Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Zur Frage der jüdischen Massenwanderungen
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 75 - 76 (sequence 2)
- Language
- German
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75 Mathias Acher, Wien: Zur Frage der jüdischen Massen Wanderungen. 76 alles, was geschieht, so beschämend planlos, zersplittert, ohne Mittelpunkt! Darum dieses völlige Versagen gegenüber den Notwendigkeiten der Zeit! Nicht zum mindesten gegenüber dem Wandersturm, der gewaltige Gruppen unseres Volkes vor sich hertreibt! Speziell diesem gegenüber werden wir nicht eher zu wirksamen Massnahmen kommen, ehe wir nicht unsere Aufgabe reinlich bestimmt haben und sie, unbeirrt durch echte oder angebliche Ewigkeitsgedanken und Zukunftsaufgaben zu lösen suchen. Wir müssen uns klar werden, dass es sich hierbei nur darum handeln kann, die Hunderttausende, die sich plötzlich auf die Beine gemacht haben und noch machen werden, mit möglichst geringen Kosten, möglichst wenig Gefahren für die anderen Juden und für das Judentum möglichst rasch in möglichst leidliche Verhältnisse zu bringen. Gewiss sind nun die Rücksichten auf die nicht flüchtigen Juden, sowie auf die künftigen Schicksale der flüchtenden, endlich auf das Judentum als kulturelle Individualität sehr dehnbarer Natur. Aber es ist eben unsere Pflicht, sie nicht so weit zu dehnen, dass sie den Wirklichkeitsstoff; unserer Aufgabe ganz verdrängen. Sie dürfen nicht zu Forderungen werden, die diese Aufgabe erdrücken, statt sie nur zu bestimmen und noch besser herauszuarbeiten. Wir dürfen es uns nicht einfallen lassen, grosse geschichtliche und völkerrechtliche Probleme, die vielleicht an ganz anderen Stellen anzufassen sind, hier gleich bei Gelegenheit mitlösen zu wollen. Nur darauf haben wir zu achten, dass sich die allgemeine wirtschaftliche und kulturelle Lage der Juden nicht schlimmer gestalte als sie vor den Anlässen zu den Massenwanderungen war. Höchstens sollen wir es uns noch angelegen sein lassen, im Zuge unserer Spezialarbeit den Entwickelungsweg unseres Volkes, so gut es geht, freier zu legen, zu verbreitern, zu verschönern. Von diesen Gesichtspunkten aus ist zunächst die Frage der Territorien zu beantworten. Es handelt sich nicht darum, das Territorium oder ein Territorium oder überhaupt Territorium im Sinne von Massenzufluchts- und Massenansiedlungsgebiet zu finden. Es gilt nicht, in aller Eile ein jüdisches Land oder jüdische Länder mit durchaus jüdischer Bevölkerung oder mit jüdischen Bevölkerungsmehrheiten, sondern einfach Platz für die Auswanderer zu schaffen. Es gilt Gebiete zu finden, wo sie nicht unwillkommen, wo ihnen die Gesetze günstig sind, wo sie Aussicht auf anständigen und auskömmlichen Lebensunterhalt haben,. und wo ihre jüdische Sonderart nicht bedroht ist. Damit diese Bedingungen in jenem Masse erfüllt sind, auf welches sie in den Grenzen der Aufgabe Anspruch haben, bedarf es keines leeren und jungen Landes und keiner völkerrechtlichen Autonomie. Ein jüdisches Volk, das Anspruch auf Eeife machen will, muss sich für derlei Errungenschaften Zeit lassen, muss aber zugleich wissen, dass es in anbetracht des Elends der Stunde, des Tages, des Jahres und Jahrzehnts nicht Zeit hat, auf sie zu warten. Die gehetzten Hunderttausende dürfen nicht Versuchskaninchen an Werken werden, die — organisch, nicht auf Katastrophen aufgebaut —. überhaupt keine oder nur wenige Menschenopfer erfordern. Diese Märtyrer können mit ruhigem Gewissen in Länder gebracht werden, die nicht dem jüdischen Volke zugesprochen werden und die bewohnt sind. Es kommt auch im allgemeinen garnicht auf den Grad der Dichtigkeit der Bevölkerung an. Unter Umständen können dichtbevölkerte Gegenden sowohl in politischer als wirtschaftlicher Hinsicht für jüdische Zuwanderer aufnahmefähiger sein, als schwachbevölkerte. Natürlich hängt hier viel von der richtigen Auswahl der Auswanderer ab. Es ist auch gänzlich verfehlt, wenn nicht unverantwortlich, das Schicksal Hunderttausender an private Liebhabereien für die Scholle oder für die Fabrik zu knüpfen. Was sich bietet und wofür man Material hat, ist zu ergreifen. Oder aktiv ausgedrückt: Was man hat, dafür muss man die richtige Verwendung suchen. Wenn man richtig Umschau hält und richtig verteilt, können alle Arten des Erwerbslebens der grossen Sache dienstbar gemacht werden. Dabei braucht man nicht auf Garantien für die Erhaltung der kulturellen Eigenart des jüdischen Volkes zu verzichten. Denn mit den obigen Ausführungen ist keinesAvegs einfach an eine zusammenhanglose Verteilung der Individuen, nicht an eine Atomisierung — die übrigens bei der Lebendigkeit und Verjüngtheit gerade des ostjüdischen Volkes kaum mehr möglich ist —, gedacht. Vielmehr ist jene Form der Ansiedlung gemeint, welche die russischen und polnischen Juden in den letzten zwei Jahrzehnten aus ihrem starken Zusammengehörigkeitstriebe und aus wirtschaftlichen Antrieben heraus, sowie in Ueber-