Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Ibsen und das Judentum
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 355 - 356 (sequence 2)
- Language
- German
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355 Mathias Acher, Wien: Ibsen und das Judentum. 356 in einem Briefe an Georg Brandes über die -luden geäussert hat. Nicht als ob eine solche Briefstelle ersetzen könnte, was etwa in den Werken des Dichters fehlt. Vielmehr wegen der wertvollen Schlüsseldienste, die sie den forschenden Blicken zu leisten vermag. Der Ausspruch lautet: „Der Staat ist der Fluch des Individuums. Womit ist Preussens Stärke als Staat erkauft? Mit. dem Aufgehen der Individuen in den politischen und geographischen Begriff. Der Kellner ist der beste Soldat. Und auf der anderen Seite das Volk der Juden, der Adel des Menschengeschlechtes. Wodurch hat es sich in der Absonderung der Poesie erhalten, trotz aller Roheit von aussen? Dadurch, dass es sich nicht mit einem Staat herumzuschleppen brauchte. Wäre es in Palästina geblieben, so wäre es schon längst in seiner Konstruktion untergegangen, wie alle anderen Völker. Der Staat muss. weg . . Natürlich fällt es mir nicht bei, aus diesen Sätzen liier irgend welche Schlüsse auf die gegenwärtige jüdische Politik zu ziehen. Von nichts soll hier weniger die Rede sein als von Politik; es geht hier überhaupt nicht um die Konsequenzen, sondern um das innerste Wesen der geäusserten Anschauung. Dieses ist aber nicht durch die Staatsgegnerschaft, sondern durch den Individualismus gegeben. Nicht, weil die Juden keinen Staat haben, sind sie Individualisten und damit der Adel des Menschengeschlechtes geworden, sondern, weil sie von Haus aus individualistisch, d. h. adelig veranlagt waren, sind sie — nach Ibsen — staatslos geworden. Als individualistischestes Volk empfindet und rühmt er sie. Und als solches inuss er sie vor Augen gehabt haben, als er seine Werke, diese gewaltigen Apotheosen des Individualismus, schuf. Man darf sich den Individualismus Ibsens nicht wie den irgend eines überschnappten Kaffeehausliteraten, nicht als die Laune eines gegen seine Gemeinschaft wütend gewordenen Atomes vorstellen. Ibsen verliert keinen Augenblick die Fühlung mit der Gesamtheit. Im Gegenteil. Wenn man recht hinsieht, so merkt man, wie sich aller Ibsenscher Individualismus auf dem Boden grosser Menschheitsgedanken entwickelt, von ihnen Farbe und Richtung empfängt. Die ganze Entwickelungsgeschichte Ibsens ist von dem gewaltigen Widerstreit zwischen dem Wollen und dem Sollen bestimmt, ihr erster Teil ganz von diesem Widerstreit ausgefüllt. Da irrt noch sein individualistischer Drang suchend von der einen zur anderen Seite und zurück. In „Kaiser und Galiläer" verrät er sich selber als Julian. Wollen ist Eigenleben, Sollen isr fremde Vorschrift — wie kann es anders sein? Das Heidentum will, das Christentum soll. Daher: „O, dieses griechische Glück, sich frei zu fühlen" und die „unerbittliche Forderung" des Gottmenschen. Und doch ist wieder dieser, das Soll, etwas, wovon man „niemals mehr ganz loskommt,11 weil es ein Teil von uns geworden ist, ein Sollen, das man will, weil man es wollen muss. Wenn es gelänge, dieses gesollte Wollen und Müssen mit, jenem ursprünglichen Wollen und Wolleiimüssen des Heidenmenschen in ein Untrennbares zu verschmelzen! Wenn es gelänge! Wie es gelingen soll, wie diese neuen Menschen auszusehen haben, weiss Ibsen noch nicht. Er spricht nur die Ahnung aus, lässt sie vom Oberpriester Maximos als das „DritteReich" verkünden.