Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Sonnino
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 103 - 104 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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103 M. J. Schwarz: Sonnino. 104 Kabinetts, ist freilich nur ein Halbjude, da seine Mutter eine englische Protestantin war. Er wurde im Jahre 1849 in Alexandrien geboren und im Glauben seiner Mutter erzogen. Er ist also seiner Abstammung nach ein jüdisch - englischer Mischling, der Religion nach kein Jude, und es liegt sehr nahe, zu fragen: Was ist uns Sonnino? Warum beschäftigt sich die jüdische Presse mit ihm und rühmt sich seiner? Ein ganz anderes Gefühl erfüllt uns sonst ja gegen einen getauften Juden, selbst wenn er reinrassig ist, ein Gefühl des Schmerzes und der Beschämung. Ueber die Ehrung der Abtrünnigen pflegen wir uns nicht zu freuen; im Gegenteil: in den Ländern, in denen der treue Jude zurückgesetzt wird, ist die Hochstellung des Getauften eine Kränkung und Beleidigung für uns. Aber auch im Interesse der christlichen Völker dürfen wir eine Bevorzugung der Apostaten nicht billigen; denn sie setzen durch dieses Verhalten eine Prämie auf Untreue, Strebertum und Heuchelei. Sonnino ist jedoch frei von diesen Eigenschaften und verdient den Tadel nicht; denn er wurde als Sohn einer christlichen Mutter in seinen ersten Lebenstagen getauft. Italiens Gerechtigkeit und Sonninos Charakter bürgen dafür, dass er nie das Judentum verlassen hätte, wenn es ihm in der Kindheit nicht geraubt worden wäre. Aber nicht darum besitzt er unsere Sympathieen, sondern wir zählen ihn zu uns wie einen Stiefbruder, der uns in allen Stücken so ähnlich ist. Es scheint nämlich, dass er von der Mutter nur das Christentum erhalten hat, vom Vater aber das Blut, den jüdischen Typus. Ein Blick auf das Bild des Staatsmannes genügt, um zu erkennen, wie mächtig der Einschlag des jüdischen Elements in der körperlichen Organisation Sonninos vorherrscht, und wenn man aus den träumerisch dreinschauenden Augen und den fast melancholischen Zügen seines Gesichts auf den Charakter der Seele schliessen darf, wird man kaum den Spuren des englischen Blutes, dagegen einer deutlichen jüdischen Eigenartigkeit begegnen. Darum fühlen wir uns ihm stammverwandt, darum gehCrt er zu uns trotz alledem. Eine andere Frage ist freilich: was nützt er uns? Was nützen uns, dem Judentum, auch die Luzzatti und Ottolenghi? — Nichts. Sie dienen mit ihrer ganzen Fähigkeit und Kraft nur ihrem Vaterlande und dem italienischen Volke, das Judentum und das jüdische Volk haben von ihnen nichts zu erwarten. Infolgedessen sind auch uns ihre Personen gleichgiltig, uns bedeuten sie nur ein interessantes Phänomen. Vor fünfzig Jahren lebten die italienischen Juden noch in einem Ghetto, der Besuch der öffentlichen Schulen war ihnen verboten, sie besassen nicht grössere Rechte und Freiheiten als die heute in Rumänien lebenden Juden. Kaum aber drang der erste Strahl der neuen Zeit in ihre dumpfen Gassen, da begann der alte jüdische Geist sich zu regen und zu entfalten, und mit einer märchenhaften Geschwindigkeit rang er sich zu den höchsten Gipfeln der ihn umgebenden Kultur empor. Das ist das Interessante an Sonnino, Luzzatti, Ottolenghi u. a. Ihre Geschichte lehrt uns, welche geistige Kraft in den Juden latent ist und wie nutzbringend sie der Menschheit gewonnen werden kann, wenn man ihre Entwickelung nicht gewaltsam einzwängt. Und so bleibt diese Beobachtung nicht nur etwas Interessantes für uns, sondern.sie berechtigt uns gleichzeitig zur Freude und zum Selbstvertrauen; im Hinblick aut unsere Brüder in Italien dürfen wir in aller Bescheidenheit die Ueberzeugung hegen, dass das Judentum noch immer die Gabe besitzt für sich und die übrige Menschheit Grosses zu leisten, wenn man ihm gestattet, ein freies und gleichberechtigtes Glied unter den Völkern der Erde zu sein. pWZ Isfahaner Judenviertel (Dgübäre). Im Hofe eines jüdischen Hauses. (Aufgenommen von Hermann Burchardt.)