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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 57 - 58

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Hannah
Date
1906-01-01
Page
Seite 57 - 58 (sequence 2)
Language
German
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57 Hannah. Und sie öffnet weit, ach, weit die fenster, Doch ao warm nicht kommt ein Sonnenstrahl, Dass er wärme ihr das junge Fjerz.--- In dem JSacbbargarten geht der Grieche, startend wandelt er an jedem Cage, fiorebt hinüber, ob der Sand nicht knirsche Unter einem schmalen Seidenschuh, Späht hinüber, ob ein purpursaum Nicht sich schleppe durch das hohe Gras. Und sie kommt, fast willenlos getrieben, fialb in Hngst und halb doch in Brwartung, Und voll Grauen doch und stillem Schauder. Heb, so leer und kalt ist's drin im ßause, Und der Gatte ist so ernst und wendet Kaum den Denkerblick von seinen Büchern, Hber hier ist Glanz und Hiebt und Hiebe. Und er nimmt die kleinen, kalten ftande fest in seine starken, lebenswarmen, Seine weiche Stimme schmeichelt sich ^Xlie Hibellensurren durch die Stille: „fiannab, deiner Hugen Sehnsucht lagert Blau im Schatten deiner dichten Brauen. Dunkel, wie Gebirgeswetterwolkcn Droht das Raar dir in die weisse Stirn. Und aus deiner ^Hangen ernster Rundung Blüht dein Mund wie eine purpurblüte, Brennt dein jviund so rot wie süsse Sünde, Hass mich küssen diesen roten ]Vlund." Doch sie wendet sich in Scham und Bangen Und verschliesst das Ohr den Scbmeicbellauten, Und sie flieht und weint, und ihre Seele, Diese kinderjunge, zarte Seele, Bangt und zittert, wie im Wind das Rohr. Und sie tritt in ihres Gatten Zimmer, Und sie legt die ftand mit leichtem Drucke Huf die Schulter ihm, bis dass er zürnend Voller Torwurf in ihr Hntlitz blickt.- „Böse Cräumc bab ich, Ben Hbija, eine weisse Caube war um mich, Sie umflog mich, wie um Schutz zu suchen, Und sie bettelte um meine Hiebe. Doch ich hatte dies und das zu tun, Dies und das zu sinnen und zu sorgen, Und ich hatte keinen Blick für sie. Da kam durch die Hüft ein fremder Vogel, Gin gar schöner, bunter, gelbgeflammter, Der umgirrte meine weisse Caube, Sang ihr vor von fernen, reichen Händern, Sang ihr vor von Glück und süsser Hiebe. JYIeine Caube sab mit stillen Klagen Zu mir auf, und deutlich wusste icb's, Dass ihr F>erz in Hngst schlug vor dem "Vogel Und in Hngst vor jener bunten ferne. Und ich wusste, dass sie ziehen würde Reimatlos in jene kalte fremde, töenn ich ihr kein <Uort der Hiebe gönnte." „Hieblicb, wie du selbst, sind deine Cräume, <Ueisse Cauben, gelbe Vögel, Hiebe, Hber träumtest du den eignen "Cod auch, JSicbt entschuldigt es die kind'scbe Störung, Die du plump in meine Hrbeit trägst. Deine Caube, fiannab, lass nur ziehen, Und erzähl uns deine trüben Cräume, ölenn uns eine Feierstunde kommt, Geb, mein Kind."---- 6s fällt die Cür ins Scbloss Und schreckt auf die dunkle Hbendstille, Zarte f üsse gehen langsam, langsam, JSasse Hugen wenden sich zurück, Hbschiednehmend zu den stillen fenstern: „Dass du nicht ein Ulort der Hiebe hattest, 6ine Stunde dir nicht retten konntest Hus der Hrbeit und dem müden ernst. Deine weisse Caube, Ben Hbija, Zieht jetzt mit dem fremden, bunten Vogel, Denn sie kann nicht ohne Hiebe leben, Kann nicht einsam in der f)eimat sein. Deine weisse Caube, Ben Hbija, ^Uüsstest du's, wie sehr sie dich geliebt."

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