und mitansehen und zu allein schweigen . . . So hat Kabzansk — seitdem es eben Kabzansk ist — schön fein gelebt in wundersamer Stille. Alles, was an Freud und Leid Gott ihnen geschickt, haben sie gelassen hingenommen. Einen Stoss sogar; und wenn man ihnen ins Gesicht spie, was tats?! Es soll einem nichts schlimmeres passieren. Ja, ja! . . . Und plötzlich ist Kabzansk aus seinen Sielen gesprungen und bekam ein ander Gesicht. So still es einst dort gewesen, so wild wallt es und kocht es heute darinnen. Wie aus einem feuerspeienden Berg — soll Gott einen davor behüten — schiesst und ergiesst sich und strömt Pech und Schwefel daraus; und ein lautes (»epoltere dringt — ach wie weit! Eher hätte man des Städtchens Untergang erwarten können, als von solchen Stürmen in ihm hören. Schrecklich! Schrecklich! Und wie, wird nun jeder fragen, ist diese Wandlung gekommen? Ach ja — es ist lächerlich zu sagen, so bitter lächerlich, dass sich einem das Innere nach aussen drehen will. Es fing mit einer Kleinigkeit an, und dann kam zu der Kleinigkeit eine Geschichte und die andere, bis es schliesslich ein ganze]- Berg wurde, aus dem die Hölle fauchte. Flammen züngelten, Donner krachten bis in den siebenten Himmel — krach-trachtra-ra-rach! Und ist das ein Wunder?! Das ganze jüdische Leben hängt ja an einem Haar, steht immer auf der Schwebe, und die geringste Kleinigkeit bringt gefährliche Schwankungen. So sieht nun schon mal das jüdische Leben aus! Wegen eines Hahns und einer Henne wurde einst die Stadt Tur-Malka zerstört und wegen einer eichenen Axt fiel Bethar. So war es einst und so gehts auch heute noch. Aus einem Garnichts wird ein Unglück, aus einem Tuscheln in die Ohren — Donner und Blitz. Und aller Fluch ergiesst sich über Israel. Ach, wegen eines Platzes an der Misrachwand ist ganz Kabzansk jetzt in Aufruhr. Seit altersgrauen Tagen (von der Erbauung der grossen Klaus an bis in die späteren Zeiten) hatten den Platz an der Misrachwand die Leibeies besessen. So nämlich hiess die grösste und vornehmste Familie in Kabzansk: — nach dem Urahn Reb Leibele — sein Andenken sei zum Segen —. nach dem Vornehmen.