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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. [Seite]

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Date
1906-05-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. lieft 5/6. Mai/Juni 1906. VI. Jahrg. VOLKSWOHLFAHRT UND VOLKSERZIEHUNO. Nachdruck verboten. Betrachtet man das weite und feingesponnene Netz von Schulen und sonstigen Erziehungs¬ und Unterrichtsanstalten, das die Alliance Israelite Universelle von Sofia bis an den Persischen Meerbusen, von der Nordwestküste Afrikas bis nahe an das Kaspische Meer über die verstreuten jüdischen Gemeinden gebreitet hat, so könnte man die Ansicht gewinnen, dass die Elementarschule ihr letzter Zweck, ihr eigenstes Ziel sei. Das ist aber nicht so. Die Schule ist in ihrer Hand nur ein Mittel, ja, nur eines der Mittel, vdie Volkswohlfahrt der Juden zu fördern. Diese, die Volkswohlfahrt, ist der Verfassung und dem Geist der Alliance nach ihr letztes Ziel, und um dieses zu erreichen, gibt es kein anderes Mittel, als die Volkserziehung in grossem Massstab zu betreiben. Und darauf waren denn auch von Anbeginn die Bestrebungen der Alliance berechnet. Sie war bemüht, die jüdische Bevölkerung der Levante, Nordafrikas und auch gewisser orientalischer und halborientalischer Länder Europas auf ein höheres intellektuelles und wirtschaftliches Niveau zu bringen, ihr bei dem Kampf um die möglichen und erreichbaren politischen und sozialen Freiheiten beizustehen, ihr Mittel zur Verteidigung wider Verleumdungen und Herabsetzungen zu gewähren. Und auch die herbsten und neidvollsten Gegner der Alliance werden ihr das schöne Zeugnis nicht versagen, dass sie auf diesem Gebiet viel, sehr viel erreicht hat Wer unbefangen die gegenwärtigen Verhältnisse der Juden in den Ländern, wo von der Alliance ihnen Hilfe gebracht wird, mit den Verhältnissen vergleicht, die daselbst vor vierzig Jahren geherrscht haben, oder mit den Verhältnissen in jenen Ländern, wohin die Tätigkeit der Alliance nicht gedrungen ist, — der wird den Wert und den wohltätigen Einfluss dieser grossen Organisation zu schätzen wissen. Die Erweckung der Liebe zur Arbeit, des Strebens nach höheren geistigen Gütern, die Hebung des Selbstbewusstseins, der geistigen Regsamkeit, des Vertrauens in die Zukunft, der erwachende Gemeinsinn, das Verständnis für europäische Kultur, — all das, was noch vor etwa einem halben Jahrhundert in jenen Gegenden unter unseren Glaubensgenossen beinahe etwas unerhörtes war, ist das Werk, das wir der unermüdlichen Arbeit der Alliance verdanken. Denkt man sich diese Arbeit hinweg, so braucht man nur jene gewissen jüdischen Kreise z. B. im Heilgen Lande zu betrachten, die feindselig dem kulturellen Einfluss der Alliance gegenüberstehen, um ein Bild von der Lage der Juden des Orients zu gewinnen. Aber auch dieses Bild ist nur annähernd richtig. Denn jene Kreise sind, gegen ihren Willen und trotz ihrer starren Abwehr von dem allgemeinen Hauch der Zivilisation, den die Alliance in jenen Ländern verbreitet, durchaus nicht unberührt geblieben, und haben sich sozusagen unbewusst zu ihrem Vorteil verändert. In der geistigen Welt gilt nämlich der Grundsatz, dass die Gesundheit ansteckend wirkt! 1*

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