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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. [Seite]

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Date
1906-08-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 8/9. August/September 1906. VI. Jahrg. GEISTIGE ORGANISATION DES JUDENTUMS. Von Moritz Goldstein. Nachdruck verboten. I. Die Emanzipation der Juden in Deutschland war die Folge eines Lebensideals des 18. Jahrhunderts, welches man mit dem Namen Humanität bezeichnet. Es gründete sich bekanntlich auf der Anschauung, dass alle Menschen von Natur einander gleich seien und dass an allen Unterschieden der Bildung, des Standes und überhaupt des Wertes die Kultur Schuld habe. Wenn jedem Menschen — so theoretisierte man — in gleichem Masse die Möglichkeit gegeben würde, seine Fähigkeiten zu entwickeln und auszubilden, so würden die Verschiedenheiten, welche heute die Nationen und Stände äusserlich trennen, verschwinden, und alle würden sich in einem gemeinsamen erhöhten Menschentume treffen. Dieses erhöhte Menschentum für die eigene Person durch strenge Selbstzucht und allseitige Ausbildung zu erreichen, war das eigentliche Humanitätsideal; es zu verwirklichen, war das höchste Ziel unserer Klassiker; unter ihnen war es Goethe, der ihm vielleicht am bewusstesten, sicher aber am erfolgreichsten zustrebte. Ins Soziale umgesetzt, bedeutete dieses Ideal die Forderung, dass jedem Menschen von der Gesellschaft die Möglichkeit garantiert werde, für die Entwicklung seines Menschentumes Raum zu gewinnen. Insofern waren die Wortführer der Humanität zugleich die Apostel der französischen Revolution. Freiheit und Gleichheit, das Kampfgeschrei, das in Paris angestimmt wurde und in ganz Europa begeistert widerhallte, bedeutete nichts anderes als die menschlichste aller Forderungen: Gleiche Bedingungen für alle, die den grossen Wettlauf des Lebens antreten. Diese Forderung, welche auf der einen Seite als ein verzweifelter Notschrei aus der 'Tiefe erscholl und aus den Kehlen bewaffneter Volkshaufen den bevorzugten Reichen und Gebildeten unheimlich genug in die Ohren gellte, wurde andererseits von eben diesen Bevorzugten zum allgemeinen Postulat erhoben und zu einem Lieblingsgedanken des spekulierenden Europas gemacht. Man wartete nicht überall, bis der Hilferuf aus den Niederungen laut wurde, sondern wandte freiwillig, vom modernen Geiste der Humanität getrieben, seinen Blick auf diejenigen, welche unter der Ungunst ihrer Lebenslage zurückgeblieben waren. Die Verachteten, Ausgestossenen, Verkommenen rückten plötzlich in das helle Licht des allgemeinen Interesses, und unter diesen auch, und zwar als die Interessantesten, die Juden. Die Konsequenz des Humanitätsideals war der Philosemitismus. Der junge Lessing war es, der sich im Namen der Humanität zum Anwalt dieser Bedrückten aufwarf. Er schrieb ein schwaches Anfängerstück „Die Juden" und erregte damit das höchste Aufsehen unter den Angehörigen des Volkes, dem es galt. Ein Reisender — dies ist der Inhalt — befreit einen Gutsherrn aus der Hand von Räubern. Der Gerettete kann sich nicht genug tun in Dankbarkeit gegen den Fremden, andererseits in Schmähungen auf die Juden, als die vermeintlichen Uebeltäter. Er bietet seinem Retter die Hand seiner Tochter samt seinem Vermögen an, der Grossmütige lehnt ab; der Gutsherr bietetdringender, der andere lehnt dringender ab; der Gutsherr, durch weitere Wohltaten dem Fremden aufs Neue verpflichtet, lässt nicht nach, — da macht dieser dem edlen Wettstreit mit einem Schlage ein Ende, indem er bekennt, dass er Jude sei. — Dies harmlose Jugendstück Lessings, welches jedoch aus einem Geiste geschrieben ist, für den wir dem jungen Dichter stete Bewunderung und Dankbarkeit schulden, verrät in naiver Weise, wie der Philosemitismus der Humanität eigentlich aussah: „Die Juden, die ihr um euch seht — so räsonnierte 1*

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