*) *) Jn einer Schrift „Ibsens Drittes Reich" (Wien 1900) Vorlag; des wissenschaftlich literarischen Vereins ..Kosmos", schrieb ich Maximos eine ähnliche Aufgabe zu. wie sie der Chor im griechischen Drama hatte: „Wie dieser die nicht ausgesprochenen Empfindungen des Handelnden und die streng denkmässigen Urteile des Dichters zu Gehör bringt, so Es ist kein Zweifel, dass in diesem Ibsenschen Stadium der Kontrastierung von Heidentum und Christentum das letztere nichts anderes ist als ein Repräsentant und Ausläufer der vom Judentum inaugurierten Weltanschauung des Sollens, des über dem Leben Stehens. Jahrhunderte lang hatte sich das .Judentum der An- und Eingriffe des Griechentums zu erwehren. Es schlug sie ab, und schliesslich ging es hin und nahm als Christentum gründliche Revanche. Und da sollte, was Ibsen vom Christentum sagt, nicht auch vom Judentum gesagt sein? Es sollte vom Judentum, — wo bodenständig ist, was im hellenischen Christen ein Treibhausgewächs darstellt — nicht doppelt gültig sein? Man sollte nicht jüdisch statt christlich setzen und sagen dürfen, dass Ibsen zwischen heisser Sehnsucht nach griechischer Lebenslust und einein tiefen Bedürfnis nach jüdischer Lebensregelung hin- und herschwankte, bis ihn die Ahnung der Synthese aus Judentum und Griechentum, aus einem Leben, wie man soll, und einem Leben, wie man will, erfasste, und das grosse prophetische G esicht vom „dritten Reiche'1 vor sein geistiges Auge stellte? Freilich, Ibsen blieb nicht bei der Ahnung des dritten Reiches stehen. Es liess ihm keine Ruhe, bis er eindrang und seinem individualistischen Wunsche eine neue Erfüllung fand. Der Gegensatz zwischen Heidentum und Christentum trat zurück und gewann nur noch in den beiden Hauptpersonen „Rosmersholms" eine grossartige Verkörperung, die aber andererseits doch schon von der neuen Ibsenschen Erkenntnis durchdrungen und durchleuchtet war. Allmählich, teilweise schon vor und in „Kaiser und Galiläer'1, hatte der Individualismus Ibsens den richtigen Feind und damit den richtigen Stützpunkt herausgefunden: die Masse. Von ihrer Schwere sah er das „griechiche Glück" erdrückt, und den einzelnen, der der Masse trotzte, sah er auch im Soll sich selbstherrlich erheben. Jetzt ward ihm eist der einzelne der Träger des Individualismus, der einzelne, der sich von der Masse abhebt, der Ausnahmsmensch. Und weiter schreitend, kam er zum höchsten Typus dieser Gattung von einzelnen, zu dem Einzelnen, der das dritte Reich in sich wahr zu machen veimag, der in Freiheit gut und in Güte frei ist, zum „Adelsmenschen". „Adelsmenschen" und „Adel des Menschengeschlechtes!" Fürwahr, wrenn irgendwo, so ist Ibsen hier leicht zu verstehen. Und Israel darf sich geschmeichelt fühlen, darf sich als einen „Kollectiv- ,.Einzelnen" erkennen. Aber es kommt doch aus dem Lager der Sollenden? Nicht so ganz! Nur im Gegensatze zum extremen Heidentum ist es eins mit seinem eigenen extremen Flügel, dem Christentum. Sonst sui generis, ein geschichtliches Ergebnis für sich! Ein Protest gegen das blinde Wollen des Heiden und das blinde Sollen des Christen! Ein Born der Lebenskraft sich und anderen, voll Dranges zur Macht, und voll Triebes zur Hingebung, voll Tätigkeit und voll Beispieles! Ein stiller und einsamer, mächtiger Arbeiter der Weltgeschichte! Ein Stück Zukunftsbürgschaft! Ein Volk, das sein Leben lebt . . . trotz alledem und alledem! Ein Ibsen-Volk! stellt jener eine folgenlose, vorübergehende Stimmung Ibsens, zugleich aber auch ein Gedankenergebnis des über seinen eigenen Julianzwiespalt hinauswachsenden Ibsen dar. Maximos legt Zeugnis davon ab, dass Ibsen sich Menschen denken kann, die nicht mehr von dem Gegensätze Sollen-Wollen gefoltert oder zermalmt werden. Ja, seine Worte verraten noch mehr: die instinktive Erkenntnis des Dichters, dass solche Einheitsmenschen nicht wild wachsen, wie Brombeeren an der Hecke, dass sie vielmehr ein geeignetes Erdreich, eine neue Gesellschaft voraussetzen — das „dritte Reich".