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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 279 - 280

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Fritz Mauthner
Date
1906-04-01
Page
Seite 279 - 280 (sequence 2)
Language
German
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279 Dr. Max Adler: Fritz Mauthner. 28.0 Abschied nahm. Er war zu kritisch für einen Kritiker. Sein Blick blieb nicht haften an der Oberfläche der Erscheinungen, an welcher die Fragen des Theaters liegen, sondern drang tiefer, bis auf den Kern sozialer, ethischer, erkenntnis theoretischer Probleme. Und so war er auch einer der Wenigen, die sich nicht damit begnügten, ihre Kritiken zu Spiegelbildern des eigenen Ich zu machen, sondern die mit der fast undurchführbaren Aufgabe rangen, kaum geborene Ereignisse sofort im Bilde einer ganzen Weltanschauung unterzuordnen. So ist Fritz Mauthuer zwar ein ganzer Kritiker, aber der Kritiker in ihm ist noch lange nicht der ganze Mauthner, und in einen grösseren Rahmen muss man sein Bild spannen, wenn die ganze Persönlichkeit darin Platz finden soll: in den Rahmen des kritischen Philosophen. Seine „Beiträge zu einer Kritik der Sprache" sind, was man auch dagegen sagen mag, ein unbedingtes Zeugnis für diesen philosophischen Kritizismus; und die gehässigen Angriffe, die das Buch erfahren hat, beweisen nicht viel mehr, als dass die Zünftlerherrschaft nirgends so zu Mause ist, wie in der amtlichen deutschen Wissenschaft. Aber, was die Persönlichkeit Mauthhers so besonders liebenswert macht, das ist die unfehlbare Sicherheit, mit der er die Begriffe ihrer pomphaften phraseologischen Umhüllungen entkleidet und die spöttische Ruhe, mit der er konstatiert, wie klein und gering der Kern an Wahrheit und Wirklichkeit in ihnen ist. Keine Aufregung, keine Entrüstung! Er lässt den Menschen ihr kindliches Spiel mit grossen Worten und - „lächelt, wie ein Dalai Lama lächeln muss, wenn er schreien möchte vor Lachen." Die „Totengespräche" aber, sein neuestes Werk, muss man lesen, wenn man diese Fähigkeif beobachten will. Ein kleines Buch von nicht viel mehr als hundert Seiten und das doch mehr Philosophie enthält, als manche dickleibigen Pröfessorenbücher. Hier kann sich Mauthner, nicht mehr eingeschränkt durch die Grenzen eines bestimmten Gebietes, in seiner ganzen Vielgestaltigkeit entfalten und nach Herzenslust seinen Spott ergiessen über Welt und Leben, über Menschen und Dinge. In bunter Reihe führt er sie gegen einander, die toten Lebenden und die lebenden Toten und gar mancher, der unserer Gegenwart wie ein Riese erscheint, wird zum Zwerge, sobald er neben den Riesen der Vergangenheit steht ... die Lebenden sterben und die Toten erwachen. Jeder Einzelne dieser Unsterblichen ist trefflich charakterisiert und dennoch steht über dem Ganzen die Persönlichkeit des Dichters (denn eine Dichtung ist dieses Werk schon wegen der Schönheit seiner Sprache) und ein ganzes Weltenbild sehen wir in der Beleuchtung seines Geistes vor uns liegen . . . Wo ist das Genie, das das Entstehen eines grossen Intellektes belauschen kann? Wer möchte sich getrauen, all die unzählbaren Faktoren zu nennen, die sein Wachsen beeinflussen und seine Richtung bestimmen? Aber dass unter all diesen Einflüssen, die das Schaffen Mauthners befruchten, das jüdische Element von fundamentaler Bedeutung ist, wird niemand bestreiten können. Die kritische Begabung ist ja an sich schon eine spezifisch jüdische, wenn freilich sie auch bei vielen unserer jüdischen Kritiker durch den modernen Zusatz an Dekadenz und Übermenschentum viel von ihrer ursprünglichen Klarheit und Reinheit verloren hat. Ganz anders bei Mauthner. Ihm hat sich diese Begabung nicht nur in all ihrer Lauterkeit erhalten, sondern sie verdichtete sich bei ihm, wie wir zu zeigen versuchten, zur philosophischen Weltbetrachtung. Gerade dadurch aber kam etwas Mildes, wir möchten sagen: etwas Patriarchalisches in seine Schreibweise: Fritz Mauthner lernte zu lächeln. Er lächelte wie die alten Weisen lächelten, er lächelte wie ein Dalai Lama lächeln muss . . . UNTERWEGS. Von M. Gorodezky. Aus dem Russischen übertragen von Dr. S. Rubinstein. Nachdruckverboten. Mein Kutscher, ein jüdischer, noch ziemlich junger Mann, trieb lässig die Pferde an. Zeitweise wurde er lebhafter und drohte seinen mageren Kösslein mit der abgebrauchten Peitsche. Dann Hess er wieder seinen Kopf tief sinken und summte so leise vor sich he]-, dass man nicht recht unterscheiden konnte, ob er eine traurige Melodie oder Bruchstücke aus Psalmen in seinen Bart murmelte. Es war fast Abend. Der Himmel war ganz bedeckt; immer neue "Wölkemnassen lagerten sich dicht aneinander. -Ein frischer Wind wehte recht heftig. Die Bäume im Walde wogten und rauschten. Aus der Ferne hörte man Gewitterrollen. „Wie es scheint, werden wir Regen bekommen", wandte ich mich an meinen 'Rosselenker, „die Wolken sammeln sich immer dichter" ..... „Wenn es Gottes Wille sein wird, werden wir Regen bekommen, wennes sein Wille nicht ist, werden wir keinen Regen haben. Wolken .... was sind Wolken! Sie kommen ja auch von Gott. Denn er hat doch die Schlüssel zu allein.'1 „Ohne Wolken, denke ich. dürfte es wohl schwerlich Regen geben." „Das sagen Sie so. . .Haben sie etwas niemals gesehen, dass die Sonne scheint, so hell, so hell, dass der Himmel ganz klar ist — und der Hegen kümmert sich nicht im geringsten darum und fliesst in Strömen! Weit, weit, hoch oben, ist, irgendwo ein kleines Wölkchen' — und der Regen ist da. Sie wissen nicht einmal, woher er kommt. Und es regnet doch. Man wird wohl weder sie noch befragen, wann der .Regen kommen soll und wann nicht"..... Mein Wagenlenker erwies sich gesprächiger, als ich es vermutet hatte. .Kr sprach deutlich, verständig, in Absätzen, als oh er passende Ausdrücke und Worte suchte. „Wieviel verdienst Du im Monat?" fragte ich ihn. „Wieviel?" . . . . Der Jude dachte nach —

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