Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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psiafflfe st: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 2 Februar 1906 VI. Jahrg. ZUR FRAGE DER JUEDISCHEN MASSENWANDERUNGEN. Von Mathias A c h e r (Wien). Nachdruck verboten. Vor allem glaube ich ohne ernstzunehmenden Widerspruch feststellen zu dürfen, dass zionistische oder sonstwie auf die Erwerbung Palästinas gerichtete Bestrebungen, wenn von augenblicklichen Massregeln gegenüber den jüdischen Massen- Wanderungen die Eecle ist, ausgeschaltet werden müssen. Soweit haben sich, wie die Einberufung der Brüsseler Konferenz durch das zionistische Aktionskomitee wohl am besten beweist, Plan und Wille selbst der ausgesprochensten Zionisten längst geklärt. Dagegen haben sich die sogenannten Territorialisten bisher nicht zu der entsprechenden Erkenntnis aufgeschwungen. Wir sahen sie in Brüssel ihre Sache als die Augenblicksnotwendigkeit verfechten. Es war dies von ihnen, die nunmehr gekommen sind, die Judennot kurzer Hand aus der Welt zu schaffen, im Grunde nicht anders zu erwarten. Und ich will mich auch hier nicht auf prinzipielle Auseinandersetzungen mit ihnen einlassen. Nur darauf muss ich verweisen, dass sich einer ihrer bedeutendsten Wortführer in Brüssel gegen den Verdacht wehren zu müssen glaubte, als hielten sie eine Massenkolonisation im Eiltempo für durchführbar, und dass er die notwendige Frist indirekt mit mindestens 60 Jahren veranschlagte. Was ist dies aber anderes, als der Verzicht auf eine rasche, auf eine realistische Massenwanderungspolitik? Eealistische, Wirklichkeitspolitik! Sie ist es ja, die den Juden allenthalben abgeht. Das ist ja das Unglück, dass wohl schon viele den Fortschritt von Gleichgültigkeit und Unbeweglichkeit zum Interesse und zur Bewegung gemacht haben, dass sich jedoch dieses Interesse und diese Bewegung noch nicht zur vollen Tatreife erhoben haben. Die Einen sind noch im Urzustände völliger Richtungslosigkeir, horizontloser Kleinkram erei, die Anderen schon auf höherer Stufe, aber nicht auf der höchsten. Noch immer wissen sie nicht, worin sich die Tatreife eines Volkes am . überzeugendsten offenbart. Noch immer glauben sie an eine kühne, strenge Ideenpolitik als der Weisheit letzten Schluss, während sie nur deren erster Anfang sein kann. Noch immer sehen sie nicht, dass der Weg der Entwicklung durch eherne Tatsachen hindurchgeht und dass es vornehmlich gilt, den Weg zu erspähen und die Tatsachen zu bewältigen. Noch immer schwelgen sie in mehr oder weniger grossartigen Konstruktionen, statt der Wirklichkeit grosszügige Konzeptionen abzulauschen. Darum diese ewige Versuchung, in jede Aufgabe fremde Gesichtspunkte hineinzubringen, die sie nur verwickeln, ihre Lösung nur hindern können! Darum diese Unfähigkeit, die Anderen, die Zurückgebliebeneren, die Eichtungs- und Horizontlosen, mitzureissen, auf ein breiteres Gesichtsfeld und auf einen Weg zu führen! Darum