Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Der Zionismus in Italien und anderswo
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 337 - 338 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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337 338 DER ZIONISMUS IN ITALIEN UND ANDERSWO. Von Cesare LombrOSO (Turin). Nachdruck verboten. Als ich zum erstenmal vom Zionismus reden hörte, empfand ich Lust zu lachen, und das Lächeln wich aucli nicht, als mir Dokumente vor Augen kamen, die jeden anderen klüger gemacht haben würden, so die schönen Artikel Nordaus und Herzls. Der erste Zweifel an der Richtigkeit meiner Ansicht kam mir auf der Fahrt zwischen Moskau und Warschau, auf jener Strecke, wo jede Station mit wahren Herden von armen Juden besäet ist, die um ihr Leben kämpfen und sich zu diesem Zwecke an das erste moderne Handelswerkzeug, die Eisenbahn, anklammern. In einem Waggon sprach ein junger polnischer Arzt, ein Jude, mich an, und nachdem er mich über meine Ansicht über den Zionismus befragt, nachdem er mein Lächeln gesehen hatte, verdüsterte sich sein Gesicht, als hätte man ihm eine Ohrfeige versetzt. „Sie haben nicht die Tausende und Tausende von Opfern gesehen, die vergeblich um ihr Leben kämpfen, die weder ein Vaterland noch Güter besitzen, noch Mittel, um sich solche zu verschaffen, deren Verbrechen der Glaube ist", antwortete er mir. Ich drückte dem jungen Juden die Hand. „Ich bin gewohnt, alle Meinungen zu achten, wenn sie edel sind", sagte ich. „Ich achte auch die Ihrige, wenn ich sie auch noch nicht teile, aber ich werde später darüber nachdenken." Und richtig vor einigen Tagen legte mir ein junger jüdischer Propagandist Dokumente vor, die beweisen, dass das, was mir als ein Märchen für Fanatiker erschien, bereits einen schönen Anfang zur Ausführung gemacht habe, dass die Hauptschwierigkeit, nämlich Leute zu finden, die an landwirtschaftliche Arbeit gewöhnt sind und sich daher an sie anbequemen, sehr vernünftig überwunden wurde, indem man junge Leute zu diesem Zwecke erzieht, dass endlich jene Kolonien nach den modernsten Methoden entstanden sind. Die starke und frühreife Kultur jener Kolonien verheisst reiche Früchte, und die Erziehung ist dort in einer Weise eingerichtet, dass die landwirtschaftliche Arbeit nicht die literarische und wissenschaftliche ausschliesst. So verspricht denn Zion das Beispiel einer neuen Bevölkerung zu bieten, die mit den alten Ueberlieferungen alle modernen Hilfsmittel vereinigt, der es gelingt, alle jene durch dio Jahrhunderte und das Unglück in der hebräischen Rasse entwickelten verborgenen Kräfte zusammenlaufen zu lassen. Jetzt, da ich die ganze Grösse meines Irrtums begriff, erklärte ich ihn mir leicht, wenn ich ihn auch nicht rechtfertigte. Die Bewohner Westeuropas, wenigstens die Frankreichs und Italiens, wo die Juden einen kleinen Bestandteil der Bevölkerung ausmachen, wo sie vollkommen alle bürgerlichen und politischen Rechte gemessen, wo sie keinen Antipathien begegnen noch "begegnen können, noch Ursache haben ihnen zu begegnen — vergessen die biblische Ueberlieferimg vollständig wie ein Kindermärchen und lassen die ganze politische Leidenschaft konvergieren, die die Hebräer stets im Blute haben, durch die sie eines der patriotischesten Völker der alten Welt wurden, durch die sie das Beispiel des ausserordentlichsten politischen Fanatismus geben, indem sie sich mit einer Hand voll Menschen zweimal gegen das römische Reich erhoben. So konvergieren sie, sagte ich, zugunsten des Landes, in dem sie leben, dem sie berühmte Märtyrer geben, für das sie die dopppelte Liebe des Neophyten und Patrioten empfinden. Aber haben jene, weil es ihnen gut geht und weil sie ein Vaterland gefunden haben, das Recht zu vergessen, dass sie Brüder besitzen, denen es schlecht geht, die kein Vaterland haben? Haben jene das Recht zu vergessen, wieviel Tausende, Millionen von Menschen dem Spott und Verfolgungen ausgesetzt sind, blos wegen der höchst edlen Tatsache, dass sie einen Glauben besitzen? Darf vergessen werden, dass der Zionismus für diese Vaterlandslosen eine Wiege, für alle eine Hoffnung und eine sichere Antwort für alle werden kann, die den Hebräer beschuldigen, dass er zu nichts taugt, als mittels Ränke und Wucher Geld zusammen zu scharren? Darum habe ich mich überzeugt, dass ich mich auch in einem Irrtum befand, als ich die Ideen des Zionismus verspottete. Wenn sie in der jetzigen Weise von hervorragenden Männern weitergeleitet werden, so verheissen sie, dass wir ein neues, glückliches, an Geist und Energie mächtiges Volk hervorgehen sehen werden, das vom alten nichts haben wird, als die Ueberlieferung, die Klugheit und den Scharfsinn.