Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Zum Artikel über Fritz Mauthner
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 327 - 328 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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327 Zum Artikel über Fritz Mauthner. 328 Sonst würde er gewiss gefunden haben, was auf der Hand liegt: dass eine jüdische Zeitschrift in der Regel einfach keine Veranlassung hat, sich mit dem zu beschäftigen, der das Judentum verlassen hat. Sie triebe Falschmünzerei, wollte sie nicht den Austritt erwähnen und erwähnte sie ihn, so würde der Leser fragen, Avas geht der Mann dich an? Die Einladung zur Lektüre des Eomans „Der neue Ahasver" wird uns durch die Bemerkung nicht verlockend gemacht, dass Herr Mauthner dort seine Stellung zum Antisemitismus deutlich und klar genommen hat. Der „aethnologische Jude" Mauthner und der Freidenker Mauthner können hierüber nichts Neues sagen, es müsste denn falsch sein. Da aber Mauthner zu geistvoll ist, um nicht Original zu sein, so sind wir sicher, dass er in der Frage des Antisemitismus nur an der schlichten Wahrheit vorbeigegangen ist. Zu dem übrigen Teil des Mauthner'schen Briefes müssen wir bemerken, dass es uns sehr bedauerlich erscheint, dass es noch immer Leute gibt, die glauben, es handle sich beim Austritt aus dem Judentum und Uebertritt zum Christentum ausschliesslich um religiöse Fragen. Das Judentum ist doch nicht nur der Begriff einer Glaubensgemeinschaft; es bedeutet vielmehr den inneren Zusammenhang einer durch Geschichte und Cultur im Volksleben sich hervorhebenden Familie. Wenn diese Familie, also die jüdische Gemeinschaft keinerlei Anfeindung und Entrechtung zu erdulden hätte, dann wäre die Anschauung begreiflich, für die ein Austritt aus dem. Judentum nur eine Frage des Geschmackes, des religiösen Taktes und weniger von Belang ist. Die jüdische Gemeinschaft wird aber bekämpft und an Körper und Seele blutig geschlagen, und somit wird das Verbleiben darin zur Etirensache. Dies ist die Auffassung des Herrn Einsenders, der übrigens ebenso ungläubig ist wie Herr Mauthner, und diese Auffassung ist auch die unsere. Für uns hat sogar der Austritt weit mehr Bedeutung als der Uebertritt zu irgend einer Religionsgemeinschaft. Da die Zugehörigkeit zu der jüdischen Gemeinschaft nicht unbedingt zu einem Glaubensbekenntnis oder einer Religionsübung verpflichtet, so ist es irrig zu glauben, man müsse aus ihr austreten, weil man freidenkend sei. Dieser Irrtum ist tatsächlich nur sehr selten der Grund, vielmehr ist der Grund darin gelegen, dass man als Jude Unbequemes zu empfinden bekommt, kurz dass man eben Jude ist. Dann ist aber der Austritt eine Flucht, und gerade darum wird er zur Fahnenflucht. Weniger von praktischer Bedeutung, wenn auch tief beschämend, ist es für uns, wenn zugleich ein Uebertritt zum Christentum erfolgt. Hier liegt offenbar moralische Wurzelfäule vor; denn zu der Feigheit und Gesinnungslosigkeit kommt noch die Beleidigung des Christentums. Wenn man auch zu einer „toleranten" Anschauung neigt und den Austritt als solchen immerhin erklärlich linden will, weil Stammesgefühl und Heimatsgefühl im Judentum für den betreifenden nun einmal nicht mehr vorhanden sind, so vermag alles Deuteln und Tolerieren nichts an der Tatsache zu ändern, dass es verächtlich ist, mit einem Bekenntnis der Gesinnung Schacher zu treiben. Wenn der Herr Oberlehrer oder Ministerialratsaspirant zum Christentum übertritt, weil es für ihn die lukrativere Religion ist, so besudelt er das Judentum durch seine Perfidie und das Christentum durch Falschmünzerei. Wie sehr diese Täuflinge von christlicher Seite auch verachtet werden, so ist es doch in hohem Masse erstaunlich, dass das Christentum diesen Elementen überhaupt Zutritt gewährt. Es ist ein trauriges Zeichen unserer Zeit, dass man einem Lehrer die Kinder nicht anvertrauen mag, weil er Jude ist, dass man sie ihm aber allsogleich anvertraut, wenn dieser Jude charakterlos genug ist, sich taufen zu lassen. Das hat man nun vielfach eingesehen, die Sache war zu peinlich, die Erbärmlichkeit zu gross. Und so kam man auf einen anderen Ausweg: man lässt sich nicht selber taufen, aber die Kinder, recht zeitig, recht liebevoll. Und alles ist gut: Feigheit nennt sich Liebe, und die Jjüge wird zur Verheissung. Statt den Kindern die Kraft zu geben, das zu scheinen, was sie eben sind, diese elementare Bedingung für alle Charakterbildung, begibt man sich mit Ihnen auf Schleichwege und treibt gemeine Schmuggelei. Dass diese Kinder sich dann beeilen, antisemitisch zu werden, zeigt, dass sie ihrer Eltern würdig sind und dass wir aus Reinlichkeitsgründen mit diesem Abfall einverstanden sein können.