Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 547 - 548

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Leon Lhermitte [Illustration]
Date
1906-08-01
Page
Seite 547 - 548 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
illustration document
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583951-2593787--06363-2593857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

PAUL ROGER-BLOCHE. LEON LH ERMITTE. DER GRAF VON CHAROLAIS. Von Viktor Im Dezember 1904 wurde „Der Graf von Charolais" zum erstenmal am hiesigen Neuen Theater aufgeführt. Von diesem Abend an war Richard Beer-Hofmann ein berühmter Mann. Vorher kannten ihn nur wenige, denn grössere Arbeiten lagen noch nicht vor; nach dem „Grafen" ist noch nichts weiteres erschienen, soviel mir bekannt ist. So dass also bis jetzt Beer-Hofmanns Name einzig an das eine Drama geknüpft ist. Dies Stück ist nun in so mannigfacher Hinsicht interessant, dass es das 'Publikum noch längst nicht zur Ruhe kommen lässt. Einmal erklärt Heer-]Tormann, er habe eine alte Vorlage frei benutzt, das um 1620 entstandene Drama Philipp Massingers „The Fatal Dowry". Da ist es von literarhistorischem Reiz zu untersuchen, was nun eigentlich das Werk des Wiener Poeten, was der Besitz des Engländers ist. Beer-Hofmann hat wahrscheinlich — die Schreibart „Charolais ' spricht dafür — aus der deutschen Uebertragung des Stückes geschöpft. Es ist dies „die unselige Mitgift", die der Shakespeareübersetzer Graf Baudissin in dem Werke „Ben .Tonson und seine Schule" gegeben hat. Ist es dem nun des Deutschen kundigen Leser dadurch bereits wesentlich erleichtert, sich über jene Frage Aufschiuss zu holen, so -findet er jetzt gar alles stofflich Wissenswerte aufs beste in einer Dissertationsschrift zusammengestellt, die der bayrische Oberlehrer Christoph Beck über dieses Thema ver- Klemperer. Nachdruck verboten. Otfentlicht hat.*) Ein ausführlicher Bericht über die Quelle des Stückes ist nicht Aufgabe dieser Zeilen. Nur andeuten will ich, dass Beer-Hofmann wohl die Fabel des Engländers im Groben übernommen, alles Psychologische, alle Charakteristik aber selbst gegeben hat. So dass ..Der Graf von Charolais" also wirklich seine eigenste Dichtung ist. Ausser der stofflichen Frage knüpft sich aber noch manch andere an das Stück. Obwohl ich hier nur auf einen einzigen Punkt einzugehen gedenke, muss ich doch zu diesem Zwecke eine kurze Inhaltsangabe vorausschicken. Der junge Charolais ist der Sohn des besten und ärmsten Feldherrn. Welcher Zeit und Nation kommt für das neue Stück, kaum in Betracht; Massinger verlegt die Handlung ins mittelalterliche Burgund. Der General ist in dem Augenblick einer letzten heimtückischen Kugel zum Opfer gefallen, da er seinem Vaterland den glorreichen Frieden bereits gesichert hatte. Die Leiche des Tapferen wird nun nicht etwa mit reichen Ehren bestattet. Im Gegenteil: ein altes Landesgesetz erlaubt den Gläubigern dein toten Schuldner das Begräbnis zu verweigern, seinen Leichnam im Gefängnis zu halten, bis ein Erbe oder Freund ihn auslöst. Der alte Charolais hatte viele Schulden; denn *) Philipp Massinger, The Fatal Dowry. Literarhistorische Untersuchungen mit besonderer Boi-iicksichtigung von Bcer-Hofmunus, „Der Graf von Charolais".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.