Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Graziadio Ascoli
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 85 - 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S5 Prof. Dr. A. Berliner: Graziadio Ascoli. S6 ausgezeichneten Geistesanlagen ausgestattete Knabe wandte sich bald hiervon ab und, indem er sein eigener Lehrer wurde, studierte er mit emsigem Fleisse vorzüglich die Sprache seiner Heimat, für die er in seinem 1 (>. Lebensjahre mit einer Arbeit auftrat, die allgemeines .Staunen erregte. Das Buch, welches eine vergleichende Studie über das Idiom im Friaul bildet und die Aehnlichkeit desselben mit der Sprache der "Wallachen nachweist, wurde geradezu als ein Meisterwerk bezeichnet, das in dem jungen Verfasser den fertigen Philologen vom Fach erkennen liess. Der Rektor nnd die Lehrer des Gymnasiums seiner Vaterstadt traten mit ihm in gelehrte Verbindung, welche ihn zugleich zum Studium alter und neuer Sprachen führte. Sein Ruf drang bald über seine Heimat 11 i n a u s; i i i AV i e n, w oh i n e j üft er kam, konnte er mit dem berühmten Orientalisten von H amin e i •- Pu i -gstal 1 verk eh m i , von dem er vielfach Anregung und Ermutigung für seine sprachvergleieheiulen Studien erhielt. Die Resultate derselben waren zunächst die 1854/55 erschienenen zwei "Bände ..Studii orientali e linguistici" und ..Studii comparativi di lingue Ariani" zu bezeichnen sind. Dann folgten in jedem Jahre neue Veröffentlichungen seiner sprachlichen Entdeckungen, wie man seine Studieji bezeichnete, in denen man überall, sein schöpferisches Talent wie seineeigenartigeErkenntnis für die phonetischen Erscheinungen in den Sprachlauten bewunderte. AscolisRuhm war begründet, auch im Auslände anerkannt, wo man durch Uebersetzungen seine "Werke kennen lernte und seine Forschungen in den Universitäten den betrettenden 'Vorlesungen zugrunde legte. Man überhäufte ihn von allen Seiten mit Auszeichnungen in verschiedenen Formen: aber am meisten sah sich Ascoli. belohnt durch die .Berufung als Professor au die Accademia di scienze e Jettere in Mailand, wo ein eigner Lehrstuhl für seine sprachvergleieheiulen Forschungen creirt wurde. Fr, der weder auf einem Gymnasium noch auf einer Universität den («rund zu seinem merkwürdigen "Werdegang gelegt hatte, sah sich jetzt als wissenschaftlicher Leiter einer zahlreichen Schülersrhar, die von nah nnd fern zu seinen epochemachenden Vorlesungen strömte. Im Alter von «JO Jahren trat er sein Lehramt, in Mailand an, und seit damals, seit .1.800. bis heute, mehr als vier Dezennien, haben Tausende seine Vorlesungen gehört oder seine zahlreichen "Werke studiert. Es "würde den karg zugemessenen Raum dieses Referats über¬ Senator Prof. Graziado (Elchanan Jesaja) Ascoli. steigen, wollte ich alle seine selbständigen Werke, seine Abhandlungen in dem eigens von ihm begründeten Journal für vergleichende Sprachwissenschaft wie seine Arbeiten in anderen Zeitschriften und Archiven auch nur einfach aufzählen. Ks sei daher nur auf einiges hieraus hingewiesen. Sein Werk ..Corsi di Glottologia" wurde von der Akademie in Rerlin mit dem Ropp-Preis gekrönt. ..Zigeunerisches" von ihm gab erst dein 'Werke Potts ..Die Zigeuner in Europa und Asien" die möglichste Vervollkommnung. Verschiedene Mundarten europäischer Sprachen fanden durch ihn eine spezielle wissenschaftliche "Behandlung. Seine ..Saggi ludiani" liefern wichtige Reitrüge zur indo-germanisdien Philologie. Nach seinem ..iSTesso Ario-Semitico- (1803—04) haben die bedeutendsten Sprachforscher Europas und Amerikas weiter gearbeitet und sich in den Ru I im gete i 11. A s co 1 i s Tl i eo i ä en zugrunde gelegt zu haben. Seine'.. Iscrizioni di antichi sepoleri gijdaici delXapolitano" ist die nähere Ausführung einesVoi-trages über die aufgefundenen jüdischen Inschriften in der Katakombe zu Vonosa, —den Ascoli auf dem Orienta- 1 A / lischen Kongress in Florenz ß M/ (1878) gehalten hat. leb hörte X mf zur Zeit diesen Vortrag aus / W dem Mmide dieses Gelehrten, fl der s(dion in seiner äusseren \ Erscheinung, mit dem Adlerblicke und dem jäh herabfal leuden Barte, einen iniponiej •enden Ei ndruck ge wäl lrt. Seit damals hatte ich mehrere Mal e Gelegenheit, auch die liebenswürdige Persönlichkeit Acsolis in der Unterhaltung kennen zu lernen und zu verehren. Seine Vaterstadt ehrte Ascoli durch die Benennung einer Strasse nach ihm. Italiens Gelehrtenwelt ehrte ihn durch, die Aufnahme als Ehrenmitglied in ihre Sozietäten. Sein König verlieh ihm Medaillen und Orden und berief ihn (1889) als Senator in seinen Rat. Unser Kaiser endlich verstand es, Ascolis Verdienste um die Wissenschaft mit der höchsten Auszeichnung, der nur wenige bisher gewürdigt worden sind, zu krönen. Wir aber wollen mit dein Worte Gottes an Jesaja (49.8) ausrufen: ..Siehe da. ein Israelit, durch den ich mich verherrliche". Acsoli. ist ein Jude im eminentesten Sinne dieses Wortes geblieben. AVie er in seiner 'Vaterstadt die Angelegenheiten der Gemeinde geleitet und ihre Interessen vertreten hat, so hat er auch während seiner ganzen Lauf balm als gelehrter Forscher es zur Ehre sich angerechnet, ein Jude zu sein, und zur Freude, als solcher zu fühlen und zu leben!