Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 371 - 372

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Ein Frühling
Date
1906-05-01
Page
Seite 371 - 372 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583949-2593515--06203-2593622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

371 Schalom Asch: Ein Frühling. 372 ein Strahl ihres jungfräulich leuchtenden Körpers. Und ein Tiegen von Licht umfliesst so Feld wie Stadt und Meere. . . . Aber dunkel wirds. Und ein Schatten streift über die Welt. Tiefe Stille . . . Und wieder schickt die Sonne durch den Wolkenspalt ihr Licht. Und Heutiger Gruss nimmt ihr zurück aus allen Fenstern und allen Wassern. . . Und die Blumen öffnen ihre Blütenhäupter. Und in .Tugendgeist und Lenzeskraft haucht ihr Dutt über die Weite der Welt. . . Du armes Herz! In deinen Träumen werden die Grüfte wieder wach. Und aus verharschten Wunden rieselt das Blut aufs neue. Ein Held möchtest du sein. Und Himmel und Erde sollten dir gehören. Aut die Bergesriesen will es dich treiben. Meere willst du in deinen Händen halten. Und schreien mit solcher Kraft, dass des Meeres Wellen ihr Haupt gegen die Himmel schlagen. Und an den Felsenriesen sich zu tausend Bächen schäumend brechen. . . Ich bin ein Kind des Herbstes. In einer Herbstnacht sass meine Mutter an meiner Wiege und erzählte mir Herbstgeschichten zum Schlafe. Der Ahn sass — flackernde Kiehnspähne auf dem Ofen — und las ein Buch. Und draussen weinte der AVinci und stemmte sich gegen die Zweige. Und wrilde Scharen verjagter Seelen liefen an unserem Fenster vorbei, ans der Hölle getrieben, wandernd von einem Ende der Welt zum andern, stürmten sie dahin, die Haare sich raufend. . . . Ich bin ein Kind des Herbstes. An den Himmeln über meinem Heimatlande hängt es wie ewiger Schnee und ist, als wären es weisse Kinderkörper, von grauen Nebeln umwallt. . . Die Sonne zerreisst die matten Schatten in der grauen, feuchten Luft, die nieine Heimat umwebt. . . . Die Felder meiner Heimat lachen nicht dem Licht und den spiegelnden, glitzernden Sonnenfleckchen entgegen. Mattgrüne AViesen, nur hier und da von hohen Eichen überdacht, beschattet von weinenden Weiden, strecken sich weit hin. Und darüber ziehen sich graue Streifen weidender Lämmerherden. Und hinter dem Hügel heiklingt des Hirten Flöte, matt und weinend wie die Landschaft vor seinen Blicken. . . . Ich bin ein Kind des Herbstes . . . In meinem Herz hallt nicht der Siegessang sonnenumwobener Sommerfelder, Trüb' ist mein Auge. . . Vom Felde herübergeweht, vom Walde hergerauscht klingen Herbstlieder von meinem ATaterland. Ich bin verwaist in der weiten Welt. Ein AVaisenkind von uralten Geschlechtern her. Und in mir weint eine verwaiste AVeit, ein verwaister Gott. . . Ein Fremder bist du mir, Lenz! Was singst du mir noch ins Herz! Was willst du mir ineine starren Glieder wärmen und mich mit Sonnenlicht umgiessen. . . Leichen decken noch die Felder meines Heimatlandes, und alle Knospen sind noch fest geschlossen. Noch duftet nicht die Heimatluft von Maienglöckchen und Veilchen. . . AVund ist das Heimatland, und eisig rauschen darüber her die Flügel des Todes. Ich bin ein Kind des Herbstes . . . Ihr Sonnenstrahlen, senktet ihr euch nieder auf meine herbstliche Harfe, dann kann ich euch nur ein Lied singen von Regen und Sturm. . . . All die Tag steh ich am Ufer und blicke in die Fluten. AVas willst du mir, flüchtige AVelle, künden vom Heimatland? Blühen schon dorten die Bäume auf dem Friedhof und sprossen schon gelbe Wiesenblumen auf verborgenen Gräbern? Und singt schon ein Vöglein das Kaddischgebet am Grab des Armen? . . . Oder krächzt die Krähe noch zwischen den Gräberreihen?! . . * .,. :!: ARTHUR SCHNITZLER. Von Victor Klemperer. Nachdruck verboten. .Wir spielen immer, wer es weiss, ist klug". Der Vers ist dem Kinakter ..Paracelsus" entnommen, vor dem er zugleich als Motto steht. Ich denke, man wird eben diese Worte auch einmal vor Schnitzlers sämtliche AVerke setzen können. Das darf wohl jetzt schon gesagt werden; denn ob auch noch manche Gabe von ihm zu erwarten ist, so wird er doch kaum noch seine Tonart ändern und seine Grenzen überschreiten. A'öllig abgeschlossen und einheitlich ist das Charakterbild, das sich aus Schnitzlers Schöpfungen ergibt. 'Paracelsus, der grosse Arzt und Naturkenner, ist nach langen Wanderfahrten für kurze Zeit in seine Heimatstadt Basel zurückgekehrt. Der ehrenfeste selbstgewis.se Goldschmied, der .lustinen, die .lugend - liebe des .Paracelsus. zur Frau hat, belustigt sich auf dem Marktplatz an den magnetischen und hypnotischen Wunderkünsten des ..Gauklers" und schleppt ihn dann, halb aus gutmütiger Neugier, halb aus täppisch stolzer Eitelkeit, in sein bürgerlich behäbiges Haus. Hier kommt es rasch zum Streit zwischen dem armen Weisen und der gewichtigen Beschränktheit des Meisters. Ich hab' es weit gebracht: ich bin im sicheren Besitz, Deine Geliebte ist mein 'Weib geworden — und Du bist ein fahrender Spieler, dessen Künste nur auf dem Markt ausführbar sind, in einem ehrlichen Hause aber versagen! So etwa brüstet sich der Meister; da nimmt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.