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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 339 - 340

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Das Opfer Noahs [Illustration]
Date
1906-05-01
Page
Seite 339 - 340 (sequence 1)
Language
German
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339 340 JOH. ANT. KOCH. STAEDELSCHES KUNST-INST. FRANKFURT A. M. Das Opfer Noahs. NOAH IN DER BILDENDEN KUNST. Von G. Kutna. Nachdruck verboten. Das grosse Drama der Flut und der Errettung Noahs hat in der Kunst mannigfache Darstellung gefunden, wenn auch nicht viele von freier, grosszügiger Schönheit. Das grause Verhängnis des Menschengeschlechts und die schauerlich beglückende Vorstellung von der Erwählung des einzig Gerechten kam wenig zum Ausdruck. In dem Geiste mittelalterlich-literarischer Symbolik verloren die Ereignisse die lebensvolle Eindringlichkeit, sie wurden zu einem neutralisierten, kalten Faktum, zur stummen Notwendigkeit, in weiter Distanz vom Leben — ein Bild, ein Gleichnis, ein Glaubenssatz. Alles schien unpersönlich im Willenstrieb, von gebundenem Gleichmass und lehrhaft begrenzter Bedeutung. Somit war der Spielraum für das Künstlerische gering, statt freien Wohllauts nur accentus ecclesiasticus. Die neuere und die moderne Kunst wurde nur wenig zur Gestaltung angeregt, die Einzelheiten der Erzählung boten zu wenig klares Raumgefüge und mittelpunktliche Aktion. Sie verhielt sich daher mehr illustrativ oder gab in Einzelszenen freier Phantasie die verdichtete Bildvorstellung eines diluvialen Menschheitsdramas. In der altchristlichen Zeit ist Noah das Bild des Gerechten, der vor dem Untergang gerettet wird, womit sowohl die verfolgte Gemeinde verbildlicht ist als auch die Auferstehung des Fleisches der gläubigen Seele, wie es das alte Sterbegebet ausdrückt: „Errette die Seele deines Knechts, wie Du Noah errettet hast aus der Sintflut". Das sind Gedanken, die im altchristlichen Leben eine grosse Rolle spielen, und so erscheint denn Noah in den Wandgemälden der Katacomben von der frühesten Zeit an, und ebenso auf den Reliefs der Sarcophage. Die Form ist von äusserster Einfalt und Unbeholfenheit. Noah steht in einem Kasten und streckt die Hand nach dem Oelzweig der herbeifliegenden Taube aus. Diese Form ist fast typisch; sie ist rein symbolisch. Nicht selten ist die Gestalt im Kasten ein Jüngling oder gar eine Frau, während eine immerhin mehr historische Fassung, wie auf dem Sarcophag aus Trier, wo Noah von seiner Familie und verschiedenen Tieren umgeben ist, zu den Ausnahmen gehört. Aber die naive Form ist voll poetischer Empfindung, sehnsüchtig und glaubensschön ist das friedliche Bild, in zitternder Kindeseinfalt ausgeprägt, und darum überzeugend und fast natürlich wie Kindeswort. Der Gläubige steht da und erblickt in seligem Harren den Friedensboten; alles ist ja Flut, die rauhe Welt voll Verderben und auf wankendem Boden nur der Gläubige fest. So erscheint das Symbol zwanglos, es hat noch nicht das schulmässig Gedankliche der späteren Zeit; aus dem Gefühl

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