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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 401 - 402

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Das Blutbad von Bialystok
Date
1906-05-01
Page
Seite 401 - 402 (sequence 2)
Language
German
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401 Dr. med. Julius Brutzkus, Petersburg: Das Blutbad von Bialystok. 402 So schrieb der russische Professor im Jahre 1902. Wir sehen, dass das erste Ziel der Regierung, welches den wirtschaftlichen Ruin der Juden anstrebte, von grossem Erfolge gekrönt ist. Dagegen sind die anderen Bestrebungen der Reaktionäre — die Herabsetzung des kulturellen Niveaus und die soziale Desorganisation der Juden — missglückt. Trotz der Fernhaltung der Juden von den allgemeinen Schulen und der Unterdrückung der jüdischen Schulen, ist es der russischen Regierung nicht gelungen, innerhalb der letzten 20 Jahre, das Kulturniveau der Juden herabzudrücken. Die tausendjährige Kulturentwickelung hat in unserem jüdischen Volke eine mächtige Wirkung und einen zähen Willen zurückgelassen. Der Bildungsdrang der russischen Juden ist unverwüstlich, und die jüdischen Eltern lassen ihren Kindern bei Privatlehrern und in geheimen Schulen Unterricht erteilen, selbst auf die Gefahr hin, sich der Verfolgung und Bestrafung auszusetzen. Die Fernhaltung der Juden vom öffentlichen Leben, vom Staats- und Kommunaldienst, das Verbot der jüdischen Gern ein deorganisation, der Wohltätigkeitsgesellschaften und der Genossenschaften, haben geheime Organisationen ins Leben gerufen. Trotz dieser Ausnahmegesetze leben in unserem Volke die gesellschaftlichen Triebe und Bestrebungen weiter fort und erfüllen ihre kulturellen Aufgaben nach bestmöglicher Art. Dank ihren Organisationen können die Juden jederzeit sich dem Kulturleben in Russland selbst, sobald es möglich wird, wie auch in allen Ländern, wohin sie auswandern, sofort anschliessen; man sieht es in Amerika. Und als der Gross-Inquisitor Pobjedonoszew und der selbstherrliche Plewe eingesehen hatten, dass das jüdische Volk noch nicht endgültig erdrückt sei, dass es noch Anstrengungen mache, sich von der Knechtschaft loszureissen und nach Möglichkeit die freiheitliche Bewegung des ganzen Landes unterstütze, beschlossen sie ein neues Mittel zu verwenden, ein Blutbad einzurichten. Der erste Versuch wurde vor drei Jahren in Kischinew und in Hornel gemacht. Einerseits wollte Plewe die Juden selbst terrorisieren, andererseits wollte er durch die jüdischen Blutströme auch die russische Intelligenz einschüchtern. Der Anhänger und Nachfolger Plewes beschloss die Massakers in grösserem Umfange zu wiederholen. Er vervollständigte die Methoden der Pogrome, bestimmte genauer die aktive Rolle der Polizei und des Militärs bei den Pogromen, organisierte und bewaffnete überall die Mörderbanden unter dem offiziellen Namen der „echt russischen Männer" mit Polizeichefs an der Spitze. Die ersten Metzeleien vollbrachte Trepow im Sommer 1905 im taurichen Gouvernement, welches sein Bruder regierte, in den Städten Meletopel, Kerscht, Theodosia und Jalta. Als die freiheitlche Bewegung sich über ganz Russland gewaltig verbreitete, überschwemmte er im Oktober den ganzen Ansiedlungsrayon mit Strömen jüdischen Bluts. Jetzt ist wieder ein kritischer Moment in der Geschichte Russlands eingetreten und die unverantwortliche Kamarilla will wieder mit Hilfe des Polizeidepartements und der demoralisierten Beamten eine neue Abschlachtung der Juden und der ganzen nach Freiheit lechzenden Bürgerschaft Russlands organisieren. Ich spreche hier als Jude, würden Vertreter der anderen unterdrückten Nationen auch hier sein, sie würden ihnen dasselbe Bild entwerfen und der rechtgläubige Grossrusse würde ihnen zweifellos ähnliches von den Leiden der orthodoxen Freiheitskämpfer erzählen. Ich stehe hier vor ihnen als ein Augenzeuge des schrecklichen Märtyrerlebens des ganzen jüdischen Volkes in Russland, als Zeuge des Märtyrertodes vieler Tausender von Männern, Frauen und Kindern. Ich erinnere mich hier des grossartigen Bildes des russischen Schriftstellers Gogel, der in seiner Erzählung „Taras Bulba" den Tod des Freiheitskämpfers Ostap schildert. Als die Henker ihm auf dem Marktplatze inmitten einer grossen kaltblütigen Volksmenge die Glieder zerbrachen, den Körper mit den glühenden Eisen brannten, schrie er unter unmenschlichen Qualen und Stöhnen plötzlich auf: „Hörst Du es, Väterchen." Und aus der Menge heraus mit mächtiger Stimme antwortete ihm sein Vater, der alte Taras Bulba „Ich höre mein Sohn, ich höre es." Das ganze jüdische Volk in Russland quält sich jetzt und stöhnt unter den Händen der grausamen Henker und von seinem Golgatha hinab wendet sich das Volk der Märtyrer mit der ewigen Frage, hört Ihr mich, Menschenbrüder, Brüder in Gott? Und wenn Ihr es vernehmt so antwortet uns, gebt Trost den Sterbenden und Hoffnung den noch Lebenden. Antwortet und sagt uns, dass in den Städten von Europa keine teilnahmslose, stumpfe Menge lebt, die den Henkern applaudiert, sondern Menschenbrüder wohnen, Kinder eines Schöpfers, Teile einer einigen Menschheit.

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