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Ost und West · 1906-02-01 · Heft 2 (Februar 1906) · p. Seite 131 - 132

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 2 (Februar 1906)
Article
Das sind deine Götter!
Date
1906-02-01
Page
Seite 131 - 132 (sequence 2)
Language
German
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131 Victor Klemperer: Das sind deine Götter. 132 AVollberg (entsetzt): AVer ist der Schatten —ich keime ihn nicht. Herr. Höre nicht auf ihn! Der Schatten: Du kennst mich nicht? Auch meine Geschwister und Kindelnicht? So kommt doch alle, steht auf aus Euern Gräbern, dass er Ruch kennen lerne! Ist .Kaum* Mörder und kennt Euch nicht. AVollberg: Herrgott, höre nicht auf den Schatten — ich weiss nichts von ihm. Meine Hände sind rein von Blut. Ehrlich erworben ist mein Vermögen, und zu "Deiner Ehre will ich's nutzen. Der Herr: Wie willst Du mich denn ehren? Der Schatten: Hört Ihr mich nicht? Steigt doch herauf! Ks gilt hier Gericht zu halten. Er leugnet den Mord und hat ihn doch entfacht. Er hat die Hand besoldet, die Euch erwürgte, er hat das Schwert bezahlt, das Euch schlachtete. Er kennt die Allmacht des Goldes und leugnet den Mord. AVollberg: Ich werde wahnsinnig, Herr, Uber der J*eden des Fürchterlichen. Heisst. ihn doch schweigen, wenn ich Dir antworten soll. Der Herr: Ich kann ihn nicht schweigen heissen und all die andern nicht; denn sie kommen, um Klage zu führen und müssen Gerechtigkeit finden. Aber so sprich doch, ob Du nicht doch wohl schuldlos bist. (Das Zimmer hat sich mit blutigen Schatten gefüllt, Greisen, Männern, Weibern, Kindern.) 'Wollberg (aufstöhnend): Wer seid Ihr? Was hah1 ich Euch getan? Choi' der Schatten: Gemordet sind wir — und Du hast unsere Mörder bezahlt, und hei unsern Mördern hat Dein Gold Dir Zinsen getragen! Wollberg: Ich schwör' es bei Dir, Ewiger: Das hah1 ich nicht bedacht. Der Herl-: Und wo war Deine Seele, woran dachtest Du? Xur an das blinkende Gold? Der Schatten des Rabbi (fanatisch): ..Und machte ein gegossen Kalb. Und sie sprachen: das sind Deine Götter, Israel, die Dich aus Egyptenland geführet haben." AVollberg (ausser sich): Aber was spricht denn der AVahnwitzige? AVo hat er das krause Zeug zusammengelesen? —■ Ich sagte doch, am blossen Gehle lag mir nichts. So hört nur, höre doch Gott! Fhren hah' ich 'Dich wollen mit meinem Gold. Meine Tochter geh' ich dem adligsten Alaun, meinen Sohn lass ich alle AVissenschaft erlernen, dass er nicht unkundig aufwächst wie ich. Ein .Jüngling (mit gespaltenem Haupt): l'nser sind dreihundrt, die sehnten sich hinaus, dass sie lernen und schaffen könnten. Xun liegen wir unten. K in M ädchen (mit blutiger Brust): Dreissig Gespielinnen waren wir in einem Dorf. Wir hingen am Leben, hingen an unserm Volk. Und wären gute Arütter geworden. Xun liegen' wir unten. Wollberg (entsetzt abwehrend): Was hal>' ich mit Euch Fremden zu schatten? An meine Kinder lnusste ich denken. Der .Jüngling: Glaubst Du, von ihnen wird Kraft und Grösse ausströmen? AVir kennen sie, die gelehrten Söhne, die adligen Töchter solcher Väter. Wem hängen sie an als dem goldenen Kall) in hundert Formen? Und uns, die Zukunft, die Blüte hat man getötet! Wir waren die Unverbrauchten, wir strebten heraus, noch einzig im Dienst der Idee, im Dienste dieses einen Herrn, noch keinem goldenen Kalb anhängend wie Du und Deine Tochter und Dein Sohn und all Deinesgleichen — und uns hat man getötet, indessen Du von dem Blutgeld neue Geschmeide und Ohrenringe gewinnen konntest, Deinen Götzen grösser und herrlicher zu formen. Und nun feierst Du ihm Feste, Du und die Deinen, und während Ihr tanzet, modern wir und unsere Zukunft. Der Jt-ahlri: Herr Herr, richte ihn! Es steht geschrieben: ..Du sollst nicht töten", nnd er hat getötet. Wollberg (schluchzend): Kin Krankenhaus halr ich erbauen wollen und ein AVaisenheim! Mehrere Kinder: Er höhnt uns! Wollberg: Ich habe ja nicht an Euch gedacht. Der Kabbi: AVeil Du anderen Göttern gedient hast! Weswegen führtest Du Deinen Sohn der AVissenschaft zu, weswegen wolltest Du Deine Tochter dem adligsten Manne geben, weswegen gedachtest Du ein Krankenhaus zu erbauen und ein AVaisenheim? Woilberg: Ich wollte dem Herrn . . . (er schweigt zitternd.) Kabbi. Dem Götzen hast Du gedient, dem goldenen Kalb, nicht dem Herrn! — AVie strafte der Ewige jene Abtrünnigen? ..Gürte ein jeglicher sein Schwert a u f seine Le nden . . ." Der Herr (unterbrechend): Lasst ihn, Ihr Toten. Er wusste nicht, was er tat. .Auch ist er nur einer von vielen Schuldigen und Schuldigeren. Und was konnte er gross Schlimmes tun? AVohl, Euch half er ermorden. Aber Eure Zukunft, 'Hure Ideen? Kin Schatten: Mein JJruder lebt. Ein anderer: Mein'Vater entkam der Verfolgung. Ein Dritter und viele andere: Und mein Sohn meine Tochter . . . Der .Herr: Nun seht■Ihr! — Lasst ihn, vergebt ihm. (Die Schatten verschwinden: der Herr wendet sich zum Gehen.) Wollberg (krampfhaft): Herr, verlass' mich nicht also! Strafe mich •— ich kann Deine Güte nicht ertragen — das Blut der Ermordeten erstickt mich! — (Fr sinkt zurück. Es ist dunkel im Zimmer.) Frau Wollberg (fährt auf): Faul -..... hast Du. eben geröchelt? — Um Gotteswillen, Faul. — was ist? (Sie macht Licht; ihr Mann liegt starr von seinem alten Herzleiden niedergestreckt.) Paul —- Faul! (Sie wirft, sich weinend über ihn. — Xach einer Weile unter stetem Schluchzen): War das gerecht, mein Gott? Fromm ist er gewesen und gut. Ein Krankenhans wollte er bauen und ein Waisenheini! . . .

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